Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 172. Kapitel: Vom Wesen der Fürbitte.

   01] Und also schwieg Henoch und ihm gleich auch der Sethlahem, stille erwartend den großen Kommenden.
   02] Doch sie durften gar nicht lange warten; denn ehe sie sich's versahen, war Er an der Seite Jareds und Abedams auch schon da. Adam aber mußte mit der Eva und den Kindern Seths unterdessen sich auf die schon bekannte Morgenhöhe begeben und dort Seiner wie all der übrigen, welche uns sämtlich von der Hütte Adams aus bekannt sind, fröhlich harren.
   03] Beim Henoch am Opferaltar kaum angelangt, fragte der hohe Abedam ihn sogleich: »Lieber Henoch, höre, Ich habe ein Gemurre vernommen aus dem Herzen einiger, die vom Mittage sind! Der Sethlahem hat ihnen zwar wohl den Mund gestopft; aber nun schreit desto erbärmlicher ihr Herz und ist voll Argens!
   04] Was meinst du, das wir ihnen tun sollen?«
   05] Und der Henoch erwiderte dem hohen Fragenden: »O Abba, Du sagst es in meinem Herzen! Ihnen geschehe nach Deinem Willen, und es wird alsdann am besten geschehen mit ihnen!«
   06] Und der Abedam sagte darauf wieder zum Henoch: »Siehe Henoch, dieser allein willen ward der nächtliche Sturm zugelassen, damit er ihre hochmütigen Herzen hätte demütigen sollen; allein welche geringe Wirkung er bei ihnen machte, hast du mit eigenen Augen nun gesehen und mit eigenen Ohren gehört!
   07] Wäre es denn nicht besser, daß solche Ärgerer nicht wären, als daß sie sind?!
   08] Darum sollte man sie ja wohl von der Erde verschlingen lassen, damit ihr Odem nicht ferner verpeste diese heilige Stätte?!
   09] Nun, was meinst du, wird es wohl recht sein, so ihnen geschieht nach dem Werte ihrer Herzen?'
   10] Und der Henoch entgegnete dem Abedam: »Herr, der Du voll Liebe und Erbarmung bist, Dein Wille ist allzeit heilig und Deine Erbarmung unendlich, und Du bedarfst dessen nicht, daß Dich jemand um Erbarmung anflehen soll; aber doch verschaffst Du uns Gelegenheiten, in denen wir unsere eigenen Herzen prüfen sollen, wieviel der Nächsten- und Bruderliebe darin wohnt, und inwieweit Dir ähnlich wir in der Barmherzigkeit es gebracht haben.
   11] Siehe, da ich durch Deine unendliche Gnade und Erbarmung solches erkenne, daß in mir die Erbarmung und Liebe gegen meine Brüder nichts als nur pur deine Erbarmung und Liebe ist, ein Fünklein von Deinem endlosen, überheiligen Liebesfeuer, so komme auch ich hier in meiner nur scheinbaren Erbarmung zu Dir und bekenne, daß nichts mein, sondern alles Dein ist, - meine Liebe Deine Liebe in mir, meine Erbarmung Deine Erbarmung in mir! Darum Dir, o Abba, ewig Dank, Lob und Preis dafür
   12] O Abba, so ich über jemanden Erbarmung in mir empfinde, da empfinde ich aber auch zugleich, wie unendlich spät gegen Dich ich mit meiner Erbarmung herauskomme!
   13] Wo wäre ein armer, schwacher Blinder schon in der Zeit, wann ich zufolge meiner Erbarmung ihm zu Hilfe kommen möchte, so Du Dich seiner nicht schon unendlich früher erbarmt hättest?!
   14] Doch kann ich Dich bitten, daß Du Dich der Schwachen und Blinden erbarmen möchtest! So ich Dich aber darum bitte, o Abba, da bitte ich nicht, um Dich zu etwas zu bewegen, sondern daß Du gnädigst mein Herz ansehen möchtest, wenn es Dir aus Deinem Schatze für die Brüder ein kleines Opfer bringt!
   15] Darum denn sage ich auch hier wie überall und allezeit: O Abba, Dein heiliger Wille geschehe! Und was Dir mein Herz an Liebe und Erbarmung für die Brüder darbringt - ein geringes Opfer gegen Deine unendliche Liebe und Erbarmung -, nimm es gnädigst auf, als wäre es vor Dir etwas, damit dann auch ich, so Du Dich jemandes völlig erbarmt hast in schon für uns Blinde sichtbarer Tat, mich mit denen freuen kann und darf, an die Deine sichtbare Erbarmung erging!
   16] O Abba, nimm dieses mein Bekenntnis gnädigst auf, und habe Geduld mit meiner Torheit; Dein heiliger Wille jetzt und ewig! Amen.«
   17] Und der Abedam sah den Henoch überfreundlich an und erwiderte ihm folgendes:
   18] »Lieber Henoch, vollkommen war deine Rede, da sie zeigte, wie dein Herz beschaffen ist, und wieviel Weisheit aus der Liebe im selben waltet! Damit du aber ganz vollkommen auch innewerden möchtest, wie alle Fürbitte geartet sein soll aus der ewigen Ordnung heraus, so höre:
   19] Wenn du siehst, daß da irgendein wie immer geartet armer Bruder oder auch Schwester wandelt, das heißt, daß er entweder arm ist am Leibe durch die Schwäche oder gar gänzliche Unbrauchbarkeit eines und des andern Sinnes, oder daß er arm ist im Herzen, arm an der Liebe, arm in der Kraft zur Tat, arm am Willen, arm in der Einsicht, arm am Verstande oder ganz verarmt am Geiste und an allem, was des Geistes ist, und du erbarmst dich seiner aus der Liebe deines Herzens zu Mir und daraus erst zum Bruder oder zur Schwester, siehe, dann ist dein Erbarmen ein vollkommenes, da es dann schon eine Aufnahme Meiner großen Erbarmung ist auf gleiche Art, als so der Wind zieht durch den Wald und bewegt da die Bäume und rührt jegliches Blättchen am Baume, darum dann jegliches Blättchen fächelt und durch das Fächeln auch einen eigenen kleinen Wind zuwege bringt, welcher vom allgemeinen großen Winde aufgenommen wird also, als wäre er im Verhältnisse zu ihm wirklich etwas.
