Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 48. Kapitel: Über den göttlichen Segen auf Erden.

   01] Und als nun der Henoch auf die Art vollendet hatte seine entschuldigende Rede, da dankte er im stillen Mir, daß Ich ihm gegeben hatte solcher Rede trefflichen Sinn; dann aber verneigte er sich wieder vor Adam und vor allen seinen Vätern. Adam und die Väter aber richteten sich auf und sprachen sämtlich 'Amen' und umarmten den sonst sehr schüchternen Henoch - der da wenig Mut hatte, vor jemandem sich als etwas geltend zu machen, aber desto mehr Mut hatte, Mich im stillen überaus zu lieben aus der unbegrenzten Demut seines Herzens und so auch seinen Vätern zu gehorchen in aller kindlichen Liebe - und dankten Mir auch voll Liebe und starken Vertrauens für die Gnade, daß Ich unter ihnen geweckt habe einen solchen Liebesprecher der Liebe.
   02] Seth aber dankte noch ganz besonders dem Vater Adam für die Segnung der Zunge Henochs und bat Mich im Angesichte aller, daß da, bis ans Ende aller Zeiten fort während, diese gesegnete Zunge Henochs bei allen Nachkommen aus dieser Grundlinie der Menschheit bestehen möchte.
   03] Und alle sprachen Amen; Adam aber segnete den Wunsch Seths und sprach: »Der Herr wird getreu verbleiben in allen Seinen großen Verheißungen bis ans Ende der Zeiten; möchten doch Ihm alle unsere Nachkommen treuer und treuer werden bis ans Ende aller Zeiten! Amen.
   04] Nun aber, liebe Kinder, gehet unter meinem vielfachen Segen und dadurch im allerheiligsten Namen unseres ewigen, überguten, liebevollsten Vaters in eure Wohnungen, und ruht aus eure Glieder und eure Seele und Geist in Gott! Und du, Ahbel (Abel)-Seth, vergiß deines Vaters nicht, und bringe mir mein Gericht und meinen Trank, und tue dann unter meinem dreifachen Segen, was deinen Kindern geraten wurde! Henoch aber soll die Zeit meines Lebens in meiner Hütte wohnen und speisen aus der Schüssel, aus der ich speisen werde, und soll aber dafür bereit sein, allzeit mir und allen seinen Vätern, Brüdern und Schwestern zu dienen in der Liebe des Geistes aus Gott! Und nun gehet und tuet, wie ihr es vernommen habt! Amen.«
   05] Und alsobald verneigten sich alle vor Adam und gingen in ihre nicht fernen Hütten. Seth aber tat mit der Hilfe seines Weibes seine Pflicht, und Henoch aber holte aus seiner unansehnlichen Hütte sein Lager und brachte es zur Hütte Adams und endlich nach verrichteter stiller Danksagung in die Hütte Adams selbst, allwo die alte Mutter Eva nach Kräften ihm behilflich war, das Lager so weich als möglich zu machen. Und als somit alles wohl bereitet war, da war auch schon Seth mit seinem Weibe, wohlversehen mit Speise und Trank, zugegen und dankte Mir mit dem gerührtesten Herzen für die hohe Gnade, die ihm vor allen seinen älteren Brüdern zuteil geworden war, Speise und Trank reichen zu dürfen seinen Eltern und dem lieben Henoch, der ihm vorkam wie ein aufgehender Morgenstern.
   06] Und als das Abendmahl nun eingenommen war und das Dankgebet verrichtet, da sprach noch Adam zu Seth, sagend: »Ahbel (Abel)-Seth, du weißt, daß morgen der sechste Tag der Woche ist und übermorgen der heilige Ruhetag des Herrn erscheint! Zur Zeit der Opferung mögen sich alle meine Kinder aus dir und deren Kinder und Kindeskinder allhier einfinden, wie auch soviel als möglich von jenen meinen Kindern, die mir der Herr nach dir gegeben hat!
   07] Das soll ihnen morgen angedeutet werden, wie auch denen, die da geholt haben aus der Tiefe ihre Weiber, daß sie sich sollen reinigen, um zu betreten diese heilige Stätte, darüber der ewige Geist aller Liebe und Weisheit geschwebt ist in aller Wahrheit, Macht und Kraft, und daselbst aus dem Munde Henochs zu vernehmen eine neue Lehre aus Gott, die wohltun wird ihren Herzen, wie sie wohltat dem unsrigen, da es angefüllt wurde mit so unendlichen Erwartungen aus der unermeßlichen Liebe Gottes. Nun, lieber Seth, ist dir für heute und morgen alles bekannt aus mir; alles übrige wird dir offenbaren dein Herz, - und so möge dich Gottes Gnade wie mein Segen geleiten! Amen.«
   08] Und bevor sich der Henoch zur Ruhe begab, da trat er schüchtern vor Adam hin und sprach: »O Vater der Väter, möchtest du mir wohl noch erlauben, daß ich dir mit einer kleinen Bitte dürfte zur Last fallen; aber verzeihe mir zuerst diese meine eigenmächtige Frage!«
   09] Adam, ganz gerührt von solch bescheidener, demütiger Herzlichkeit, zog den Henoch an seine Brust und küßte und herzte ihn und sagte endlich vor Freude weinend: »O Du großer, überheiliger, überguter Vater! Welch eine herrliche Frucht hast Du mir durch Seth an die so viel beweinte Stelle Ahbel (Abel)s gegeben! Ahbel (Abel) war ein Held vor Dir und mir, aber die Frucht Seths ist ein triefender Honig aus Deinem ewigen Morgen! O habe Dank, ja ewigen Dank für soviel Gnade und Erbarmung!
   10] Siehe, du meine Eva, wie gut unser Gott, unser Vater ist! Mit welchen Schätzen hat er uns bereichert!« - Eva aber sprach: »O Adam, ich kann nichts als in zu großer Freude ob so viel Gnade und Liebe weinen! Wir sind des nicht im geringsten würdig; denn neben dieser meiner übergroßen Freude aber empfinde ich auch die große Last, welche durch meine alleinige Schuld die Tiefen der Erde drückt. O Cahin, Cahin, warum mußtest du werden der Erde zum Fluche?! O Adam, dieser Gedanke nimmt allzeit die Sprache meiner Zunge, und meine Freude wird mit den Dornen umwunden, die da aufgenommen haben meine erste Träne im Paradiese noch! O Adam, laß mich weinen und beten!«
   11] Adam aber sprach: »O Weib, sei ruhig, laß Gott nun sorgen und tue, was deinem Herzen frommt! Und du, mein lieber Henoch, eröffne mir dein liebevolles Herz, und sage mir dein frommes Anliegen! Mein Herz, mein Auge und mein Ohr hängen an deinem gesegneten Munde; daher rede, wenn du willst, wann du willst, und wie du es willst, und mir wird es allzeit recht sein! Amen.«
   12] Henoch aber, da er solches vernommen hatte, öffnete sein Herz und ließ seiner Zunge gerechte Zügel schießen vor Adam und sprach: »O Vater meiner Väter, segne mein Lager in deiner Hütte, damit auch meine Seele vollkommen ruhen möchte daselbst, da die hohe Mutter gesorgt hat für die Ruhe meines Leibes!
   13] Denn so der Leib ruht, muß die Seele Frieden haben; sonst ruht der leib schlecht, und der Geist kann sich unterdessen nicht üben in der Beschauung seiner selbst und in der Ähnlichwerdung seiner Urform in Gott. Wie aber der Schlaf als Ruhe des Leibes eine Wohltat Gottes durch die Natur ist, so ist der Friede der Seele jene innere, stille Wärme der ewigen Liebe, aus welcher erst dem Geiste jener Stoff bereitet wird, daß er sich damit voll bilde, um dadurch wieder dereinst zu werden ein wahres Gefäß zur Aufnahme der Liebe und so des Lebens aus Gott.
   14] O Vater der Väter, siehe, es nötigte mich keine geringe Sache, mich dir zu nähern und dich zu bitten um den Segen über mein Lager! Denn es gibt nichts in der Welt, das da nicht wäre aus dem Leben und wieder führend zum Leben uns zeige die Wege des Heils durch die unendliche Erbarmung der ewigen Liebe und unermeßlichen Gnade. Aber versäumen sollen es die Menschen nicht, alles aus der Liebe Gottes vorher zu segnen: die Erscheinungen, die Nacht, das Lager, die Ruhe und alles in ihr und mit ihr. Alsdann werden dem reinen Menschen die Gesichte des Schlafes zeigen getreu die Werke der Liebe im Geiste, und es wird ihm ein leichtes werden, sich selbst zu erforschen; wer aber da unbeachtet läßt die Erscheinungen und achtet nicht den Segen des Lagers und so der Ruhe, der gleicht einem Blinden und Tauben, und die Liebe und das Leben werden an ihm stumm vorüberziehen.
   15] So aber ich nicht vermöchte Großes im Kleinsten zu gewahren, wie vermöchte ich hernach zu gewahren im Großen Unendliches und im Unendlichen die ewige Liebe und unendliche Weisheit, Macht und Kraft Gottes selbst?!
