Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 15. Kapitel: Ungehorsam aus Liebe.

   01] Nachdem der hohe Abedam den bekannten Abedam somit geordnet hatte, und dieser dadurch in sich erkannt hatte, daß er mit aller seiner Demut noch bei weitem nicht im rechten Grunde war, und daß eben der Herr ihn erst in den wahren Grund zurück in des Liebelebens Tiefe der Tiefen geführt hatte, da fing er erst auch wahrhaft dem Abedam zu danken an. Und der Abedam stärkte ihn und wandte Sich dann an den Henoch und sagte folgendes zu ihm:
   02] »Henoch, wie du es selbst siehst, daß da noch eine und eine halbe Schattenwende abgehen von der geraden Mitte des Tages - es solle aber um eine Schattenwende vor der Mitte des Tages das Opfer des Volkes wegen angezündet werden -, so bliebe uns noch eine halbe Schattenwende übrig!
   03] Was deucht dich, das da nützlich wäre, womit wir diesen Rest der Zeit zubrächten?«
   04] Und der Henoch, ganz entflammt von der reinen Liebe zu Mir, sagte:
   05] »O Abba, Du hast es schon bestimmt und hast zuvor geredet zu meinem Geiste: ,Henoch, siehe, die Kinder aus dem Morgen haben ihren Vater noch nicht zu Gesichte bekommen!
   06] Gehe daher hin zu ihrer mäßigen Schar, und berufe alle zu Mir, damit sie Mich sehen und Ich sie segne!'
   07] Da ich solches von Dir, o Du Abba, erfuhr, was könnte ich wohl noch denken, das da nötiger wäre, als was Dein heiliger Wille erheischt?«
   08] Und der Abedam sprach weiter zum lieben, frommen Henoch: »Lieber Henoch, da du aber solches schon vorher vernommen hast in deinem Herzen, warum gingst du denn nicht sogleich und vollzogst Meinen Willen, sobald du solchen in dir gewahrtest?«
   09] Und der Henoch erwiderte: »O Abba, wer kann sich von Dir trennen, solange er Dich wesenhaft lebendig vor Augen, Ohren und allen seinen Sinnen und vorzüglich aber vor und in seinem Herzen über alles liebend hat?!
   10] Heilig, ja überheilig ist jegliches Wort, das Du, o Abba, zu unseren Herzen heimlich sprichst, - aber noch überheiliger bist Du Selbst!
   11] Denn so Dein überheiliges Wort sich hören läßt in meinem Herzen, da hast Du, o Abba, es also gegeben, daß unsere unlauteren Herzen das Feuer Deiner unendlichen Heiligkeit ertragen können, welches da aus jeglichem Deiner Worte gleich einem großen Licht- und Feuerstrome sich in unsere vor unaussprechlicher Liebe und Ehrfurcht bebenden Herzen ergießt.
   12] So Du, o Abba, aber wesentlich vor uns handelst und sprichst, da ist jedes Deiner über-, überheiligsten und allerlebendigsten Worte ein unendliches Lichtfeuermeer!
   13] Wenn Du nur ein Fünkchen dieser Deiner Worte, welche nur Dein heiligster Mund auszusprechen vermag, in mein Herz so ganz unverhüllt kommen ließest, was möchte da wohl aus mir werden?!
   14] Und so siehe, wie Du schon von Ewigkeiten her gesehen hast: die Ursache dieses meines Ungehorsams gegen Dein überheiliges Wort in mir bist Du, allerheiligster Vater, ja Selbst und meine Liebe zu Dir, die mich gefesselt und überinnigst an Dich, o Abba, gebunden hat.
   15] Ich lebe ja nicht mehr ein Leben der mir von Dir gegebenen Natur, der ich durch Deine große Erbarmung schon lange gestorben bin, sondern Du allein bist nun alles Leben und alle Liebe in mir, so, daß ich nicht mehr ich, sondern nur Du alles in allem in mir bist.
   16] Und so war auch das Dein Wille, daß ich bleibe, solange Du mich äußerlich nicht mahntest, werktätig zu vollziehen Deinen allerheiligsten Willen.
