Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 148. Kapitel: Der hartnäckige Fremde. Henochs gute ausweichende Antwort. Des Fremden Gegenfrage und Henochs neue Verlegenheit.

   01] Als der Fremde aber schon eine geraume Zeit gewartet hatte und noch immer keine Antwort erhielt, da wandte er Sich wieder zum Henoch und fragte ihn: »Henoch, hältst du Mich denn einer Antwort unwert, darum du also schweigst, und magst zu Mir nicht sagen ja oder nein? Oder solltest du noch immer keine Löse in dir gefunden haben?
   02] Ich ersuche dich darum, Mir entweder eine Antwort zu geben, oder Mich irgendwo andershin zu bescheiden; denn Ich stehe darauf an, daß da zwischen Mir und diesem Bruder vollends Licht werde!«
   03] Hier besann sich dann der Henoch nicht mehr lange, sondern sagte alsobald zum Fremden: »Höre, lieber Bruder, dein und deines Bruders Anliegen ist von einer solchen Art, daß sich so ganz eigentlich darauf nicht viel sagen läßt! Denn es ist im Grunde dein Satz so wahr und richtig wie der des Bruders, und es sagt im Grunde einer dasselbe wie der andere; nur die Worte sind verschieden. Siehe, also erfasse ich es; da du aber darinnen einen bedeutenden Unterschied findest, so ist es mir unmöglich, aus diesem Unterschiede eine lichte Mitte herauszubringen, indem ich hier durchaus keinen Unterschied finde! Denn ein gezwungenes Leben ist ja nur ein scheinbares; was aber ist ein scheinbares Leben? Doch unmöglich etwas anderes als eine scheinbare Bewegung, welche so gut wie gar keine Bewegung ist!
   04] Wenn zum Beispiel zur Nachtzeit durchbrochene Wolken unter dem Monde hinwegziehen, da kommt es dem Auge zur Erscheinung, als zöge der Mond über ihnen hinweg; ist aber diese scheinbare Bewegung nun auch eine wirkliche?
   05] O mitnichten! In dieser Hinsicht ist der Mond tot; denn nicht er, sondern nur die Wolken bewegen sich.
   06] Wie aber eine solche Bewegung keine Bewegung ist, sondern nur ein barster Stillstand, also ist auch ein gezwungenes oder gerichtetes Leben kein Leben, sondern bezüglich auf das eigentliche Leben ein allerbarster Tod.
   07] Denn wenn etwas Nichtlebendes durch ein anderes Leben nur wie lebendig mit fortgerissen wird, wie zum Beispiel ich ein Kleid mit mir auf meinem lebendigen Leibe herumschleppe, so lebt es darum nicht, sondern es ist bar tot in Hinsicht auf mein Leben, wenn es auch eine eigentümliche Kraft insoweit innehaben muß, auf daß es nicht zerfällt oder auch gänzlich vergeht und mir darum zu einem Kleide nicht dienlich sein könnte!
   08] Siehe, das ist aber auch alles, was ich dir auf deine Frage zur Antwort zu geben vermag!
   09] Doch willst du aber durchaus irgendeinen leuchtenden Unterschied erfahren, so wird dir nichts anderes übrigbleiben, als dich entweder an jemand anders zu wenden, oder eine bessere Zeit abzuwarten, allwann ich in dieser Sache vielleicht mehr Licht haben dürfte denn gerade jetzt!
   10] Übrigens aber muß ich dir bemerken, daß es um vieles besser ist, Gott aus allen Kräften und die Brüder mehr denn sich zu lieben, als sich mit derlei Weisheitskniffen zu befassen.
   11] Tuet das, so wird euch der Unterschied zwischen dem, was da ist ein genötigtes Leben der Sünde, oder was da ist der Tod, gar wenig kümmern; denn nur dadurch werdet ihr wahrhaft lebendig werden!
   12] Wer aber das Leben hat, der tut ja dann doch sehr unklug, wenn er sich kümmert um das, was da ist des Todes!
   13] Tuet ihr nun, was ihr wollt; aber solches laßt nicht unbeachtet!«
   14] Und der Fremde entgegnete darauf dem Henoch: »Mein lieber Henoch, du hast zwar in einer Hinsicht eben nicht unrecht; aber so du sagst, es solle sich der Lebendige um den Tod nicht kümmern, da möchte Ich denn doch wohl von dir erfahren, was du da meinst?!
   15] Siehe, Gott ist doch sicher völlig lebendig; alle Menschen aber sind tot gegen Ihn! Wenn Er Sich nun als der allein Lebendige nicht kümmern würde in Seiner großen Liebe, Erbarmung und Weisheit um die in sich toten Menschen, also um den allgemeinen Tod, wie würde es da dann mit dem Lebendigwerden der Menschen wohl aussehen?
   16] So wir aber Ebenmaße Gottes sind, so weiß Ich in diesem Falle zufolge deiner recht guten Lehre im Ernste nicht, wie Ich Mich als solch ein göttliches Ebenmaß betrachten soll; denn das Leben braucht keinen Erlöser wohl aber der Tod!
   17] Siehe, dahier steckt es jetzt schon wieder zwischen uns!
   18] Erweise Mir das, und Ich will Mich in allem zufriedenstellen!«
   19] Hier fing der Henoch ganz gewaltig an zu stutzen; der Abedam aber sagte:
   20] »Es wird immer klarer: wir sind angerannt - und nichts anderes! Ich wollte schon frohlocken über deine weise Lehre; aber wie stehen wir wieder jetzt da?!
   21] Nein, ist aber das ein Einwurf! Wie ein Berg auf einem Ameisenhaufen, der alle hinrichtet!
   22] Nein, über den Einwurf müßte selbst ein Erzengel krank werden!
   23] Bruder, weißt du was? Legen wir vor Gott und der Welt schön sauber unsere Ämter nieder, und wir werden uns sogleich besser befinden; denn noch ein solcher Einwurf kostet uns allen das bißchen Leben! Ja, ja, das tun wir!«


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