Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 168. Kapitel: Ein Rückblick auf die Sturmnacht. Die Liebe treibt die Furcht aus.

   01] Und der Seth dankte in höchster Liebesfreude seines Herzens dem hohen Abedam für solchen Auftrag und ging eilends, um zu vollziehen des Herrn Willen.
   02] Kaum aus der Hütte getreten, sah er alsbald unfern die drei aus der Mitternachtgegend stehen. Er rief sie beim Namen, und sie folgten sogleich dem Rufe.
   03] Als sie zu ihm gelangten, da sagte er zu ihnen: »Hört, Einer in der Hütte will es, daß auch ihr eintreten möchtet; denn Er hat schon lange von ferne her, wie vor meinem Austritte auch schon nahe an der Hütte, euer Loblied vernommen.
   04] Daher tretet in die Hütte; denn auch euer harrt ein hoher, unberechenbarer Segen!«
   05] Und der Jura fragte entgegen den Seth: »Bruder Seth, wie sollen wir das verstehen? Ist etwa gar in dieser Schreckensnacht der erhabenste, über alles mächtigste Emanuel zu euch gekommen? Denn siehe, also dachten wir es alle, als der unerhörteste - man kann sagen - Weltenfeuersturm plötzlich ein Ende nahm!
   06] Wir alle baten und riefen zum Emanuel um die Erlösung. Und als sie kam, und das so wunderplötzlich, da war auch unser erstes, dem Emanuel dafür zu danken.
   07] Sage uns daher, ob es nicht also ist und war!« - Und der Seth antwortete ihnen: »Wie und ob also, liebe Brüder, ihr werdet es alsbald in der Hütte erfahren! Ich aber habe Eile, zu sorgen für ein gutes Morgenmahl, darum ich mich jetzt nicht länger mit euch abgeben kann und darf.«
   08] Und die drei waren zufrieden mit diesem Bescheide und traten dann voll der höchsten Ehrfurcht in die Hütte allwo sie sich alsbald vor Adam und all den übrigen auf ihre Angesichter warfen.
   09] Der Adam aber hieß sie alsbald aufstehen und sagte zu ihnen: »Meine geliebten Kinder, ich bin hoch erfreut, euch so wohlbehalten bei mir zu sehen!
   10] Groß war in dieser Nacht meine Sorge um euch alle; denn solches bewirkten die schrecklich kämpfenden Elemente. Aber viel größer noch war mein Vertrauen auf des Herrn, unser aller geliebtesten Vaters, der da allzeit heilig, heilig, heilig ist, voll der höchsten Macht und Kraft, Hilfe und Errettung; denn wir alle waren nicht minder der höchsten Versuchung preisgegeben und mußten eine wahre Feuerprobe aushalten. Diese meine alte Hütte ist zur Wohnung der wildesten Tiere geworden. Schlangen, Hyänen, Tiger, Löwen, Wölfe, Bären und noch allerlei anderes Getier füllten diese Wohnung, und helle Flammen brachen blank aus dem Boden hervor. Und doch durfte unser Vertrauen nicht wanken, und wir alle empfanden dann gar bald die herrliche Wirkung des schützenden Segens Emanuels!
   11] Gehet aber hin zu jenem euch noch fremden Manne, der da auch Abedam heißt; der wird euch über alles den gehörigen Aufschluß geben! Amen.«
   12] Und die drei verneigten sich vor Adam und gingen dann hin zu dem ihnen noch fremden Manne.
   13] Der Jura als der älteste führte das Wort und redete Ihn also an: »Sei von unseren Herzen vielmals gegrüßt, Abedam! Der Erzvater Adam hat uns zu dir beschieden, daß du uns näheren Aufschluß geben möchtest über diese dem Herrn Emanuel alles Lob und allen Dank! - vergangene unerhörte Sturmnacht. Denn siehe, wir drei sind Söhne Adams und wandeln schon über achthundert Jahre auf dem Boden der Erde umher, waren zugegen bei der Flucht aus dem Paradiese, haben nach der Zeit viel Trauriges und Schreckliches erlebt, - doch etwas dieser Nacht Ähnliches ist uns noch nicht vorgekommen! Solche Schrecknisse sind noch nie über die Erde gekommen, solange wenigstens wir sie betreten, wahrlich nicht!