   20] Du wirst aber auch schon öfters bemerkt haben, wenn der Wind geht, daß er da auch die dürren Blätter rührt; allein, da sie dürre sind und darum steif und tot, so halten sie den Zug des Windes nicht aus, brechen bald vom Zweige und flattern dann tot zur toten Erde nieder. Und führt sie der große Wind auch eine Zeitlang mit, so senken sie sich nach und nach aber doch dahin, wo die Vernichtung ihrer harrt!
   21] Das Blatt des Baumes hat solche Bestimmung; aber nicht also der Mensch! Wehe ihm aber, so er am Baume des Lebens ist dürre geworden; wahrlich, er wird seiner Vernichtung nicht entgehen!
   22] Solches aber ist zu entnehmen dem Gleichnisse, daß nur der Lebendige zur lebendigen Erbarmung gerührt werden kann durch Meine große Erbarmung; seine Erbarmung wird somit von Meiner aufgenommen, als wäre sie etwas. Gleichwie aber der Wind aufnimmt das gefächelte Lüftchen des Blattes und, es alsdann mit sich führend, es seine Mitblätter bespülen läßt, also auch verhält es sich mit der Erbarmung des Menschen gegen seinen Mitmenschen, darum da ein Bruder dem andern so viel tun soll, als er kann aus der lebendigen, ja von Mir aus und durch Mich lebendigen Liebe heraus, und Ich werde dann seine Tat und seine Fürbitte also ansehen, als wäre sie etwas vor Mir!
   23] Siehe, wenn also der Wind geht, so nimmt er deinen Hauch mit, als wäre er etwas! Aber meinst du wohl, dein Hauch werde entweder den Wind verstärken oder ihm wohl gar eine andere Richtung geben?!
   24] O siehe, solches vermag wohl der Hauch aller lebenden Menschen zusammengenommen nicht! Denn der mächtige Wind kommt, niemand der Menschen weiß es, woher; und wohin er zieht, weiß auch niemand, sondern allein seine ordnungsmäßige Richtung läßt er aus seinem Zuge dich gewahren. So du hauchst mit der Richtung, da wird dein Hauch aufgenommen und mitgeführt werden; hauchst du aber eigenmächtig dem Zuge entgegen, da wird dein Hauch zurückgestoßen werden und wird sich brechen an deinem eigenen Munde und also ersticken helfen dein eigenes Leben!
   25] So du an einem Strome weinst und Tränen des Mitleids entfallen deinem Auge, wahrlich, auch sie werden, hast du deine Tränen fallen lassen ins Wasser des Stromes, daß sie darum eins geworden sind mit des Stromes Wasser, dem Meere der Erbarmung zugeführt werden! Wenn aber jemand auch weinen möchte am Strome, hätte aber nicht beachtet des Stromes Wasser und ließe seine Tränen fallen auf des Stromes Ufersand, werden solche Tränen wohl auch gelangen in das Meer?!
   26] Siehe, wer da Mich zu einer Miterbarmung durch seine Fürbitte zu bewegen wähnt, ist der nicht noch dümmer als einer, der da der Meinung wäre, wo er immer eine Träne geweint hat, müsse das Meer hinkommen und da seine Träne aufnehmen, ohne nur im geringsten zu beachten, was das Meer ist, und wohin ohnedies sogar jegliches Bächlein seine Richtung nimmt?!
   27] Wer aber sich durch Mich bewegen läßt, der ist mit seiner Erbarmung in der Ordnung, und seine Tränen fallen schon sogleich ins Meer!
   28] Wer hat denn dann bei Mir vorgebeten oder Mich bewogen, euch zu erschaffen, als außer Mir noch nichts war?! Oder bin Ich etwa seitdem härter geworden und liebloser, darum Ich Mich durch Meine Geschöpfe sollte zu etwas bewegen lassen?!
   29] O siehe, dessen hat es wahrlich nicht vonnöten, wohl aber dessen, daß Meine Kinder sich von Mir bewegen lassen in ihren Herzen und Mich auf nehmen in der reinen Liebe, dann des Zuges Meiner großen Erbarmungen achten und sodann lebendig mitbarmherzig werden! Siehe, das ist Mein Wille!
   30] Da Ich dich also früher fragte, was da geschehen solle mit diesen Widerspenstigen, da war deine Antwort ja recht, da du dich von Mir hast ergreifen und rühren lassen, und es sollte also auch in der Zukunft bei jeglichem gerechtes Mitleid mit jeglichem Armen sein, denn ein jeder ist dem andern ein Bruder in Meiner Liebe; doch wenn Ich Tote erwecken will, wer wird Mich da wohl bitten, daß Ich solches nicht tun möchte?!
   31] Und siehe, Henoch, der du Meine frühere Frage nicht voll begriffen hast, auch diese Murrer müssen zuvor von der Erde der wahren Demut verschlungen werden, bis sie mögen lebendig werden!
   32] Darum also auch gab Ich dir nun solche Lehre. Jetzt aber laßt Mir die Murrer näher kommen! Amen.«


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