Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 102. Kapitel: Gegensätze zwischen Gott und den Menschen.

   01] Kaum hatte Jared sein letztes Wörtlein ausgesprochen, so war Asmahael auch schon zwischen beide getreten; denn vorher unterhielt Er sich mit manchen Kindern des Abends, da Er sie über manches befragte und auch wieder belehrte.
   02] Die beiden waren nun anfangs ein wenig verblüfft, faßten sich jedoch bald, und der Henoch fragte den Asmahael: »Allergeliebtester Asmahael, was soll nun geschehen, - sollen wir noch verweilen oder uns zur Weiterreise anschicken?«'
   03] Asmahael aber sagte: »Darum kam Ich nicht zu euch, daß Ich dir nun diese deine Notfrage lösen soll, sondern darum kam Ich hierher, dieweil Ich unter euch beiden eine große Liebe zu Mir entdeckt habe!
   04] Jared, freue dich, daß Ich bei dir einziehe, und du, Henoch, auch, daß du Meine Liebe so hoch achtest! Denn wo Ich einziehe, da wird der Tod nie ein Erntefest halten; wo Ich aber nicht einziehe, wehe der Wohnung! Denn da wird des Jammers kein Ende werden, und der Tod wird hausen in all den Gemächern eines solchen Hauses, wo Ich nicht einziehen möchte.
   05] Wahrlich, Ich sage dir, Jared: Wer Mich zum Gaste hat, der hat alles; wer Mich aber von sich gewiesen hat, der hat alles verloren.
   06] Wenn dir der demütigst am Morgen aus der Tiefe zu euch gekommene Mensch auch etwas sonderbar vorkommt und du dir sein Wesen auch nicht ganz klar zusammenreimen kannst, so denke, daß auch Gott Sich das nicht recht zusammenreimen kann und will, wie die Menschen als Seine Geschöpfe sich größer dünken mögen, denn Gott Selbst Sich von Ewigkeit her über und über lebendig empfindet!
   07] Siehe, die Menschen richten eins das andere, während Gott doch tagtäglich über alles Seine Sonne aufgehen und über die ganze Erde Seinen Regen fallen läßt!
   08] Die Menschen machen Unterschiede und halten nicht alle ihrer Weisheit würdig; Gott aber, der große Lehrer aller Sonnen, Geister, Erden und aller Menschen, verabscheut es nicht und hält es nicht unter Seiner Würde, dem Wurme im Staube und der Schmeißfliege wie allem andern Getier, und möchte es noch so klein und unansehnlich sein, ein allerweisester Lehrer zu sein! Die Menschen halten ihre Wohnhütten für heilig und lassen ihre eigenen Kinder und Brüder auf ihre Angesichter vor denselben fallen, während Gott sogar das gemeinste Tier auf der Erde frei und ohne alles Aufs-Angesicht-Niederfallen umherwandeln läßt.
   09] Die Menschen fluchen denjenigen und strafen sie hart, die sich gegen ihren Willen in etwas versündigt haben; Gott aber segnet sogar die Steine und hat die größte Erbarmung gegen jeden Irrenden und flucht nicht und ist' von größter Geduld, Sanftmut und überaus zurückhaltend in Seinen Gerichten.
   10] Wenn Menschen sich zu Gott wenden, da tun sie, als wenn sie selbst Götter wären. Wehe dem, der sie da beirren möchte oder nicht die allerhöchste Achtung hätte vor ihnen, wenn sie sogenannte Gottesdienste verrichten! Besonders wenn sie ihr Opferverrichten, sind sie auch zugleich am allerbösesten, und zwar so sehr, daß, so da jemand käme und fiele nicht alsogleich auf sein Angesicht vor ihnen und dem Brandopfer nieder, er dann alsbald für alle Zeiten verbannt, wo nicht gar halb getötet werden möchte; verflucht würde er auf jeden Fall werden.
   11] So aber Gott zu den Menschen kommt, da kommt Er als ein Diener in aller demütigen Niedrigkeit und zeigt! dann, daß Er an all solchen sogenannten Gottesdiensten kein Wohlgefallen hat!
   12] Siehe, wenn Menschen gewisserart gottesdienstliche Werke verrichten, da soll alles niederfallen und vor lauter Ehrfurcht zittern; aber wenn sie tagtäglich sehen, wie Gott vor ihnen und für sie die größten Wunderwerke verrichtet, da fällt vor dem wahren, großen Gottesdienste, den Gott Selbst verrichtet, kein Mensch auf sein Angesicht nieder, was Gott auch nicht verlangt und ewig nie verlangen wird!
   13] Siehe also, Jared, nicht allein dir kommt manches ungereimt vor, sondern auch für Gott gibt es eine Menge solcher Tatungereimtheiten von seiten der Menschen. Daher kümmere dich nicht um Mich, sondern sei froh und guten Mutes; denn du hast das Leben bei dir aufgenommen! Amen.«


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