Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 183. Kapitel: Ein Blick in die Tiefen der Schöpfung.

   01] Da die fünf Mägde aber nun sahen und in sich nun durch und durch gewahrten, wie überaus gut und liebevollst Jehova ist, und wie Ihm völlig zu trauen ist, so wurden sie auch desto beherzter und ganz besonders die Ghemela.
   02] Demzufolge fing diese auch an, Ihn um allerlei ganz artige und rare Dinge zu fragen. Einige der seltensten Fragen waren folgende, welche von dem Munde und Herzen Ghemelas also lauteten:
   03] »Mein allein über und über geliebtester Jehova, da Deine unaussprechliche Gnade und Deine unaussprechliche Liebe mir das unendliche Wunder eines Blümchens - ja dieses meines Blümchens, welches mir ewig eines der teuersten Gedenkzeichen an diese Zeit bleiben soll! - hat schauen lassen, siehe, ich habe schon oft auch die lieben, schönen Sternchen zur Nachtzeit am Himmel mit großer, sehnsüchtiger Herzenslust betrachtet und dachte mir allerlei dabei, was sie doch sein möchten oder sein könnten! Es blieb aber jedoch stets nur bei meinen Gedanken; aber Gewißheit konnte ich doch keine herausbringen.
   04] Ich dachte mir oft, sie müßten in der Nähe wohl gar wunderschön sein, viel schöner als die Blümchen, da sie sich schon in der Entfernung so wunderherrlich ausnehmen.
   05] Einmal gingen wir mit unserm Vater, siehe, gar weit dorthin, wo die Sternchen wir immer aufgehen sahen, in der guten Hoffnung, sie dort recht in der Nähe zu betrachten; aber siehe, Du mein allein geliebter, allerbester, heiliger Jehova, die lieben Sternchen sind vor uns weit, weit zurückgewichen und sind an einem ganz fremden Ort aufgegangen, welcher jedoch zu weit von uns entfernt zu sein schien, als daß wir zur Nachtzeit, da wir ohnehin schon sehr müde waren, uns noch einmal eine noch weitere Reise hätten zu machen getraut!
   06] Und zudem hat uns auch der Vater beruhigt, indem er zu uns gesagt hat, wir sollten uns daraus ja nichts machen. Diese Sterne würden sicher zu heilig sein Deinetwegen; daher möchten sie denn auch stets zurückweichen vor den unheiligen Augen des Menschen, und man müsse Dir schon darum überaus dankbar sein, so man ein solches Heiligtum auch von weiter Ferne ungestraft betrachten dürfe.
   07] Und siehe, wir alle waren dadurch auch vollkommen beruhigt und konnten nichts anderes tun, als Dich für eine so große Gnade nur in aller Liebe unserer Herzen loben und preisen!
   08] Aber - jetzt - Du mein über alles geliebter Jehova -, nachdem ich das Blümchen gesehen, - jetzt - ich getraue mir doch nicht so ganz recht -! O guter, liebevollster Jehova! Du wirst etwa doch nicht böse werden auf mich?! «
   09] Der Abedam aber ermutigte sie zu ihr sagend: »O Meine Ghemela! Frage du nur mutig darauf los, und sei in deiner und Meiner Liebe versichert, daß Ich fürs erste gar nie böse oder gram werde, - und fürs zweite werde Ich dir keine Antwort schuldig bleiben und dir alles gewähren, was deine reine Liebe von Mir erbittet!
   10] Doch Ich sehe schon, daß Ich dir wieder aus der Verlegenheit helfen muß! Nicht wahr, du möchtest die Sterne, diese dir scheinbaren Glanzblümchen des Himmels, schauen in einer dir begreiflichen Nähe?!
   11] Und die Ghemela bejahte ganz wonnelächelnd mit einem heitersten Kopfnicker die Frage Abedams.
   12] Und der Abedam sagte darauf zu ihr: »Nun denn, so reiche Mir deine rechte Hand; die linke aber gib deinem Vater und deinen Schwestern, damit auch sie sehen mögen, was du jetzt sehen wirst!«
   13] Nach diesen Worten aber hauchte Er sie alle an, und sie sahen in die Tiefen der Schöpfung.
   14] Aber die Ghemela schrie bald laut auf und bat um Hilfe - mit ihr auch die übrigen Schauenden - mit folgenden Worten:
   15] »O Jehova, Jehova, Jehova! Rette uns Arme, die wir nichts sind vor Dir; denn Deiner Schöpfung endlose Größe verschlingt uns, - ja, wir sind schon zunichte! Solches kann ja niemand schauen und am Leben bleiben zugleich; daher, o Jehova, Du heiliger, großer Gott und Vater, rette uns!«
   16] Und der Abedam rief sie wieder zurück, und ihr Gesicht verschwand. Als sie wieder wach wurden, fielen sie vor Ihm nieder und fingen an, Ihn anzubeten; denn es hatte sie eine große Furcht ergriffen, daß sie darob bebten am ganzen Leibe.
   17] Abedam aber rührte sie an, hieß sie sanft, sich nur getrost wieder aufzurichten, und fragte endlich übersanft die Ghemela:
   18] »Ghemela, Mir scheint, die Sterne haben dir nicht also gefallen wie zuvor das Blümchen?!
   19] Was war's denn, darum du jetzt noch so zitterst? Fasse nur wieder Mut, und erzähle uns allen etwas davon! Siehe, du bist ja schon wieder bei Mir, wo du nichts mehr zu fürchten hast; darum rede nur hurtig darauf los, was alles dir in diesen drei Augenblicken begegnet ist!
   20] Komme her, und lehne dich ein wenig an Meine Brust, dann wird der Mut schon wiederkommen!«
   21] Und sie fiel mit einer heißen Hast hin auf den Abedam, und erst, als sie eine Zeitlang geruht hatte an dieser so überheiligen Brust, kam sie wieder zu sich und richtete sich auf und fing an, mit noch immer etwas zart-scheuer Stimme folgendes zu reden:
   22] »O Jehova, Du allmächtiger, Du überheiliger, Du unendlicher Jehova! Wessen Mund könnte sich da würdig öffnen und etwas reden von Deiner unendlichen Größe, Höhe, Tiefe und Macht?!
   23] Ich sah nichts denn unzählige, unendlich große, unbeschreiblich hell flammende Welten in der Unendlichkeit sich Blitzen gleich bewegen; die eine übertraf an Größe, Licht und Herrlichkeit ins unendliche die andere!
   24] Ja, als ich tiefer noch mein erschrecktes Auge richtete, da sah ich nur mehr eine unendliche Flammenwelt und mitten in den endlos ausgedehnten Flammen, die da waren voll des allerunerträglichsten Sonnenlichtglanzes, sah ich noch zu meinem größten Schrecken fast unübersehbar große, furchtbar aussehende Menschengestalten mit großer Schnelligkeit wandeln!
   25] Ich dachte mir ihren Schmerz, und es kam mir vor, als hätte sich eine unendliche Tiefe geöffnet, welche da verschlang diese Flammenwelt und die wahrscheinlich überaus viel leidenden Menschengestalten mit ihr.
   26] Und diese schreckliche Tiefe schien auch mich verschlingen zu wollen, darum ich dann zu Dir um Hilfe laut aufschrie und Du mir Armen auch alsbald halfst, wofür ich Dir ewig danken und Dich preisen möchte!
   27] Siehe, mehr zu reden vermag ich nicht; o habe Geduld mit mir, die Dich allein über alles liebt! - O Jehova, das also sind die Sterne, die mich so oft entzückt haben?!
   28] Du mußt mir darum nicht gram werden, so ich Dir offen gestehe, daß mir die Blümchen lieber sind als die Sterne; denn diese sehen ja doch ganz entsetzlich fürchterlich aus!
   29] So Du mir erlaubst, möchte ich Dich schon um etwas anderes fragen.
   30] Und der Abedam erwiderte ihr: »Ghemela, - du hast ja Meine Versicherung schon empfangen! Frage, um was du willst, - Ich werde dir keine Antwort schuldig bleiben; aber nur um Sterne mußt du nicht mehr fragen denn diese sind zu groß für dich sonst aber um alles!«


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