Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 153. Kapitel: Henochs Selbstgespräch über die Weisheit des Fremden. Abedams Träumerei und große Ahnung.

   01] Als der Henoch aber solchen Bescheid vom Fremden vernommen hatte, ward es ihm sonderbar zumute, und er wußte nun nicht, wie er daran war.
   02] Er dachte bei sich nach und sagte zu sich selbst in sich: »Je mehr ich seine Worte erwäge, desto mehr erschaue ich auch deren unwidersprechliche Richtigkeit; und doch kann ich mich wieder nicht entsinnen, daß uns der hohe Abedam je etwas davon gemeldet hätte!
   03] Es ist doch wahrhaftig sonderbar: Man könnte sich nichts vorstellen, was da noch reiner wäre als eben diese Worte, - und, wie gesagt, Abedam hatte solches nicht verkündet! Seine Lehre ging ja nur hauptsächlich auf die Liebe hinaus und auf die Demut, und mir befahl Er, zu verkündigen eben nur die Liebe und alle Demut aus ihr!
   04] Wenn ich aber nun dieses Fremden Worte so recht erwäge, so scheint es doch wieder trotz der Richtigkeit etwas sonderbar, daß eine von einem berufenen Lehrer ausgesprochene Lehre soll dem Urteile eines jeden einzelnen Menschen unterworfen sein und kann dann erst als vollgültig angenommen werden, wenn sie jedem Urteile völlig entspricht!
   05] Anderseits ist es aber dennoch wieder richtig, daß nämlich eine Lehre bloß für den Wind taugt, wann sie nicht von den Herzen, an die sie gerichtet war, als völlig eigentümlich ist aufgenommen worden! - Was ist also hier zu tun?
   06] Kurz und gut, eine Regel muß ja sein, und diese Regel soll also lauten: Was du als völlig richtig, gut und wahr erkennst - ob es jetzt aus was immer für einem Munde kommt -, sollst du deinen Brüdern nicht vorenthalten; denn auch sie haben einen so gut unsterblichen Geist wie ich!
   07] Dieser Regel kann auch Jehova Selbst sicher nichts einwenden!
   08] Daher will ich auch tun nach den Worten des fremden Mannes!
   09] Da wäre zum Beispiel ja sogleich mein lieber Bruder Abedam; wir wollen sehen und hören, was da er dazu sagen wird!«
   10] Hier wandte sich der Henoch an den Abedam und sagte zu ihm: »Bruder Abedam, du hast so gut wie ich und alle vernommen des fremden Bruders überaus köstliche Worte! Siehe, dir wird ein großes Stück Brot dargereicht; beiße hinein, und sage uns sodann dein Urteil, ob und wie es sättigt das Verständnis deines Herzens!«
   11] Hier erschrak ganz ordentlich der Abedam und wußte nicht, was er darauf sagen sollte; denn er war während der Hauptrede des Fremden beständig mit sich selbst beschäftigt und wußte darum nicht, von was da so ganz eigentlich die Rede war. Und so fragte er nach einiger Fassung ganz leise und vertraut den Henoch, worüber er denn so ganz eigentlich ein Urteil von sich geben solle.
   12] Der Henoch aber sagte darauf zu ihm: »Ja, mein lieber Bruder, wenn es dir an der gerechten Aufmerksamkeit des Geistes gebricht, da bist du freilich wohl noch bei weitem nicht wach, sondern noch schlafend; ein Schlafender aber kann ja doch kein Urteil von sich geben!
   13] Hast denn du das so ganz überhört, wie der Fremde mir den Unterschied zwischen den Geschöpfen und den Kindern Gottes überaus weise gezeigt hat und hat mir gezeigt den Unterschied zwischen dem gerichteten Leben und dem Tode der Sünde?!
   14] O du stummer und tauber Geist! Wie konnte dir denn des Lebens allerwichtigste Enthüllung entgehen?!«
   15] Durch diesen Rüttler erwachte erst der Abedam und fand in sich die ganze Rede des Fremden leuchtend gleich einer Sonne im Aufgange und sagte darauf:
   16] »Sei dessen nicht ungehalten, was da betrifft meine nicht eigenwillige Schläfrigkeit, lieber Bruder Henoch; denn jetzt habe ich es ja schon völlig in mir gefunden und sage dir, daß alles das von dem Fremden Gesagte auch nach meinem Urteile so rein und richtig ist wie die Sonne am reinsten Morgen!
   17] Des kannst du völlig versichert sein; mehr brauche ich dir nicht zu sagen!
   18] Nur mache ich dir hier eine Bemerkung bezüglich dieses Fremden, und diese lautet von mir aus also:
   19] Bruder Henoch, sei stets eingedenk der großen Liebe Jehovas, unseres allerheiligsten Vaters; denn Er geht stets auf solchen Wegen einher, die nie ein scharfsichtigster und tiefsinnigster Engel erschauen und ergründen wird!
   20] Siehe, ich bin zwar ein Schläfer, aber wie es mir vorkommt, so sehe ich diesmal in meinem Schlafe mehr - denn du in deinem Wachsein!
   21] Doch, was ich sehe, das sage ich dir nicht, und das so lange nicht, bis du es selbst ebensogut sehen wirst, wie ich es sehe!«
   22] Hier begab Sich der Fremde zum Abedam und sagte zu ihm: »Wahrlich, du kannst es glauben, die Augen deines Geistes täuschen dich nicht! Doch ist es aber für so manchen Geist besser zu gewissen Zeiten, daß er nicht so bald sieht in die Mitte dessen was da ist vor ihm; solches auch weiß Ich aus gar alter Erfahrung schon. Daher hast du wohl recht, das nicht zu sagen, was du siehst, sondern erst dann, wenn es auch ein anderer sehen wird!«
   23] Hier fragte der Henoch den Fremden: »Bruder, was soll damit gesagt sein? Wahrlich, es ist das erste Mal, daß mir der Abedam unverständlich wird!
   24] Sage mir es doch, was es ist, das ich nicht sehe; denn solches mußt du ja als ein weisester Mensch doch auch wissen, daß die Ungewißheit des Geistes höchste Qual ist und ärger ist denn der Tod selbst! Daher sage es mir, darum bitte ich dich!«
   25] Der Fremde aber sagte zu ihm: »Henoch, Ich sage dir, frage du dein Herz! Sagt dir dieses nichts, so wird dir das wenig nützen, was Ich dir sagen würde; es kommt auch hier auf das eigene Urteil an! Du kennst doch die Bäume aus den Früchten; wenn ein Baum aber lebendige Früchte bringt, wie ist demnach der Baum selbst?
   26] Oder hast du je gesehen, daß da einem dürren Stocke auch entwachsen möchten lebendige Früchte?!
   27] Zerstörendes Moos wohl, aber keine lebendige Frucht!
   28] So du aber an einem Bruder entdeckst lebendige Wortfrüchte, so ist es dann ja rätselhaft, daß du den Bruder nicht näher erkennen magst.«
   29] Hier staunte der Henoch noch mehr, und fing an, den Abedam zu mustern.
   30] Dieser aber sagte: »Bruder, mich musterst du vergeblich; mustere lieber jemand andern, und du wirst an Ihm sicher mehr entdecken denn an mir Siehe, Er ist uns nicht ferne; solches wirst du doch verstehen, lieber Bruder?!


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