Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 96. Kapitel: Die erschreckenden Erscheinungen beim Morgenmahle. Adams Aufregung und Furcht.

   01] Nachdem sich auf die Beheißung Abedams nun alles zur Erde niedergelassen hatte und aß und trank, selbst der Adam nicht ausgenommen, obschon er sich mit seiner Kurzsichtigkeit noch nicht ganz zurechtfinden konnte, und der hohe Abedam Selbst mitaß und -trank, vernahm man auf einmal ein starkes Geheul von vielen Menschen von der Morgengegend her und sah eine Rauchsäule um die andere aus der Tiefe sich erheben.
   02] Diese so plötzlich eingetretene Erscheinung machte fast alle die Kinder der Höhen stutzen, und niemand wußte so ganz recht - selbst der Seth und der Henoch nicht -, was er daraus machen sollte.
   03] Adam aber, voll Entsetzen, eilte hin zum Abedam und fragte Ihn, sagend nämlich: »Liebevollster, heiliger Vater, was ist denn das schon wieder?!
   04] Kaum habe ich mein Gemüt etwas beruhigt darüber, was alles mir schon heute widerfahren ist, so kommt aber auch schon wieder etwas anderes zum Vorscheine, was noch drohender ist als alles Frühere!
   05] O heiliger, lieber Vater, beruhige mich, ja beruhige uns alle, und zeige uns gnädigst an, was das ist, und woher es rührt! Wer ist der Urheber dieses Geheuls? Was wird daraus werden? Welche Folgen wird es haben?
   06] O Du lieber, heiliger Vater, beruhige, beruhige unsere Gemüter, so Dein heiliger Wille es ist!«
   07] Der Abedam aber sagte darauf, noch am Speisekorbe sitzend: »Höre, und sage es Mir: Was wirst denn du hernach tun, so Ich es dir auch auf ein Haar alles sagte, was das Geheul ist, woher es kommt, warum es daher kommt, und was die Folge sein wird, und auch warum Ich solches zulasse? Sage Mir: Was wirst du hernach tun?
   08] Ich sage es dir: nichts anderes, als was du jetzt tust!
   09] Wenn du aber hättest irgendeine Einsicht, so würdest du ohne alle Angst tun, was Ich Selbst bei dieser Gelegenheit tue, nämlich du würdest ruhig sein, und essen und trinken, und Mich lieben in deinem Herzen.
   10] Wer aber sich an Meiner Seite kümmert und sorgt, dem geschieht es ja recht, wenn in ihm verheerende Stürme zu toben anfangen und einen Berg des Vertrauens auf Meine unendliche Macht und Liebe um den anderen in seinem Herzen zu zerstäuben anfangen!
   11] Also geschieht es auch dir recht, daß dein Gemüt beunruhigt wird, darum du noch nicht glaubest vollkommen, daß Mir allein alle Dinge untertan sind.
   12] Was ist dir oder jemand anderem denn schon Übles begegnet bei all den großen Erscheinungen, die sich während dieses Meines sichtbaren Untereuch-Seins allhier auf der Höhe seit dem Vorsabbate zugetragen haben?!
   13] So ihr aber noch allzeit an Meiner Seite mit der vollkommen heilen Haut davongekommen seid, warum fürchtest du dich denn jetzt?!
   14] Gehe daher unbesorgt auf deinen früheren Platz, und iß und trink; wenn du Mich aber wirst sehen, daß Ich Mich erhebe von der Erde, dann magst du auch dasselbe tun! Amen.«
   15] Darauf begab sich der Adam alsbald wieder auf seinen früheren Platz, aß und trank zwar, aber also wie einer, dem es nicht recht schmeckt; in seinem Herzen aber führte er folgendes Gespräch mit sich:
   16] »Mein Gott - und mein Herr, Du hast ja in allem ganz vollkommen recht! Es liegt freilich wohl an mir selbst die Schuld meines Kummers und ich weiß es auch bestimmt, es möge da kommen, was nur immer wolle, Er hat uns allzeit errettet und wird uns auch diesmal ganz sicher nicht zugrunde gehen lassen - das ist gewiß und sicher -;
   17] Aber alles dessen ungeachtet haben ich und viele andere dennoch eine allzeit überstarke Angst zu bestehen! Wozu ist denn diese gut?
   18] Warum muß ich mich denn fürchten für nichts und nichts?
   19] Ist denn solch eine allzeit leere Furcht denn für etwas gut?
   20] Für was denn eigentlich, wenn darauf nichts folgt, was da einer Furcht und Angst würdig wäre?!
   21] Aber trotzdem muß ich mich dennoch fürchten, und fürchte mich jetzt ebenfalls, obschon ich wohl weiß, daß uns allen sicher kein Haar gekrümmt wird!
   22] Oder fürchte ich mich darum, weil ich eine Furcht vor der Furcht meines Herzens habe? Wie aber kann man sich aus Furcht vor der Furcht fürchten?
   23] Denn, wenn ich mich fürchte, so ist die Furcht ja schon da und ist dann ein einfaches, aber kein zweifaches Übel!
   24] Wenn der Herr uns aber schon allzeit errettet, davor wir uns fürchten, warum denn läßt Er uns in die Furcht geraten, die doch auch ein großes Übel ist?
   25] Oder wäre das wirkliche zu folgen habende Übel ohne die vorhergehende Furcht an und für sich denn nicht besser als die arge Furcht selbst vor demselben?
   26] Kurz, ich sehe es da trotz alles Hinundherdenkens nicht ein, wozu die irgendeinem Übel vorangehende Furcht gut sein soll.
   27] Daher könnte uns der große Retter von allem Übel ja wohl auch von dem der leeren Furcht befreien oder uns wenigstens zeigen, was die Furcht ist, und wozu sie taugt!«
   28] Als der Adam solches kaum ausgedacht hatte, siehe, da erhob Sich auch schon der Abedam, berief den Seth und den Henoch zu Sich und redete mit ihnen geheime Worte.
   29] Das juckte den Adam noch mehr; als aber darauf gar bald sich der Seth und der Henoch gegen Morgen hin begaben, da war es völlig aus beim Adam.
   30] Er getraute sich zwar nicht laut zu werden, aber desto bunter von Furcht und Neugierde wurde es in seinem Herzen.
   31] Der Abedam aber tat, als merke Er solches nicht, und beschied sogleich den Garbiel und den Besediel zu Sich.


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