Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 127. Kapitel: Der träge Enos preist als Lebensverneiner das Nichtsein.

   01] Diese Worte drangen dem Enos und auch so manchem anderen wie glühende Pfeile ins Herz, und er und ein jeder fing an, darüber in sich ganz ernstliche Betrachtungen zu machen.
   02] Er ging zwar auf seinen früheren Platz zurück, aber in seinem Herzen fing sich's an ganz gewaltigst zu regen. Tausend Gedanken und Ideen tauchten gleich Feuermeteoren aus der Tiefe seiner Seele auf und durchzuckten gleich Blitzen dieselbe kreuz und quer und brachten in ihm gerade die Wirkung hervor, als wenn sie auf Augenblicke zur Nachtzeit die Gegenden der Erde erleuchten, die da auch durch die kurze Dauer des Blitzlichtes recht deutlich zu sehen sind, - wenn aber der Blitz erloschen ist, so wird aber dann auch sogleich die Nacht zehnfach ärger denn vor dem Blitze.
   03] Aber trotz solcher Lichtmeteore wollte sich in ihm doch kein bleibend Licht gestalten, darum dann unser Enos auch auf lauter Widersprüche kam, weil solch kurzes Leuchten bald da und bald wieder dort, also stets eine andere Gegend des Herzens erleuchtete und er dadurch auch stets anderer Ideen in sich selbst ansichtig wurde.
   04] Als er aber bei einer guten Stunde lang samt vielen anderen so recht wacker von all den tausend Gedanken und Ideen durchgehtzet wurde, da rief er endlich bei sich aus:
   05] »O Ruhe, du herrliche Ruhe, wie glücklich war ich stets in deinen Armen! Wie glücklich muß ich gewesen sein, da ich nicht war, und um wie vieles glücklicher noch würde ich nun erst werden, wenn es möglich wäre, wieder ins vollkommene Nichtsein überzugehen!
   06] Ist der Mensch denn nicht schon glücklicher innerhalb der Wände seines Hauses, wenn es draußen so recht stürmt, tobt, saust und braust, als wenn er sich draußen befindet mitten unter den Stürmen und Kämpfen der Elemente, - und noch glücklicher dann; so er fest schläft, während draußen die Elemente die Erde zu vernichten drohen?!
   07] Welch ein endloser Unterschied ist da nicht zwischen mir und einem Steine?!
   08] Ich muß denken oder wenigstens träumen; mir ist die Empfindung unvertilgbar zu eigen und ihr zufolge Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Nacht, Tag, Schmerz und Leid; trete ich nur ein wenig aus der vorgezeichneten Ordnung, so werde ich alsbald zurechtgewiesen, und das allzeit mit mehr oder weniger klingenden Drohworten, durch welche dann allzeit wieder Reue meinem Herzen erpreßt wird.
   09] Irre ich öfter, so werde ich allzeit dafür gezüchtigt, und das darum, weil ich das unglückselige Leben und mit ihm die Empfindung haben muß; o ihr elenden Vorzüge des Lebens vor dem Tode!
   10] Du glücklicher Stein, du bist da Empfindung und bestehst doch gar wohl ohne Speise und Trank!
   11] Dich zerhetzen keine Gedanken und Ideen; du kennst kein Gesetz denn allein stumm das der allerglückseligsten ungestörten Ruhe; dir ist ewig fremd Hunger, Durst, Hitze und Kälte; dein aller Empfindung loses Sein verspürt keine Schläge und keinen Schmerz;
   12] Leid und Trauer kennst du nicht; du alterst nicht; die Liebe zerreißt dir kein Herz, da du, Glücklicher, keines hast!
   13] O du überaus beneidenswertester Stein, könnte ich sein dir gleich, wahrlich - und hätte ich tausend der vollkommensten Leben in mir -, so gäbe ich sie alle um ein Atom deines allerglücklichsten Wesens, vorausgesetzt, daß du wirklich also leblos und unempfindlich bist, wie du es zu sein scheinst!
   14] O großer, erhabener Schöpfer aller Dinge, jetzt hätte ich eine ganz andere Frage; die Beantwortung dieser Frage dürfte Dich sicher mehr kosten denn die frühere!
   15] Die Fülle des Lebens willst Du mir geben, um mich glücklich zu machen?! - O des unglücklichsten Glückes!
   16] Gib mir lieber ein vollkommenes Nichtsein, so wirst Du mich wahrhaft glücklich machen!
   17] Wie blind muß der sein und ein wie großer Tor, der da mag das stets gehetzte Leben glücklich preisen, welches, je vollkommener es ist, auch stets gehetzter und somit unglücklicher sein muß!
   18] Ich werde Dich, Du Leben alles Lebens, daher nicht ums Leben, sondern nur stets um den allervollkommensten Tod bitten!
   19] Denn da ich nicht war, war ich fest und stark, bist ohne Leben und glücklich; und wenn ich wieder nicht mehr sein werde, werde ich auch wieder glücklich sein!
   20] O Herr, behalte, behalte Deine Lebensfülle, dies größte Unglück für jedes Wesen; mir aber gib die Fülle des Todes, des Nichtseins Fülle gib mir, so wirst Du mich wahrhaft glücklich, ja ewig glücklich machen!
   21] Zu einem Steine mache mich ohne Leben und Empfindung, so werde ich durch mein stummes Sein Dich loben und preisen dafür ewig! Amen.«


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