   17] Jetzt aber hast Du mich gemahnt, und solches ist das heilige Zeichen zum Tataufbruche, und siehe, o Abba, meine Füße harren Deines Winkes, obschon ich ganz helle in mir erschaue, daß Du, o heiligster, liebevollster Vater, meines armseligen Dienstes nimmer bedarfst, sondern durch Deine endlose Vaterliebe mir nur etwas zu tun gibst und siehst dann meine nichtige Tat also gnädigst an, als wäre sie etwas vor Dir, während doch nur Du, o liebevollster Vater, es bist, der in Seiner unendlichen Liebe und Erbarmung Sich also unbegreiflich tiefst herabläßt und handelt also verborgen mächtig durch das schwache Werkzeug gleich also, als handelte das Werkzeug für und von sich aus.
   18] Darum Dir alle meine möglichst endloseste Liebe jetzt, wie in alle Ewigkeit der Ewigkeiten! Amen.«
   19] Und der Abedam sagte darauf zum Henoch: »Henoch, du hast Mir wahrlich eine vollgültigste Antwort gegeben, an welcher durchaus mitnichten etwas auszustellen übrigbleibt, - ja, es möchte wohl der Himmel erster, tiefsinnigster Cherub nicht mehr da gesagt haben, als was du Mir jetzt erwidert hast. Aber dessenungeachtet dürfte doch noch etwas darinnen sein, was um der anderen willen eine stärkere Beleuchtung erfordern möchte, - und dieses ist, daß du als die Ursache deines Ungehorsams Mich vorher genannt hast!
   20] Du magst die vollste Wahrheit geredet haben; daß sie aber an dir nicht zum Fehler werde und den andern zum Ärgernisse, so magst du sie wohl leuchtender werden lassen vor den Vätern, Brüdern und Kindern! Amen.«
   21] Und der Henoch sagte in der freudigsten Ehrfurcht vor dem Abedam, wie in der allerinnersten Liebe zu Ihm: »O Abba, also verstehe ich dieses, und also auch möchten es alle verstehen:
   22] So da jemand hätte eine geliebte Braut, die da wäre voll der innigsten Liebe zu ihm, der Bräutigam aber käme einmal zu ihr in den Garten; als sie ihn nun erkennt und sich über so manches der rein himmlischen Liebe mit ihm bespräche und sie daraus ersähe, wie sehr sie auch der Bräutigam liebt; wenn ihr dann aber der Bräutigam sagte so ganz stille und unvermerkt: ,Höre, du meine geliebte Braut, dort gen Morgen des Gartens wächst eine wunderbar schöne Blume! Möchtest du nicht alsbald hingehen und sie hierher bringen mir zu einem Gedenkzeichen deiner Liebe?'
   23] Da aber die Braut den Bräutigam dabei ansieht, da vermag sie sich nicht zu trennen vor zu übermächtiger Liebe zu ihm und gedenkt nicht eher der unschuldigen reinen Blume, als sie der Bräutigam abermals lieblichst gemahnt der Blume.
   24] Und also war ja der Bräutigam der süßen Schuld Träger durch seine Liebe, darum die Braut nahe des Blümchens vergessen hätte!«
   25] Und der Abedam fragte darauf noch den Henoch: »Henoch, weißt du aber auch, wer dir nun dies Bild gab? Oder ist es auf deinem Grunde gewachsen?'
   26] Und der Henoch antwortete: »Ja, o Abba, es ist wahrhaft auf meinem Grunde gewachsen; denn Du, o mein liebevollster, heiliger Vater, bist ja allein mein ewiger Grund!«
   27] Und der Abedam sagte laut: »Höret ihr alle! Also reden die Lebendigen allzeit aus dem wahren Grunde; denn Ich Selbst bin der ewige Grund aller ihrer Worte!
   28] Darum trachtet alle nach dem, wonach der Henoch allzeit getrachtet hat, so werdet auch ihr des Henoch festen Grund finden!
   29] Du, Henoch, aber gehe nun und bringe Mir sieben Blümchen vom Morgen her, und lasse alle die übrigen den sieben folgen! Amen.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers