Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 154. Kapitel: Über wahre Nächstenliebe.

   01] Abedam, der andere, aber, der die ganze Zeit ruhig und wohlgefällig dem Zwiegespräche Henochs und Abedams zugehört hatte, stand nun auf einmal hastig auf und sprang völlig hin unter die zwei Brüder, umfaßte sie mit Seinen Händen und sprach dann:
   02] »Ja, also ist es wahr und recht und billig der göttlichen Ordnung gemäß; und so Brüder untereinander also leben, da wird der Vater, wie jetzt, auch in alle Zukunft nicht ferne sein als Vater jenen Kindern, die über Gott in ihren liebeerfüllten Herzen also denken und als Brüder also untereinander handeln!
   03] Wahrlich, Ich sage euch: Wer da sagt: ,Ich liebe Gott und meine Brüder!', hat aber etwas vor seinen Brüdern und teilt es nicht mit ihnen also, daß nur der kleinste Teil für ihn zurückbleibt, der ist noch voll Eigenliebe und ist des Vaters nicht wert! So jemand hätte zehn Brüder und wäre aber im Besitze von zwölf Äpfeln, der sollte geben die elf Äpfel den Brüdern und sollte für sich nur die Hälfte des zwölften behalten, die andere Hälfte aber sollte er noch aufheben für die Brüder, dann würde er sein ein wahres Kind des heiligen Vaters im Himmel und Seiner würdig!
   04] So ein Vater seine Kinder mehr liebt denn die seiner Brüder, der ist auch in der Eigenliebe und ist des Vaters nicht wert. Da sage Ich: Wahrhaft selig wird der sein, dessen wahres Bruderherz über der Not des Bruders die eigene vergaß und also auch zur Stillung der Not der Kinder des Bruders die der eigenen Gott, seinem wahren Vater, in aller dankbaren und liebevollen Ergebung aufopferte!
   05] Es ist dir besser, so du aus Liebe zu deinen Brüdern der Ärmste bist unter ihnen als der reichste; denn so du geteilt hast mit ihnen deine Gaben, und es ist dir noch geblieben ein Teil, so hast du noch gesorgt für dich und achtetest nicht der Sorge deines Vaters im Himmel. Hast du aber aus wahrer Brudernächstenliebe alles hergegeben deinen Brüdern und behieltest nichts für dich zurück, so hast du dich ganz frei gemacht und hast alle Sorge für dich dem Vater im Himmel überlassen; wird aber dieser mächtige, übergute, heilige Vater ein solches Kind wohl darben lassen?!
   06] Ich sage euch aber: Wahrlich, wahrlich, der soll für eins hundert und hundertmal hundert für zehn und Unendliches haben für alles!
   07] Urteilt aber selbst: Wird wohl je Not und Elend unter Brüdern herrschen, so da alle sind voll Liebe gegeneinander und ist einer wie alle und alle wie einer.
   08] O wahrlich, da wird ein jeder haben in der Fülle des Segens aus der heiligen Sorge des heiligen Vaters!
   09] Wollt ihr also würdige, wohlversorgte Kinder des einen heiligen Vaters sein im Himmel, so lebet also als Brüder und Schwestern untereinander! So ihr also leben werdet untereinander, da wird auch leben und wohnen der heilige Vater unter euch und wird sorgen für euch alle, - wo aber nicht, da wird bald ein jeder in den alten Fluch zurückfallen und ein sehr hartes Stück Brot im Schweiße seines Angesichtes unter Dornen und Disteln suchen müssen!
   10] Also aber verhaltet euch gegenseitig: So dir dein Bruder etwas getan hat, da entlasse ihn ja nicht ohne guten Lohn; hast du aber deinem Bruder einen Dienst erwiesen, so soll es dir auch nicht einmal träumen, als wäre dir dein Bruder etwas schuldig, sondern deine eigene Bruderliebe sei dein größter Lohn. Dieser wird deinem Vater im Himmel wohlgefällig sein. So aber die Liebe deines Bruders diesen nötigt, dir zu geben einen Sold, da nimm ihn ja nicht als solchen an, sondern als einen der Liebe deines Bruders, und danke ihm und küsse ihn dafür; denn als ein reines Geschenk mußt du jede Gabe betrachten, so wirst du ein rechter Bruder sein deinen Brüdern, und der heilige Vater wird ein großes Wohlgefallen haben an solchen Kindern ewig! Amen.«


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