Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 165. Kapitel: Das dreifache Wesen des (himmlischen) Abedams und das Wesen Henochs als Werkzeug des Herrn.

   01] Und der erste der vier sagte zu den dreien: »Ist es euch recht, so will ich das Wort führen; will aber jemand von euch reden, so ist mir solches ebenfalls genehm!«
   02] Und die andern drei sagten: »Bruder, rede du, da du schon in der Rede bist; denn wir sind ja ohnehin eines Sinnes und einer Ansicht!«
   03] Und so begann der erste alsogleich, nun noch beherzter denn ehedem das Wort zu führen und sagte:
   04] »Guter Mann, Freund und Bruder, da ich aus deiner früheren Rede entnommen habe, daß auch dir ein hoher Grad Weisheit innewohnt, so will denn nun auch ich in der Art hoher Weisheit vor dir den Mund auftun, um dir dadurch meine vollste Achtung und Billigung deiner hohen Weisheit an den Tag zu legen; und so wolle denn geneigten Ohres vernehmen:
   05] Was da betrifft den Abedam, der Sich drei volle Tage hindurch so über- aus wundertätig unter uns aufgehalten hatte, so ist da unsere Meinung über Ihn also bestellt, wie ich dir es jetzt genau kundgeben will.
   06] Der Abedam ist ein Doppelwesen, ja ich möchte sagen, Er ist ein dreifaches Wesen!
   07] Ein Doppelwesen ist Er, indem sich in Ihm offenbar eine menschliche und eine göttliche Natur ausgesprochen hatte: eine menschliche in Seiner Erscheinlichkeit, welche unsere Form hatte und entsprach derselben in allem vollkommen, dann eine göttliche in Seinen Worten und Taten, da bei Ihm ein Wort so gut als eine vollbrachte Tat zu betrachten war.
   08] Der einfache Mensch kann zwar auch Verschiedenes denken und wollen, aber seine Gedanken und sein Wollen sind nur ganz subtile Schöpfungen in sich selbst, welche aber jedoch in ihrer Primität nie in die Erscheinlichkeit zu treten vermögen, sondern erst als ein mühsamer Nachtrag durch Beihilfe mechanischer und organischer Kräfte, durch welche dann unsere innere Schöpfung erst freilich wohl höchst unvollkommen nachgebildet wird.
   09] Also können wir uns auch ein vollkommenes Gras zum Beispiel denken und es dann auch aussprechen. Es ist dadurch in uns auch wie erschaffen; aber dasselbe außer uns zu stellen so vollkommen, wie wir uns es denken, können wir unmöglich, indem unsere Wesenheit nur eine bedingte und notwendig beschränkte ist, und wir können darum nicht in die unendliche Wesenheit Gottes hinein erschaffen, sondern nur in dem Raume unseres eigenen Wesens im kleinsten Maßstabe, wie es die Gottheit tut im Raume Ihrer unendlichen Wesenheit.
   10] Aber ganz anders verhält sich da die Sache mit dem Abedam, der da nichts anderes war als der Sich in jeglicher Form zu äußern imstande seiende Jehova! Denn durch die menschliche Form im Abedam wirkte die Gottheit aus Ihrer Unendlichkeit heraus, und was demnach der Mund Abedams sprach, mußte ja ein vollbrachtes Werk sein, indem doch alle Dinge, welche wir beschauen, nichts anderes sein können als Gedanken und Worte, welche in der unendlichen Gottheit auch selbst unendlich vorhanden sein müssen und, so sie von der Gottheit Selbst ausgesprochen werden, auch darum notwendig also evident vorhanden sein müssen, wie in uns selbst jene Gedanken und Worte, welche wir für und in uns bestimmter ausgesprochen haben.
   11] Siehe nun, lieber, guter Mann, Freund und Bruder, also verhält sich die Sache! Es könnte mir freilich wohl eingewendet werden und könnte jemand sagen:
   12] »Wenn es denn also ist, wie verhält es sich demnach mit der schon öfter vorkommenden Wunderkraft im gewöhnlichen Menschen, so ihm die Gedanken Gottes gehorchen?«
   13] Da sage ich aber: Dann ist der Mensch selbst zur Äußerung der Gottheit geworden, welche durch ihn wennschon im kleineren Maßstabe wirkt, wie Sie im für uns möglich größten Maßstabe durch Abedam gewirkt hatte.
   14] Und so liegt denn die göttliche Wirkung nicht in der Wesenheit des Menschen, sondern allein nur in der Wesenheit Gottes, der Sich da durch einen Menschen so oder so hat äußern wollen!
   15] Also steht es hernach auch mit dem Henoch, der da an und für sich nichts mehr und nichts weniger ist, als wir alle es sind, nämlich ein ganz gewöhnlicher Mensch; so ihn aber Gott durch Abedam berufen und bestimmt hat zu einem Oberpriester oder für ein Organ, durch das Er Sich beständig zu den Menschen in menschlicher Form äußern will, so ist Henoch, wenn Sich Gott durch ihn äußert entweder durch Wort oder Tat, nahezu das, was der Abedam Selbst war, nämlich ein geheiligtes oder befähigtes Mittel, durch welches sich die unendliche Wesenheit Gottes örtlich und zeitlich äußern will.
   16] Der Henoch als Mensch aber vermag aus sich so wenig wie ich; wenn er aber etwas vermag, da vermag solches nur Gott durch Henoch, - was der Henoch sicher noch besser einsieht denn ich, indem er ein Grundweiser ist!
   17] Ich habe aber früher gesagt, daß der Abedam auch ist wie ein dreifaches Wesen; solches liegt darinnen, weil eben dieser Abedam - wie ich es wenigstens gefunden zu haben glaube die Fülle der göttlichen Kraft in sich faßt, indem er vollkommen als die reinste Liebe in Gott wie selbständig auftrat und redete und handelte aus dieser Selbständigkeit also heraus, als wäre nicht er der Gottheit, sondern die Gottheit in aller Ihrer Fülle ihm untertan.
   18] Wenn es aber unleugbar also ist, da ist Abedam ja dreifach, nämlich: die Gottheit Selbst, weil die Liebe; weiters die wirkende Allkraft Gottes Selbst, weil das Wort pur Liebe; und endlich die Liebe Selbst, weil die Gottheit mit aller Ihrer endlosen Machtfülle Selbst!
   19] Siehe, das wäre nun unsere Meinung über Abedam und Henoch! Ich habe sie dir gegeben also, wie wir sie gefunden haben. Es liegt nun wieder an dir, sie gutzuheißen oder zu tadeln; denn die Weisheit nur kann die Weisheit prüfen und beleuchten! Gott aber sei alle Ehre ewig! Amen.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers