Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 96. Kapitel: Asmahaels Rede über das Wort Gottes.

   01] Als der Adam solches ausgeredet hatte und nichts mehr hatte und auch nichts mehr fand, was er reden möchte oder könnte, da dankten ihm die Kinder für diese letzte Mitteilung; denn bis auf Henoch dachten alle, Adam werde nun nichts mehr reden. Nach dem aber machte Henoch alsbald die Kinder aufmerksam auf die Rede Asmahaels, und alle richteten alle ihre Sinne auf den Mund Asmahaels, und der Seth sagte:
   02] »O Herr, verleihe mir jetzt hundert Herzen und siebenhundert Ohren, auf daß nichts verlorengehe, was nun Dei - ja so! - dem Munde Asmahaels aus Dir wie ganz aus Deinem Munde entströmen wird! O Herr und Gott und Vater voll der höchsten Liebe und aller Erbarmung, blicke mich während Dei - ja so! - der Rede Asmahaels nur manchmal an, auf daß Deines Auges ernstmilder Blick erleuchte das Irrsal meines unreinen Herzens! Amen.«
   03] Bei dieser Anrufung Seths öffnete Adam doch wieder seinen Mund und sagte: »Lieber Seth, wie ich merke und aus deinem etwas verlegenen Ausrufe gar wohl ersehe, ist dir an der folgenden Rede Asmahaels viel mehr gelegen als an allen Reden Henochs, die doch auch aus Gott waren, und an allen meinen Worten, durch die du doch zuerst das Wesen Gottes erkanntest, wie es ist als Schöpfer aller Dinge und auch als Vater voll Liebe denen meiner Nachkommen, die Ihn über alles lieben; denn noch nie habe ich, wie jetzt, dich um hundert Herzen und um siebenhundert Ohren zur Aufnahme unserer Worte den Herrn anrufen hören!
   04] Doch ich will dich nicht mehr fragen, worin der Grund liegt; daher möge der Asmahael beginnen und machen, daß wir bald zu denen in Mitternacht gelangen! Amen.«
   05] Und alsbald richtete sich Asmahael auf und begann Seine durch große Geduld und Langmut geprüfte Rede an alle zu richten, sagend nämlich:
   06] »Höret alle und verstehet es wohl, ihr Kinder im Abende und ihr Väter und du, Adam, nicht minder: Wenn das Weizenkorn in die Erde gelegt wird, da verfault es, und aus seiner Verwesung wird ein neues Gewächs und bringt hundertfach das verfaulte Korn wieder. Also ist es auch mit jeglichem Worte aus dem Munde Gottes.
   07] Das Herz ist das Erdreich, die Liebe ist der Dünger, und die Liebe Gottes ist der fruchtbare Regen; das darauf folgende Licht der Gnade ist der warme Sonnenschein. Alle diese vier Dinge bewirken zuerst, daß das Korn verfault. Dieser Zustand ist gleich der Nacht oder dem fruchtlosen Winter. In dem Zustande weiß der Mensch nichts und versteht nichts und sieht nichts, und das Gefühl der Vernichtung ist sein Begleiter; wenn aber dann das Frühjahr oder der Morgen kommt, alsdann fangen aus der Verwesung Wurzeln ins Erdreich zu schlagen an, und wo sie in der Liebe in einem Bündel zusammenlaufen, da erhebt sich ein neuer Stamm voll Leben und baut sich kühn eine neue Wohnung zu künftiger Reife für ein hundertfaches Leben.
   08] Seeht an den Halm, an dem die frucht- und lebensschwere Ähre sich jubelnd wiegt, aus wieviel tausend und tausend Röhrchen er besteht, durch die die Ähre lauter Nahrung aus dem Schoße der Erde saugt! Sehet an die langen hängenden Blätter am Halme, wie schön und überaus zweckmäßig sie gebildet und versehen sind mit zahllosen kleinspitzigen Ausläufern, um durch dieselben aufzunehmen die Kost des Himmels, auf daß dadurch die aus der Erde selbst lebendig werden möchte! Sehet an die bräunlichen Ringe am Halme, die da gemacht sind, daß, je nachdem das Leben der neuen Frucht sich mehr und mehr erhoben und sich frei gemacht hat aus dem Schlamme des Todes der Erde, sich fürs erste das reine Leben verwahre vor unreinen Nachstellungen aus der Schlammtiefe und fürs zweite es sich die der Erde entnommene Nahrung verfeinere und veredle und vollkommen vermische zum Leben mit der allein belebenden Kost aus den Himmeln! Sehet an die vielen langen, spitzenübersäten sogenannten Gräten, wie sie sich alle sorgsam dem Lichte zuwenden, um die reine Gnadenkost von Gottes Sonne lüstern in sich zu saugen, auf daß die in neuen Hülschen eingeschlossene Frucht des Lebens von keiner andern Kost mehr genährt werden möchte denn allein von der der Gnade aus der Sonne! Seht an die bald darauf folgende fleißig sich schwingelnde Blüte, die da reichlich versehen ist mit der aus den höchsten Himmeln gereichten Mannakost, die da wie ein feiner Tau anzusehen ist und der Frucht das eigentlichste sich fortpflanzende ewige Leben gibt! Sehet, wie alsdann, wenn solches alles vor sich gegangen ist, alles der Erde Entnommene des Halmes zu welken anfängt und gewisserart stirbt; aber je mehr das Irdische abstirbt, desto mehr festet sich und freiet sich das Leben in der ebenfalls sterbenden Ähre und in deren sterbenden Hülschen!
   09] So aber dann die Frucht reif geworden ist, da gehet ihr hin oder schickt eure Kinder aus, auf daß sie sammeln und bringen sollen in eure Wohnungen und Vorratskammern die lebendige Frucht.
   10] Sehet, also auch tut es der Herr! Ihr auch seid das Getreide; euer Leib ist der Halm, eure Seele ist die gereinigte Kost aus der Erde, euer Geist ist die Kost des Himmels, und Mein lebendiges Wort ist das Manna des allerhöchsten Himmels, das euch erst das wahre, ewige Leben bringt, so ihr es annehmet wie die Ähre und die Blüte derselben am welkenden Stamme der Welt. Doch, wie gesagt, es wird das Wort aber in euch zweimal gesät, und zwar zuerst lebendig ins Erdreich eures Herzens zur prüfenden und euch läuternden Verwesung. Dieses Wort findet schon ein jeder zum Teil in sich und zum Teil aber mündlich durch erweckte Lehrer und Sprecher. Wenn dieser Same aber verwest ist und die Verwesung neue Wurzeln getrieben hat zur Nahrung eines neuen Lebens, dann kommt das andere, lebendige Wort wie jetzt von oben über die Ähre eures neuen Lebens und macht dasselbe vollends reif und frei zum ewigen Leben. Daher werdet gleich dem Weizen, so werdet ihr gar bald erkennen, daß Der allein das Leben hat und gibt, der unter euch wandelt! Höret zum Leben! Amen.«


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