Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 67. Kapitel: Der Besuch der Urväter bei den Kindern des Mittags.

   01] Und so kamen sie nun wohlbehalten bei den Kindern des Mittags an, welche, als sie solcher Ankunft ansichtig wurden, alsbald alles verließen und hinzueilen zum Empfange der Erzväter, um dieselben würdigst zu begrüßen.
   02] Jedoch, als die zahlreichen Kinder des tragendes Tigers ansichtig wurden, ergriff sie eine große Furcht; denn sie kannten die Grausame Beharrlichkeit dieses Tieres und hatten solche erfahren bei einer Gelegenheit, allwann sich einige Jünglinge zusammenmachten, um eine Reise nach Hanoch, zu unternehmen.
   03] Das Tier durfte ihnen zwar nichts zuleide tun, sondern sie nur durch seine grimmsprühende Gestalt und wutentbrannte Bewegung zurückschrecken und also abhalten von ihrer Torheit; aber es gab ihnen seine Muskelkraft doch dadurch zu erkennen, daß es einen Ochsen, das heißt einen aus dem Dickicht herbeigeeilten Riesenauerstier, vor ihren Augen mächtig anfiel und selben alsogleich auch verzehrte samt Haut und Haaren.
   04] Diese Szene brachte die wenigen Reiselustigen auch alsbald zum Umkehren und benahm ihnen auch die fernere Reiselust gänzlich, und das um so mehr, als der Anführer der kleinen Schar sogar mit einem tüchtigen Schwanzhiebe von seiten des Tigers gar kräftig bedient wurde.
   05] Daher hatten vermöge solcher Lektion diese Kinder auch einen ganz besonderen Respekt vor diesem Tiere und wunderten sich nicht wenig darüber, daß sie den Asmahael sahen auf dem Nacken dieses Tieres furchtlos sitzen und sich gar bequem tragen lassen.
   06] Da aber Adam alsobald merkte ihre Furcht, so sprach er zum Henoch: »Siehe, die Kinder scheuen sich vor dem gewaltigen Träger Asmahaels; gehe hin und stärke sie im Namen des Herrn, auf daß ihnen benommen werde die Furcht und sie sich uns nahen mögen zum Empfange meines Segens! Amen.«
   07] Und alsobald trat Henoch hin zu den scheuen Kindern und redete sie mit folgenden Worten an, sagend: »Höret alle, ihr Kinder Adams, ihr Kinder voll Weisheit! Was ist's, das euch zurückschauern macht beim Anblicke eines mächtigen, aber doch wohlgehorchenden Tieres?
   08] Wozu habt ihr Seths Weisheit überkommen - und habet Furcht vor dem, was euch gehorchen soll?!
   09] Es ist aber, daß ihr irgendwann selbst aus dem Gebiete des Gehorsams, welcher die Grundfeste aller Weisheit ist, getreten seid und sodann zurückgewiesen wurdet durch die Macht des starren Gehorsams solches Tieres, sonst ließe es sich kaum denken, woher eure Furcht stammen sollte!«
   10] Die Kinder aber antworteten: »Höre, Henoch, Großsohn Jareds, es ist so, wie du sagtest: Es versuchten sich fünf Junge im Ungehorsame gegen unsern Willen insgeheim, - denn ihr Auge hatte einen lüsternen Blick gen Hanoch gemacht; aber ihre Füße wurden alsobald von einem solchen Tiere in das Gebiet der Grundfeste der Weisheit zurückgewiesen.
   11] Da sie uns hernach aber kundgaben, welche große Stärke und Grausamkeit sie an solchem Tiere erfahren, so scheuen wir uns davor!«
   12] Henoch aber erwiderte ihnen: »Oh, daß ich nicht wüßte, was eure Herzen lange schon bedrängt hat! Wohl euch von oben, daß nur eure Kinder es waren, in denen ein arger Same, von euch gelegt, Wurzeln fassen wollte, sonst wäre dieser Tiger ein übler Verräter an euch geworden, und der, den das Tier auf seinem Nacken trägt, hätte eure Weisheit zur großen Torheit gemacht!
   13] Nun aber gehet unerschrocken hin zum Erzvater Adam, auf daß er euch gebe, woran euch nun vor allem not tut; und so fasset im Namen des Herrn Mut, und folget mir ohne Furcht Amen.
   14] Und sogleich folgte eine Schar der andern, sich hin zum Adam begebend, allwo sie niederfielen auf ihre Angesichter und Adam sie segnete.
   15] Da aber alle den Segen empfangen hatten, wurde Enos beauftragt, ihnen anzuzeigen, daß sie sich erheben sollten.
   16] Als solches nach alter Sitte geschehen war, da brachten sie dann alsogleich Früchte, Brot, Milch und Honig und reichten es dem Adam und seinen Großsöhnen. Und sie rührten alles an und lobten Mich für solche Gaben an die Kinder, hießen dann dieselben bei dreißig Schritte zurücktreten, damit nun wieder Henoch über diese Mittagsgegend einige Worte aus der Tiefe des Lebens in Gott reden solle.
   17] Allein als diese Kinder des Mittags eben zurücktreten wollten, fing der Tiger so gewaltig zu brüllen an, daß die Erde unter ihren Füßen bebte und all die Mittagskinder vor Furcht zur Erde sanken und gar ängstlich um Hilfe zu rufen anfingen.
   18] Adam selbst wandte sich zum Henoch und fragte ihn, was das bedeuten solle.
   19] Auch Seth und die übrigen taten desgleichen, da außer dem Henoch und Asmahael niemand solches Benehmen des Tigers verstand; denn Henoch verstand es aus Mir, und sein Jünger aber aus Henoch, darum er auch ohne alle Furcht auf dem Nacken des gewaltig brüllenden Tigers ruhig saß.
   20] Henoch aber wandte sich ehrfurchtsvoll zum Adam und sprach: »O Vater, so du willst, so rühre an die Zunge des Tieres, und das Tier wird dir kundgeben, warum es also gewaltig brüllt!«
   21] Adam aber sagte: »Henoch, ist mein Finger denn mächtiger denn der deine?«
   22] Henoch aber erwiderte: »Vater, dein Finger ist aus Gott, meiner nur aus dir; darin liegt die Macht deines Fingers zur Verherrlichung des Namens Jehova!«
   23] Adam aber rührte die Zunge des Tieres an, und sogleich ließ das Tier folgende verständliche Worte gewaltig erschallen, welche also lauteten: »Adam, du großer Schluß und Anfang aller Schöpfung aus der Hand Gottes! Siehe, die du zurücktreten ließest, haben einen blinden Gehorsam; aber ihr Wille frevelt in dieser Blindheit! Daher erwecke zuvor ihre Treue im Herzen, und mache bescheiden ihren Willen; dann erst sieh, welche Früchte dir der Mittag bringen wird. So du aber Mahlzeit halten willst im Geiste, da bescheide deine Kinder nicht zurück; denn so ich ein Mahl halte, da treibe ich meine Kinder nicht hintan - und bin doch nur ein Tiger! Amen; höre: Amen.«


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