Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 175. Kapitel: Sethlahem und die sieben Murrer.

   01] Und der Sethlahem machte Miene zu einer neuen Frage; aber auch da kam ihm Abedam zuvor und sagte zu ihm:
   02] »Sethlahem, du bist noch nicht rein; denn eine große Zweifelsfrage drückt dein Herz und macht dich blind, darum du nicht verstehen magst und kannst Meine Worte!
   03] Was liegt denn daran, ob das, was deine Brüder wähnen, wahr oder falsch ist? Denn du hast ja auch noch nichts, wodurch du die Echtheit deines Schatzes der Weisheit verbürgen könntest!
   04] Was aber ist nun besser: ein Falsches mit dem andern Falschen schlagen wollen, oder die Wertlosigkeit des eigenen Falschen in sich anerkennen und dann sich dem Falschen des Bruders der Eintracht und Liebe wegen nicht widersetzen, wodurch dann der Bruder, der dich liebt, so du ein wahres Licht erhalten wirst, dir gerne folgen wird, dieweil er dich liebt?!
   05] So du aber als Bruder mit dem eigenen Falschen hartnäckig der Falschheit des andern widerstrebst, darum er dann erbost wird, wie wird er dir dann folgen, so dir ein wahres Licht geworden ist?!
   06] Siehe, die Liebe ist der Anfang aller Weisheit; die Demut aber ist ein mächtiger Hebel der Liebe sowohl als auch der Weisheit! So du demütig bist, wahrlich, es wird dir kein Mensch etwas hinaufreden wollen; denn wo der Kampflustige keine Gegenwehr sieht, da legt er bald selbst seine Streitkeule zur Seite, - und was du hast in dir, das wird dir niemand streitig machen! Und also ist die Demut die größte Beschützerin aller Weisheit und dazu auch die beste Schule zu aller Weisheit, deren Same die Liebe ist.
   07] Der Hochmut aber ist in allem schnurgerade das allerblankste Gegenteil, wie dich schon lange die eigene Erfahrung hinreichend belehrt hat.
   08] Daher gehe nun hin, und versöhne dich zuerst mit deinen Brüdern, und führe sie sodann erst zu Mir, und wir werden dann ja sehen, deswelchen Teiles Falsches am allergewichtigsten ist! Verstehe es! Amen.«
(18.12.1841)
   09] Nach dieser Rede fing dem Sethlahem ein gewaltiges Licht an aufzugehen, darum er sich auch nicht mehr getraute, um etwas Weiteres zu fragen, sondern er verneigte sich vor dem Abedam bis zur Erde und ging dann sogleich zu den sieben Brüdern.
   10] Er war überaus bewegt, als er bei ihnen anlangte. Er hätte überaus gerne sogleich zu reden angefangen; allein er war es völlig außerstande. Denn die nahe Erkenntnis Dessen, der ihm solche Lehren gab, hatte ihn so sehr ergriffen, daß er darob lange zu tun hatte, um wieder etwas über seine Lippen bringen zu können.
   11] Da er fast stumm eine Zeitlang unter den sieben zubrachte, so fing es diese für ihn an zu bangen; denn sie schätzten ihn sonst seiner Weisheit wegen alle hoch. Nur Neues durfte er nichts vorbringen, sondern [er mußte, Erg.] mit ihnen steinfest beim Alten bleiben und darüber weissagen, soviel er wollte, - so durfte er darauf rechnen, an ihnen die aufmerksamsten Zuhörer zu haben. Aber sowie er ihnen auch etwas Neues auftischen wollte, da wandten sie alsbald ihre Ohren von seinem Munde ab oder hießen ihn am Ende gar schweigen, so er nichts Besseres wissen sollte.
   12] Doch diesmal nach seinem längeren Schweigen gestatteten sie ihm zum ersten Male, auch etwas Neues hervorzubringen, so er sich schon durchaus nicht mehr mit dem ehrbaren Alten abgeben wolle; auch gestand ihm der frühere Spitzredner, daß es ihn gereut habe, daß er ihm, dem Sethlahem nämlich, also bitter zugeredet hatte.
   13] Und des Sethlahem Herz erleichterte sich. Seine Lungen fingen an, freier den Atem zu schöpfen, er fühlte sich worttätig und fing an, also zu ihnen zu reden:
   14] »Liebe Brüder, nur dies einzige Mal laßt mich reden! Ich will euch nichts aufdringen, es kann jeder über meine Rede bei dem seinigen verbleiben; allein diesmal bitte ich euch, mit mir Geduld zu haben und mich von Anfang bis zu Ende anzuhören. Habt ihr es einmal vernommen, dann möget ihr immer urteilen, wie ihr wollt! Und so höret:
   15] Wir hängen am Alten zwar, weil es Altes ist, bedenken aber nicht, daß es im Grunde doch nichts Altes gibt. Ja, wenn wir eine Sache betrachten, wie sie neben uns her bestanden und gealtert ist, dann können wir freilich sagen: Die Sache ist alt, da sie mit uns alt geworden ist!
   16] Aber selbst, wenn wir also urteilen, sind wir in einer gewaltigen Irre; denn wären wir wirklich alt, so müßten wir ja noch ebenso aussehen, wie wir ausgesehen haben vor fünfhundert Jahren!
   17] Aber wie hat sich unsere Gestalt seit der Zeit verändert! Wie kann man aber das alt nennen, was von dem wahrhaft Alten keine Spur mehr in sich trägt?!
   18] Ja, wir haben uns in allem ganz verändert! Wo sind unsere Haare? Wo die meisten unserer Zähne? Wie oft hat sich unsere Haut schon abgeschält? Ja, ich möchte fragen: Wo ist unser ganzer rüstiger, so kräftig voller Leib denn hingekommen?
   19] Wo sind die Bäume nun, von denen wir als Kinder die Früchte aßen? Wo die Schafe und die Ziegen und die Kühe, die unsere Kindheit mit Milch versahen?
   20] Wir essen nun die Früchte von ganz neuen Bäumen und trinken die Milch von neuen Tieren, und uns ist alles recht also, da es Gottes Ordnung also eingerichtet hat.
   21] Stellen wir uns zu einer Quelle hin, - und wer von uns allen kann behaupten, daß da nicht jeder hervor quellende Tropfen ein neuer oder wenigstens erneuter ist?! Und doch schmeckt uns gar überaus wohl diese stete Erneuerung!
   22] Hat schon jemand von uns einmal einen alten Regentropfen entdeckt?!
   23] Und wenn der stets neue Regen kommt, so sind wir froh unserer Äcker wegen!
   24] Das neue Korn ist uns lieber denn das alte schon schal gewordene. Wir sehnen uns nach neuen Früchten. Neuere und jüngere Menschen, sowohl männlich als weiblich, sind uns noch allzeit angenehmer gewesen als die alten.
   25] Wen erfreut die neu aufgehende Sonne nicht mehr denn die tagalte untergehende, da sie doch stets dieselbe ist?! Wem ist das neue Frühjahr nicht angenehmer denn der alte kalte Winter?!
   26] Sehet, liebe Brüder, da uns also in allem, was wir nur immer ansehen, das Neue oder wenigstens Verjüngte mehr anspricht und uns auch mehr nützt denn das alte lange schon Vergangene, und da wir alle eine unleugbare Sehnsucht nach dem Neuen haben, und da zudem noch der Herr Jehova Zebaoth oder Gott, der ewige Neuerschaffer, vor unseren Augen stets alles erneut, - wie können wir unbilligend murren, so am Sabbatopfer nach dem Willen Jehova Zebaoths eine kleine Änderung geschieht?!
   27] Ich will dadurch aber eurer Ansicht gar nicht zu nahetreten, sondern euch nur beruhigen; denn auch ihr könnt ganz löbliche Ansichten entgegengesetzter Art haben, was ich euch nie in eine Abrede stellen möchte, da ihr mir schon oft bewiesen habt, wie scharf euer Geist in manchen Urteilen ist!
   28] Aber nur eine Bitte füge ich schließlich noch hinzu, daß ihr nämlich noch einmal mit mir hin zum Altare geht und mir dort den euer harrenden Fremden scharf beurteilen und ebenso erkennen helfet. Denn sehet, also gewaltig ist seine Rede und also überaus durchdringend, daß ich schnurgerade auf dem Sprunge bin, ihn für den Jehova Selbst zu halten!
   29] Ich sehe, diese meine Aussage will euch zwar zu einer Lache zwingen, - allein ich sage euch, lachet nicht zu früh, sondern prüft zuvor das, worüber ihr lachen möchtet, und mein altes Sprichwort wird euch dann sicher einleuchtender noch werden, daß der am Ende Lachende den besten Teil lacht.
   30] Was möchtet ihr von einem Menschen denken, der euch eure verborgensten Gedanken vorhalten möchte und reden möchte von göttlichen Dingen also wie von sich aus?!
   31] Ihr habt es euren Kindern und allen ihren Nachkommen wie oft schon auf ein Haar bewiesen, daß des Menschen innerste Gedanken nur allein Gott kennt; jedem Menschen aber sei solches ganz rein unmöglich.
   32] Ich habe euch in diesem Punkte nie widersprochen; denn ich sah die vollste Richtigkeit eures Beweises allzeit ein.
   33] Gehet aber nun mit mir und überzeuget euch! Und so ihr ihn nicht mir gleich finden werdet, dann könnet ihr mich vor allem Volke weidlichst auslachen, und ich werde euch nicht gram werden darum!
   34] So ihr also wollt, da gehen wir hin! Amen.«
   35] Die sieben sahen sich untereinander groß an und wußten nicht, was sie aus dieser Rede machen sollten.
   36] Der frühere Spitzredner aber bemerkte allen, sagend: »Was ist's denn?! Der Sethlahem hat uns ja schon öfter zu allerlei angeführt! Darunter war oft viel Dummes, aber auch oft nicht minder recht viel Weises! Da wir solches von ihm schon gewohnt sind, so können wir ihm ja auch diesmal die Freude machen!
   37] Aber, Sethlahem, freue dich, so du uns etwa wieder eine neue Torheit zeigst! O wie schön wirst du dann wieder von mir verarbeitet werden!«
   38] Und der Sethlahem erwiderte ihm: »Bruder Kisehel, siehe, das tut nichts zur Sache; aber ich glaube, du wirst noch größer werden in dem Glauben denn ich und alle anderen!
   39] Daher gehen wir nur frisch darauf los! Amen.«


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