   14] Ich will von all den Feuerszenen nichts reden, nichts von den ringsum noch in vollsten Flammen und Rauche stehenden Bergen, nichts von dem beständigen Beben der Erde, nichts von den zahllosen Blitzen, nichts von den brennenden und dampfenden Wäldern, feurigen Winden und dergleichen mehreren Dingen; denn der Donner bleibt sich gleich von Jahr zu Jahr und so auch andere Erscheinungen, welche im Kampfe der Elemente uns zu Gesichte kommen und nicht minder furchterregend auch die anderen Sinne berühren. Aber höre, guter Mann, wenn das Meer, das endlos große Meer unerhört furchtbar tobend aus seinen Schranken tritt, höher und stets schrecklich höher herauf schäumend und sausend steigt und in diesem fürchterlichen Steigen anfängt, einen Berg um den andern zu verschlingen und endlich sogar uns Mitternachtbewohner durch die zahllosen, vor den Wogen sich flüchtenden Tiere zwingt, eilends zu verlassen alle unsere Hütten, ja sogar die Wogen am Ende so weit zu treiben beginnt, daß dieselben unsere Hütten verschlangen, die Tiere der Wälder uns nachtrieben und dazu noch nie gesehene furchtbar große Ungeheuer, welche wahrscheinlich gleich vielen anderen Tieren im Wasser leben, uns furchtbar untereinander kämpfend und sich hin und her wälzend schauderhaften Anblickes zuführte, - siehe, das ist etwas, was uns allen nicht aus dem Sinne vielleicht je kommen wird!
   15] Wobei dann als im Gegensatze freilich wohl ganz hauptsächlich das zu beachten ist, daß eben diese Schauderszenen, als sie sicher ihren höchsten Punkt erreicht hatten, dann auf einmal also verstummten, als wären sie nie dagewesen, und daß also auch das Meer plötzlich und so stark zurückwich, daß es nicht nur alsbald in seine vorigen Grenzen trat, sondern sich also ganz und gar verlor, daß nun von ihm nirgends mehr eine Spur zu entdecken ist außer der unabsehbar weit sich nach allen Seiten ausbreitende Schlammboden, der vorher dem Meere zum Bette gedient hatte.
   16] So du es nun willst und kannst, da gib uns den Aufschluß über all diese unerhörten Dinge!«
   17] Und der Abedam entgegnete ihnen: »Meine lieben Freunde, bei derlei Ereignissen geht es den im Geiste Schlafenden freilich wohl schlecht, aber desto besser den Geisteswachen!
   18] Saget Mir, welcher wahrhaft wache, mit der Liebe des ewigen, heiligen Vaters vereinte Geist wird oder kann noch von Angst befangen werden, wenn selbst die ganze Erde unter seinen Füßen zertrümmert werden möchte und ein glühendes Meer all die Staubtrümmer der Erde verschlänge?!
   19] Wird der mächtige Vater, dessen Wille Milliarden und zahllos viele Milliarden von noch unvergleichbar größeren Weltkörpern und Geistern trägt und wohlsorglich ordnet, nicht auch imstande sein, ein Ihn über alles liebendes und darum auch von Ihm über alles geliebtes Kind bei einem zerplatzenden Atome, das ihr,Erde und,Welt nennt, in den allersichersten Schutz zu nehmen?!
   20] Sehet, solches müßt ihr Mir ja doch zugeben! Es fragt sich demnach nur, wessen Frucht eure verzweifelte Angst und Furcht war! Oder warum fürchten die Kinder die Nacht?
   21] Sehet, solcher Grund liegt in der Schwäche der Liebe zum heiligen Vater! Wie aber die Liebe beschaffen ist also auch das Vertrauen; das schwache Vertrauen aber ist der Vater aller Angst.
   22] Es liegt wenig an all dem von euch Erzählten; aber es liegt alles daran, wie euer Herz beschaffen ist.
   23] So Ich euch auch alles aufschließen möchte, so würden höchstens eure Ohren befriedigt werden; aber zur Erkenntnis des Herzens möchte es euch nimmer bringen. Und also wird es besser sein, ihr gehet so recht fest in euer eigenes Herz, wendet euch da an die Liebe desselben zu Gott, und Ich sage euch, ihr werdet da in einer Minute mehr erfahren, als was euch sonst erzählende jahrtausende geben könnten!
   24] Bleibet aber hier, und nehmet mit uns das Morgenmahl, welches soeben der Seth mit den Seinen hereinbringt!
   25] Seid ruhig in eurer Wißbegierde, aber nach oben desto bewegter im Herzen, so wird sich eure Sturmnacht bald in den hellsten, ruhigen Sabbat umwandeln! Verstehet es wohl! Amen.«


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