Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 108. Kapitel: Seths Verlegenheit infolge der Gegenfrage des Enos.

   01] Als aber Seth statt der sehnlichst erwarteten Antwort eine Gegenfrage erhielt, ward er über die Maßen verlegen und vermochte lange Zeit kein Wort über seine Lippen zu bringen.
   02] Dies fiel aber dem Enos auf, so daß er dann fragte: »Lieber Vater Seth, der du vollkommen bist ein Ebenbild Adams, wie Adam ein Ebenbild Gottes, sage mir doch wenigstens, dieweil du nun schweigst, darum ich dich gefragt habe. War es denn nicht recht, daß ich solches tat, da ich doch nichts wußte, das ich dir hätte mögen zu einer Antwort geben?
   03] Es war ja aber schon von allen Zeiten her gesagt worden, daß eine Frage an und für sich frei und die Antwort dann nur eine beliebige Erklärung der Frage ist!
   04] Wer aber sollte zu antworten gebunden sein oder der Frage ihr Verlangtes bieten, so er durchaus nichts hat, womit er erleuchten möchte der Frage Mitternacht?!
   05] Hast du mich gefragt um das, was mir noch lange nicht gegeben war, dir zu antworten, und ich mußte dir darum ein Lichtschuldner werden, so habe ich, wenn ich dich aus meiner Nacht nun das fragte, worüber ich dir hätte in einer guten Antwort dienen sollen, dadurch ja dir, lieber Vater, auch keine Notwendigkeit auferlegt, daß du mir darum eine Antwort bringen sollst, sondern du solltest mir nur zeigen, ob es unrecht war, daß ich deinem Beispiele folgte!
   06] Es ist aber ja lange schon unter uns Sitte, daß des Vaters Rechte übergehen auf seine Söhne und die der Mutter auf ihre Töchter, dieweil der große, heilige Schöpfer solches schon in die Natur aller Dinge gelegt hat; so ich demnach nun mich in diesem nötigen Falle solches gerechten Rechtes bedient habe, sage, lieber Vater, kannst du darob mir wohl gram sein?!
   07] Oder ist es wider die Ordnung, so dem Sohne gerade darin das Licht mangelt, worüber ihn der Vater fragt?! Kann ich wohl etwas dafür, daß ich deiner Frage nicht leuchtend Folge leisten kann?! Und fehle ich, so ich als Sohn mir von dir, meinem Vater, einen Rat erbitte?!
   08] Siehe, ich glaube, daß hierin kein Fehler verborgen ist, wohl aber eine rechtmäßige Handlung vor dir, vor Adam und vor Gott, sage, nicht verborgen, sondern offenkundig; und daher kannst du mich, so du willst, wohl irgendeiner zurechtweisenden, wennschon nicht einer erklärenden Antwort für wert und gerecht halten! Amen.«
   09] Seth aber sagte: »Lieber Enos, so warte doch nur ein wenig; habe ich ja doch nicht Henochs oder Kenans Zunge, auf daß ich also schnell könnte mit einer guten Antwort fertig werden!; Gedulde dich nur ein wenig, - es wird dann wohl etwas herauskommen; ob' Nacht, ob Licht, wirst du's wohl, sehen.
   10] Brauchst darum mir ja nicht deine Rechte vorzusagen, die ich so gut kenne wie du, - auch nicht all die Sitten, die allzeit gerecht, gang und gäbe waren und bis ans Ende aller Zeiten bei den Vollkommenen also bleiben werden; denn alles dieses habe ja ich dich zuvor gelehrt! Aber was hier die Antwort auf deine meinem Munde entnommene Frage betrifft, so ist das, nicht so leicht, als du es vielleicht meinst, sondern es gehört da wohl einiges Nachdenken dazu, bis man das Rechte kurz zusammengefaßt hat. Daher gedulde dich nur noch eine kurze Zeit, und, wie gesagt, es wird dann wohl etwas herauskommen, ob Nacht, ob Licht, wirst du's wohl sehen! Amen.«
   11] Bei sich aber dachte nun Seth: Oh, welche Torheit habe ich nun wieder begangen! Warum fragte ich denn, schlau sein wollend, meinen eigenen Sohn und weckte dadurch eine Begierde in ihm, die an und für sich überaus gut ist; aber was nützt das alles, wenn ich sie an ihm nicht befriedigen darf.
   12] Was kann, was werde ich ihm für eine Antwort geben nach kurz und nur zu bald abgelaufener Wartefrist?
   13] Nichts zu sagen, ist nun rein unmöglich; denn solches wäre ja gegen alles göttliche Recht der sehnsüchtigen Erwartung auf eine Verheißung.
   14] Die Wahrheit darf ich nicht reden - und eine Unwahrheit noch viel weniger!
   15] O Asmahael, Asmahael, nun erst begreife ich es ganz, wie unheilbringend schon selbst ein so leichtes Gesetz ist, - wie dann erst ein größeres oder gar mehrere!
   16] O Asmahael, so du mir nun nicht wieder hilfst, so gehe ich abermals zugrunde! O laß mich nicht sinken in die dickste Nacht alles Verderbens! Amen!


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