Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 124. Kapitel: Adams Frage nach den Kindern der Mitternacht.

   01] Die Väter gelangten nun gar bald zur mitternächtlichen weit ausgedehnten Wohngegend. Adam segnete nach der Sitte dieselbe und dann all die Hauptstammkinder, worauf sich dann alle zu einer kurzen Ruhe niederließen.
   02] Als sie aber darauf schon bei einer halben Stunde gerastet hatten, siehe, da fing es sie alle überaus hoch zu wundern an, daß sich während dieser Zeit auch nicht eines der Mitternachtkinder erschauen ließ. Und alsbald beschied Adam den Henoch zu sich und fragte ihn um den Grund, sagend nämlich:
   03] »Henoch, du, den der Asmahael also gekräftigt hat in unser aller Angesichte, daß sich die ,Verdorrte Erdhand' vor deines Wortes Hauche beugen mußte, siehe, es sind keine Kinder hier! Wo sind sie hin?
   04] Hat sie vielleicht die zusammenstürzende Wand begraben und also alle samt und sämtlich getötet? Oder sage, so es dir möglich ist, wohin sind sie gezogen, oder was mag da geschehen sein mit ihnen allen?
   05] Denn siehe, die Gegend sieht wahrlich aus, als hätte erst vor kurzem der schmähliche Tod unter ihnen ein allgemeines Erntefest gehalten!
   06] Ich möchte darüber wohl den Asmahael (Herrn) fragen; allein wahrlich, dazu fehlt mir mit manchen andern der Mut ganz und gar. Denn wenn ich bedenke, wer hinter dem Asmahael verborgen ist, und wieder, was und wer ich bin, da versagen mir alsbald die Zunge und Lunge ihren Dienst, und ich vermag dann beinahe kein Wort mehr herauszubringen. Überdies sagt mir aber auch noch mein Herz: ,Was willst du denn den allwissenden Gott fragen, als wenn Ihm etwa irgend etwas fremd sein sollte, das da insgeheim vorgeht in dir?! Hat Er nicht von Ewigkeit her deine Gedanken geordnet, lange zuvor schon, als Er dich noch zu einem gedankenfähigen Wesen aus Seiner unendlichen Liebe und Erbarmung bildete?!
   07] Siehe, lieber Henoch, darum vermag ich nicht, was ich nun gar überaus gerne möchte! Tue daher du, was ich nicht mehr kann! Weißt du aus dir vom Asmahael aus etwas, so beruhige mich und all die übrigen damit; sieht es aber auch in deinem Herzen aus wie in meinem, da wende dich nur alsbald an den Asmahael, - Der wird uns alle sicher auch aus dieser großen Verlegenheit und Angst allergnädigst und überbarmherzig erlösen! Amen.«
   08] Und als der Henoch solches vom Adam vernommen hatte, verneigte er sich vor ihm und wollte hineilen zum Asmahael und Selben von des Adam Anliegen benachrichtigen, da ihn die menschenlose Gegend selbst ganz gewaltig wundernahm. Allein er hatte noch kaum den ersten Fuß gehoben, so war den beiden auch schon der Asmahael zuvorgekommen und stand schon ganz wortfertig in ihrer Mitte und begann folgende Worte an sie zu richten, sagend:
   09] »O Adam! Meinst du denn in deinem Herzen, worin dein sehr geschwächter Geist wohnt, der Herr sei wie ein König der Tiefe oder sei dir gleich, darum es dann viel Wesens bedürfe, um zu Ihm zu gelangen?! Siehe, Ich habe keine Wachen vonnöten und keine Türwärter und auch nicht rangmäßig geordnete, erstgeborene Hauptstammkinder, durch welche erst Jemand bei Mir soll eingeführt werden; auch verlange Ich nicht, da jemand vorher bei einer Stunde lang vor Mir auf seinem Angesichte liegen soll, auf daß er dadurch würdig werden möchte, sich alsdann aufzurichten vor Mir, seinem Gott und Schöpfer, sondern alles, was Ich liebend verlange, ist ein treues, zu Mir gewendetes, liebevolles und demütiges, durch Reue geläutertes Herz, und mit einem solchen hat vor Mir kein Mensch einen Umweg vonnöten, da Ich ihm ohnehin doch sicher allzeit noch dazu der Allernächste bin und sein muß! Und wäre es nicht also, wer vermöchte da wohl auch nur einen allerschnellsten Augenblick lang sein Leben zu erhalten, dieweil ja doch alles Leben zu allernächst und am allerknappsten aus Mir ist und auch ewig nimmer von irgendwo andersher sein kann!
   10] So du dich aber fürchtest, den allwissenden Gott um etwas zu fragen« wie ist's denn hernach, daß der Allwissende Sich nicht scheut, euch um so manches zu fragen eurer selbst wegen, auf daß ihr erwachen möchtet?!
   11] Ich meine aber, daß im Falle einer Unkunde der Unwissende mehr Ursache hat, sich fragend an den Allwissenden zu wenden, als der Allwissende an den Unwissenden.
   12] Wenn also Ich euch frage, die ihr Antwortlose seid, so wird es wohl auch nicht gefehlt sein, so ihr Mich fraget um das, was ihr nicht wisset, aber doch überaus gerne wissen möchtet!
   13] Siehe, Adam, Mir ist gar wohl bekannt deine Not! Du fragst nach den Kindern der Mitternacht und möchtest gar wohl gerne erfahren, wohin diese gekommen; allein für diesen Augenblick sage Ich es dir nicht, sondern du mußt sie suchen und suchen lassen. Und hast du dann niemanden gefunden, sodann erst komme zu Mir und frage Mich, und Ich werde dich dann zu den Kindern führen; denn das Verlorene muß zuvor gesucht werden! Amen.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers