Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 78. Kapitel: Vison des Riesen Rudomin. Die Größe des Menschen als Gotteskind.

   01] Nach diesen Worten entließ der Abedam den Thuarim äußerlich, aber nicht also etwa auch innerlich; und der Thiuarim, fast ganz in Liebe und Dank aufgelöst, ließ somit zwar wohl auch äußerlich die Hand des Abedam aus, klammerte sich aber eben darum desto krampfhaft fester im Herzen an dieselbe an und ging dann in solcher lebendiger Verfassung einige Schritte zurück, und zwar auch gleich dem Sehel rücklings, damit er ja kein Auge abwendete von Dem, den sein Herz nun erkannt hat, daß Er heilig, heilig, heilig ist und voll der allerhöchsten Vaterliebe.
   02] Als er nun wieder seine vorige Stelle erreicht hatte unter seinen Brüdern, da berief der Abedam alsbald den Rudomin, sagend nämlich: »Rudomin, komme und rede und zeuge aus dir! Amen!
   03] Und alsbald trat der sehr große Rudomin hervor aus seiner Brüder Mitte und stand da gleich einer Himmelssäule, ganz starr vor lauter Demut, Liebe und Ehrfurcht vor dem hohen Abedam.
   04] Trotz dieser seiner Befangenheit aber sprach sich aus allen seinen Teilen dennoch eine wahrhaft männliche Ruhe und bescheidene Erhabenheit aus, welche da bei keinem andern also gewaltig, das heißt also ersichtlich ausnehmend sich äußerte wie eben beim Rudomin, darum er an Körpergröße alle Kinder samt dem Adam bei weitem übertraf, da er ein Riese war von sechzehn Handspannen Höhe und sonst überkräftig in allen seinen Muskeln und Nerven.
   05] Als aber dieser Riese lange zauderte mit seiner Sprache und sich stets mehr und mehr ängstlich bedünkte (bedachte) und ehrfurchtvollst in sich überlegte, wer Der ist, vor dem er jetzt stehe und reden solle, da sah ihn alsbald der Abedam liebfreundlichst an und fragte ihn:
   06] »Rudomin, warum zauderst du vor Mir, deinem Vater und Gott?
   07] Was hält denn da noch gefangen dein Herz und gebunden deine Zunge?
   08] Laß das, was für jetzt nicht taugt; ermanne dich im Herzen und rede! Amen.
   09] Diese ermunternden Worte drangen wie ein ätherischer Lebensbalsam durch das ganze Wesen Rudomins, sein Herz ward frei von aller Beklommenheit und seine Zunge leicht gleich einer Federflaume; und also begann er auch mit einer mächtigen Riesenstimme alsbald zu reden, so laut zwar, daß sich seine Worte an den Wänden der nächsten Berge brachen und also verhallten.
   10] Also aber lauteten sie: »Gott, Vater, Du ewige, allerreinste Liebe, der Du heilig, heilig, heilig bist! Wer kann Dich lieben, loben und preisen nach Würde und rechter Gebühr?! Denn zu wunderbar groß und heilig ist alles, was Du, o heiliger Vater, uns gibst!
   11] Was ist doch der Mensch in aller seiner Niedrigkeit und vollen Nichtigkeit, daß Du, o großer, ewiger, allmächtiger Gott, seiner gedenkst und ihn also mächtig fühlen läßt die Ausflüsse Deiner unendlichen Gnade, Liebe und Erbarmung?
   12] Ja, jetzt erst erkenne ich es klar und deutlich, daß Du, o Gott, ein wahrhafter Vater bist und wir Deine Kinder; denn was solltest Du anderes sein und was wir, da uns doch nur Dein heiliger Wille durch Deine endlose Liebe gezeugt hat?!
   13] Ja, ja, Du bist wahrhaft unser aller heiliger Vater und wir wahrhaft Deine Kinder und sind endlos groß von Dir aus und erhaben und mächtig, aber klein und nichtig, ja gar nichts von uns selbst aus, da nicht wir, sondern nur Du uns gezeugt hast aus Deiner ewigen, unendlichen Liebe!
   14] Uns selbst überlassen, sind wir wahrhaft nichts; aber an Deinem Vaterherzen sind wir groß, ja unnennbar groß, stark und überaus mächtig, so, daß Welten und Sonnen und Monde zu Milliarden vor unserem leisesten Hauche fliehen wie der leichteste Staub, den des Strahles leichtestes Wehen schon aus seiner Ruhe scheucht.
   15] Wahrlich, solches würde ich nicht sagen, so ich es nicht gesehen und empfunden hätte in meinem Gesichte!
   16] Ich aber habe es gesehen und gar mächtig empfunden, und so rede ich auch dieser meiner in mir durch die Gnade unseres heiligen Vaters gefundenen und überklar und mächtigst empfundenen und tiefst geschauten Wahrheit zufolge.
   17] Denn gar bald nach der heiligen Beheißung, daß wir in unser Inneres schauen sollten, verschwand die Erde und der ganze sichtbare Himmel, und ich schwebte allein in der Mitte eines unendlichen, ewigen Raumes. Meine Augen starrten lange in die unendlichen Tiefen der Ewigkeiten; aber vergeblich war dieses eitle Mühen, denn da war sogar jedes Stäublein hinabgesunken in irgendeinen Abgrund der Unendlichkeit.
   18] Nur ich allein schwebte hier ohne Unterlage irgendeines Weltkörpers im heiligen Dunkel des unendlichen, ewigen Raumes!
   19] Aber plötzlich kam ein großer Gedanke aus meiner Tiefe, und dieser Gedanke war ein heiliges Wort; das Wort aber lautete:
   20] ,Wische ab mit deinem kleinsten Handfinger die kleinste Zehe eines deiner Füße! Da wird ein Stäublein kleben; dieses Stäublein betrachte!'
   21] Und ich tat alsbald nach dem Worte. Als ich aber solches tat, sehet, da fing das Stäubchen alsbald an, sich auszudehnen über meinen kleinsten Finger und löste sich auf in zahllose Staubatome; die Atome aber wuchsen alsbald an zu Sonnen, Welten und Monden und zuckten von meiner Hand hinaus in die endlosen Tiefen der Tiefen und füllten mit Licht und Wesen die unendlichen, früher leeren Räume!
   22] Hier erschauerte ich bis in die Tiefe meines Lebens vor meiner eigenen Größe und dachte: ,Was, das alles klebte an meiner Zehe, mir nicht einmal fühlbar?!'
   23] Aber ein anderes Wort stieg in mir auf und sagte: ,Meinst du denn, die Kinder Gottes seien Mücken, die den Staub bekriechen?!
   24] Siehe auf dein Wachstum, und vergleiche dich mit all dem, was aus dem Stäubchen vor dir da ward, und du wirst gewahren, was du bist, und was die Dinge sind, die an deiner Zehe klebten!'
   25] Und ich ward erhoben. All die Dinge schwebten wie glitzelnder Sand vor meinen Augen; aus mir aber drang alsbald ein mächtiges Licht hervor, und der unendliche Raum ward vom selben erfüllt.
   26] Und erst in diesem Lichte ersah ich die Größe der Kinder Gottes, all der anderen Dinge Nichtigkeit gegen sie, - und warum der heilige Vater zu uns kam und uns Selbst lehrt die Wege der Unendlichkeit.
   27] Also redete ich aber, weil ich es also gesehen und empfunden habe.
   28] Anderes aber sah ich nichts denn das; darum Dir, Gott, unserm Vater, alles Lob, alle Ehre, alle Liebe und allen Dank ewig! Amen.«


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