Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 94. Kapitel: Adams Bitte an Henoch.

   01] Nachdem Adam mit seinen ärgerlichen Gedanken zu Ende war und sich sein Neugiersturm mehr und mehr gelegt hatte, erhob er sich wieder von der Erde und hieß den Henoch zu sich treten und fragte ihn wie folgt:
   02] »Henoch, sage mir bis in die innerste Tiefe des Herzens gekränktem Vater doch wenigstens so viel, ob das an euch gerichtete Wort Asmahaels von großer Wichtigkeit war oder nicht! War es ein Wort des Lichtes und der Liebe, oder war es ein Wort aus der Tiefe aller Finsternis und alles Greuels?
   03] Und so es euch wahrhaft der Herr verboten hat, solches mir kund zu geben, so sage mir aus dem Herrn, warum solches der Herr vor mir verborgen und vor euch aber enthüllt hat!
   04] Lieber Henoch, enthalte mir solches nicht vor; sei aufrichtig gegen mich, der ich doch gegen euch alle nur zu offen, gut und gerecht war und euch nie etwas vorenthalten habe!
   05] Der Herr weiß es und muß es auch wissen, wie offen mein Benehmen allzeit gegen euch alle war! Alles, was euch nur immer frommen mochte, teilte ich euch mit, obschon ich als Vater, vor euch eher das Recht gehabt hätte, Geheimnisse zu machen, denn ihr vor mir, eurem Vater!
   06] Ihr seid nun gegen mich verschlossenen Herzens geworden. Es kann immer sein, daß der Herr euch also gegen mich zu sein geboten hat und auch, daß Er uns näher ist, als ich es zu ahnen vermag, - und daß der Asmahael vom Herrn kein Gebot hat, vor mir zu schweigen, will ich ja recht gerne zugeben; aber ist es wohl in der Ordnung, daß die Kinder den Vater von sich weisen hin zum Fremdling, wo er das erfahren soll, was zu sagen seinen Kindern vorenthalten sein soll?
   07] Siehe, lieber Henoch, und denke recht tief bei dir nach, so wirst du es finden, wie schwer sich auf den ersten Blick ein solches törichtes Gebot mit der Liebe und Weisheit Gottes vereinen läßt! Denn wenn ein und dasselbe Wort von eurer Zunge verboten, von der Asmahaels aber gestattet sein soll, so kann ja an dem Worte ohnehin nichts oder doch nicht viel gelegen sein, und es liegt da weniger am Worte selbst, für welches eigentlich kein Verbot da ist, weil es Asmahael frei aussprechen darf, sondern alles liegt an der gebundenen Zunge.
   08] Warum ist für dasselbe Wort eure Zunge gebunden - und die des Asmahael frei?
   09] Wer kann solches vom Herrn denken, daß Er die Herzen der Kinder vor ihren Vätern verschließen sollte und öffnen die der Fremdlinge, damit dadurch zwischen Vater und Kind ein unheilbares Mißtrauen geweckt und genährt werden sollte?!
   10] Siehe, so Gott solches täte, wäre Er ja ein Urheber der Bosheit, aber keineswegs ein Urheber aller Gerechtigkeit, Gnade, Liebe und aller Erbarmung!
   11] Daher sei auf deiner Hut, und erforsche wohl, ob dieses Gebot eines guten oder argen Geistes Sprößling ist!
   12] Ist es von Gott, dann wehe uns allen; denn dann sind wir allesamt nichts denn ein eitles Spielzeug einer irgend frei waltenden, unerforschlichen Macht, welche zum Zeitvertreib Wesen aus sich ruft, um sie eine Zeitlang ergötzlich zu quälen, und sie des Lebens Süßigkeit kosten läßt zwischen zwei Unendlichkeiten, nämlich von der Geburt bis zum uns alle noch erwartenden Tode, wo dann wieder die endlose Linie der ewigen Vernichtung beginnt und wir dann alle gewaltig durchgequält wieder das werden, was wir waren vor der Geburt, nämlich ein unendliches Nichts!
   13] Ist solches Gebot aber von einem argen Geiste, dann wehe uns zweifach; denn fürs erste müßten wir schrecklich weit von Gott entfernt sein durch was immer für eine uns unbewußte Schuld, darum Er uns dann Seinem Zorn überließe zum Preise eines ewigen Rachefeuers, - oder die arge Macht hätte dem Vater den Arm der Liebe gelähmt, so daß Er dann nicht mehr vermöchte, uns zu helfen und zu retten entweder vom Tode oder vielleicht von noch etwas Ärgerem!
   14] Lieber Henoch, bedenke wohl, was ich dir jetzt sagte, und gib mir die verlangte Antwort! Ja, gib mir den Frieden wieder, so es dir möglich ist denn siehe, ich bin betrübt bis in den innersten Grund meines Lebens! Um meine Seele ist es Nacht geworden; auch nicht ein Sternchen ist irgend zu erschauen aus dem Dickicht des Todes.
   15] Henoch, da ich satt war, durftest du mir Speise reichen vom Himmel; so tue es jetzt um so mehr, da ich danach hungere und dürste über und über! Hör' und tue! Amen«.


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers