Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 33. Kapitel: Horeds Einkehr, sein Bekenntnis und sein neuer Irrtum.

   01] Da aber der Hored nun erkannt hatte den Herrn, da fing es auch bei ihm an zu dämmern, daß er darob bei sich also zu denken anfing:
   02] »Was will ich nun machen? Ich ein armselig schwacher, ohnmächtiger Wurm im Staube, der nun nicht einmal mehr imstande ist, mit einem kaum armdicken Bäumchen es aufzunehmen; Er - ein Gott, ein ewiger Gott, die unendliche Urmacht, Kraft und Gewalt Selbst! Ich - ein abscheulicher Sünder; Er - die allerhöchste Heiligkeit!
   03] Ich bin zusammengesetzt aus lauter Eigennutz, Eigenliebe, Eigenwohltat; Er - voll der allerhöchsten Liebe, Gnade, Erbarmung!
   04] Ich bin voll Eifersucht, Zorn, Scheelsucht, Neid und Rachgier; Er voll Milde, voll Sanftmut, voll Nachsicht, voll Geduld, voll Freigebigkeit!
   05] Kurz, ich kann mich besehen, wo und wie immer ich mich nur will und mag, so finde ich mich in dem allerblanksten Widerspruche gegen Ihn!
   06] Was soll ich, was will ich nun tun, was machen, was anfangen, was beginnen?
   07] Er beschied mich zwar zur Grotte hin, da ich sehen solle, ob mein Herz noch irgendeiner Reue fähig ist; aber was wird mir das wohl nützen?
   08] Kenne ich etwa nicht mein arges Herz, das da zur Reue geradeso aufgelegt ist wie ein Stein zur Aufnahme eines Druckes, dem er so lange widerstrebt, als er ist ein harter, unempfindlicher Stein?!
   09] O Naeme, Naeme, du schuldlose Schuldnerin an mein hartes, eigennütziges Herz, jetzt erst wird mir klar, daß sich dir niemand als nur allein der Herr, dein Gott und Schöpfer, ungestraft nähern kann!
   10] Ja, jetzt wird mir alles auf einmal klar, helle und vollends licht: - sie ward mir ja nur als Strafe beschert, darum daß ich in der armen Tiefe Aufsehens machte mit der mir verliehenen Macht, Kraft und Gewalt!
   11] Ja, ja, also ist es; und ich war blind genug, die ziemlich lange Zeit her, in welcher ich im alleinigen, ungestörten Besitze dieser Strafe war, nicht zu sehen und zu gewahren, daß dieses mein süß scheinendes Verhältnis eigentlich nur ein ganz entsetzlich bitteres Strafverhältnis war!
   12] Geil war ich ja von jeher schon gleich wie da ist ein stinkender Bock und ein brünstiger Hirsch, und tat mir dabei auf eine große und starke Gestalt gar vieles zugute; was war nun natürlicher, als daß der Herr, dem meiner unverbesserlichen Torheit zuviel wurde mich endlich wohlverdienter- und gerechtermaßen also strafen mußte?!
   13] Mußte ich nicht schmachten vor der Naeme, und sie wollte mich nimmer erhören, so ich vor ihr brannte wie ein reifer, vollsaftiger Ölzweig?!
   14] Und doch mußte ich ihre unaussprechlichen Reize ansehen, also, daß es mir nicht selten ganz finster vor den Augen wurde!
   15] Ihr Antlitz, gleich der schönsten Morgenröte; ihre Augen, gleich zwei aufgehenden Sonnen; ihren Mund, gleich einer frisch aufblühenden Rose, wenn sie gerade mächtigst schön aus der vollen Knospe bricht; ihr herrliches Haar, das da spielt so prächtig wie ein herrlichster Strahlenstein; ihren Arm, der da so weiß ist wie der Schnee und so zart, sanft und weich wie junge Wolle; ihren Busen, dessen erhabenste Reize mit nichts zu vergleichen sind! Ja, ihr gesamtes Wesen, das da vor meinen Augen nichts Ähnliches findet auf der ganzen Erde, mußte ich anschauen und durfte nichts genießen! Ja, nicht einmal umarmen durfte ich sie; und wenn ich mich vor ihr weinend gewälzt habe, so erhörte sie mich doch nicht, sondern gab mir dabei nur Lehren und Ermahnungen, die dem Munde Kenans oder Henochs sicher keine Schande gemacht hätten, darum ich sie auch nicht einmal verlassen konnte, um mich an ihr zu rächen, sondern sie nur stets mehr und mehr zu lieben genötigt war!
   16] O du Strafe der Strafen! Du harte Strafe! - O Vater Adam, jetzt erst sehe ich es klar vor mir: - darum (weil) du dich entzweit hast mit Gott, darum auch entzweite dich selbst Gott, nahm die Hälfte deines Ich aus dir, bildete daraus die Eva und gab sie dann dir zu einer dich stets gar gewaltig strafenden Gehilfin, die da alle deine frühere Weltenstärke zu einer Staubwurmschwäche machte und dich sogar am Gängelbande ohne das geringste Sträuben von deiner Seite aus dem hohen Paradiese führte, - und du hast die Strafe nicht gemerkt, wie ich sie jetzt merke!
   17] O Gott, o Du großer, mächtiger, heiliger Gott! Wer kann Deinen Rutenstreichen entgehen?
   18] Du hast mich hart gezüchtigt und ich gewahrte nicht die Härte Deiner Rute; Du wardst mir barmherzig, nahmst mir ab der harten Strafe große Bürde, - und ich als der größte Tor und Esel grämte mich dessen!
   19] Doch jetzt erst erschaue ich die ganze Tiefe meiner Tollheit und danke Dir in mir, wie Dir noch kein Sterblicher gedankt hat, für diese Deine große Erbarmung an mir ärmstem Tropfe!
   20] Dank, Dank, Dank Dir! Du allein hast mich frei gemacht, und ich bin nun wahrhaft frei und gehöre Dir und mir nun wieder ganz völlig allein an.
   21] Aber lasse mir am Ende dieses meines Dankes auch die Bitte hinzufügen, nämlich: daß Du mich in alle Zukunft mit derlei Strafen ewig verschonen möchtest! Willst und mußt Du mich schon strafen, oder muß der Mensch überhaupt Deiner Ordnung gemäß gestraft werden, so strafe uns mich lieber mit Feuer, mit Gift und Skorpionen; aber mit Naemen strafe uns nimmerdar, sonst geht die Erde: unter unseren Füßen zugrunde!
   22] Dabei überlade uns Würmer nicht, und habe einmal doch satt das ewige Strafen! Amen.«


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