Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 98. Kapitel: Das Schweigen der Liebe.

   01] Nach dieser Bekenntnisrede Adams aber erhob sich auch alsbald der Seth und wollte zu reden anfangen; aber der Asmahael gab ihm ein Zeichen, daß er schweige, und setzte hinzu:
   02] »Seth, weißt du denn nicht, daß die wahre Liebe stumm ist und die Weisheit nur dann das Wort führt, wenn sie zum Frommen anderer zu reden aufgefordert wird?!
   03] Hast du Liebe, so schweige mit dem Munde und rede allein im Herzen; und hast du Weisheit, so lasse dich vorher von jemand begehren, und so solches geschehen, dann rede wenig Worte, und rede aus dem Herzen und nicht aus dem Verstande, was da frommt dem Begehrenden!
   04] Es ist aber unvergleichlich vielmal besser, zu schweigen und das Ohr zu verhalten wie auch das Auge zu schließen, als beständig zu mundwetzen und zu brodeln gleich einem Wasserfalle und das Ohr zu legen an alle Straßenecken und das Auge einer Schwalbe gleich herumschießen zu lassen.
   05] Dem Munde drei Dinge, dem Ohre sieben und dem Auge zehn!' ist ja eure Regel der Weisheit; warum demnach überflüssige Reden, - statt sieben dem Ohre tausend, und dem Auge eine Unzahl?!
   06] Ich weiß aber, Seth, was du hast reden wollen; behalte es bei dir, und du wirst sehen, daß morgen die Sonne wie gewöhnlich um die bestimmte Zeit aufgehen wird!
   07] Und ihr übrigen alle tuet desgleichen! Keiner dränge dem andern ein Wort auf, sondern wer etwas erfahren möchte, der wende sich an einen, der da ist wohlverständigen Herzens, das heißt eines Herzens, das da allzeit in sich vernimmt die Stimme der ewigen Liebe und wohl versteht das Wort des Lebens aus Gott zur Zeit der nötigen Mitteilung. Wenn aber dann ein solches Wort sparsam gleich dem Golde der Erde gesprochen wird, so ist es an der Zeit, Ohr und Auge vom Herzen aus zu öffnen; höret und verstehet es wohl!
   08] Und nun, ihr Kinder, die ihr da wohnet, wo der Adam von seiner Hütte schaut den Untergang der Sonne, erhebet euch, seid freien, treuen und aufrichtigen Herzens gegen Gott, gegen eure Väter, gegen alle eure Brüder! Empfanget vom Adam den Segen; tuet heute und morgen, was euch geboten ist um Gottes Willen, und werdet Kinder des Aufgangs und der Liebe, aber nicht Kinder des Untergangs und der Nacht des Todes!
   09] Die Gegend, die ihr bewohnet, sei künftighin gleich der im Morgen, Mittag und Mitternacht; denn in der Zukunft werden nur die Gegenden des Herzens angesehen werden, und es werden gänzlich außer Betracht sein die Gegenden der Erde! Amen.«
   10] Als aber der Adam solches vom Asmahael vernommen hatte, näherte er sich in der allerhöchsten inneren Ehrfurcht dem Asmahael und fragte Ihn:
   11] »O Asmahael, wird es mir nicht zum Frevel gerechnet werden, so ich über Dein übersegenvollstes Wort noch meinen nichtssagenden Segen aussprechen möchte über die Kinder, die Du mit Deinem lebendigen Worte heimgesucht hast?
   12] Wahrlich, jetzt kommt mir mein zu gebender Segen gerade so vor, als so ich möchte Wasser ins Meer tragen, um dadurch dasselbe zu vergrößern und zu vermehren!
   13] O Asmahael, sei mir gnädig und barmherzig! Amen.«
   14] Der Asmahael aber erwiderte dem Adam: »Höre, Adam, wenn es dir also vorkommt, so tue in Meinem Namen, wie es dir vorkommt, und sei dessen gewiß, daß darob dem Meere kein Leid zugefügt wird; aber wisse, daß jede Gabe mehr dem Geber frommt denn dem Empfänger!
   15] Hast du aus deinem Herzen das Meer vermehrt um einen Tropfen, so hast du dein Herz erquickend erleichtert, und das Meer wird dir dankbar sein auch für den einzigen Tropfen! Denn Ich sage dir, du kennst weder den Tropfen noch das Meer; aber so es der gute Gebrauch erheischt, da tue du in deinem Herzen, was dir obliegt, und kümmere dich nicht des Meeres! Der aber die Tropfen des Meeres gezählt hat, wird deinen Tropfen nicht außer Rechnung lassen!
   16] Daher segne du nur immerhin deine Kinder, und Ich werde darob Meinen Segen nicht zurücknehmen. Amen.«
   17] Und Adam vollzog alsbald den heiligen Willen Asmahaels und ward voll Freude.


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