   16] Daher, o Vater meiner Väter, versage mir den Segen meines Lagers nicht, und gib meiner Seele den Frieden, auf daß sie fröhlich möchte ruhen in der Liebe Gottes, um zu zeugen kräftig dann von der großen Gnade im Geiste und aller Wahrheit aus der ewigen Erbarmung. Amen.«
   17] Als aber Adam solch fromme Bitte vernommen hatte, da ließ er sieh hingeleiten zum Lager des Henoch und segnete dasselbe dreimal. Und da er das Werk des Segens beendet hatte und wieder zurückkam an seine Stelle, da sagte er: »Henoch, es ist geschehen nach dem Wunsche deiner Gottestreue! Aber siehe, da dir ein solcher Segen not tut, so tut er ja allen not und wäre für mich gewiß auch nicht überflüssig; wer aber wird da segnen mein Lager?«
   18] Henoch aber erwiderte in aller Liebe und Ehrfurcht: »O Vater meiner Väter! Es sind die Berge voll von deinem Segen, und dein Lager hat wohl angeschaut Der, der dich schon gesegnet hat eher, als noch geschaut hat ein menschlich Auge hinauf zu den lichten Wohnungen des heiligen, großen Vaters. So aber der heilige, große Vater dich und alles, was Er dir gegeben, gesegnet hat, wie solltest du etwa von mir einen Segen verlangen, da ich selbst nur kaum ein kleiner Teil deines Segens aus Gott bin?!
   19] O sei in aller Ruhe aus Gott! Denn die Erde selbst ist nur dir unter die Füße gestellt worden aus dem großen Überflusse des Segens aus dir und für dich; daher ist auch dein Lager schon lange gar wohl gesegnet und dir dadurch gegönnt eine freie Ruhe und ein hoher Friede deiner Seele aus Gott, während meine Seele nur ist eine Seele aus dir und somit nur ein kleiner Teil des übergroßen Segens, der dir zuteil wurde unmittelbar aus der Hand der ewigen Liebe des heiligsten Vaters. Daher mögest du wohl ruhen im hohen Frieden an der Stelle, die da erleuchtet und über und über gesegnet wurde von der allerheiligsten Gegenwart Gottes unter uns allen! Siehe, daher mögest du dich nicht sorgen um das, um was der Herr schon lange eher gesorgt hat, bevor noch eine Sonne der Erde geleuchtet hat!
   20] Ich aber darf dir nur danken für eine so hohe Gnade, daß du gesegnet hast mein Lager; aber dein Lager zu segnen mit meiner Hand, o Vater meiner Väter, wäre die größte Vermessenheit! Oder wie sollte der geben, der nichts hat, dem, der da lange vorher von Gott alles empfangen hat?!
   21] Siehe, ich habe nichts empfangen denn die Liebe und kann daher auch nur diese wieder geben, wie ich sie empfangen habe! Aber der Segen ist nur dir gegeben worden, und wir selbst sind dein Segen; daher ruhe du in allem Frieden deiner Seele aus Gott! Amen.«
   22] Adam aber wurde ganz gerührt von dieser Rede und küßte dreimal den Mund Henochs und sprach folgende tiefe Worte, sagend nämlich: »O du lieber Henoch du! So sprach einst auch mein Sohn Ahbel (Abel), als er auf der Flucht aus dem Paradiese mich und meinen Segen auf seinen Schultern trug und selben mir im Lande Euchip wieder treulich zurückgab.
   23] O Henoch, je länger ich dich anhöre, desto bekannter wird mir der Ton deiner Rede, und es ist, als vernähme ich die süße Stimme meines Ahbel (Abel)! Ist schon dein Leib nicht der Leib des Ahbel (Abel), so ist aber doch deine Gestalt vollkommen die des Ahbel (Abel), und so die Rede, so die Liebe, so der Geist.
   24] O Du großer, heiligster Vater, es wird die Erde kaum zehnmal so lange von Menschen bewohnt werden, als ich sie bewohnt habe und sie nach Deinem heiligsten Willen noch leiblich bewohnen werde; doch so ich auch lebte bis ans Ende, wessen wäre wohl noch zu gedenken, das mein Herz auf dieser Erde mehr zu segnen vermöchte, als so Du, o Jehova, mir wiedergäbest meinen Ahbel (Abel)?! Doch auch dieser mir unmöglich zu erfüllen scheinende Wunsch ist nun so herrlich erfüllt worden! O Jehova, ich kann Dir nicht danken genug für die unendliche Gnade, daß Du mir in Henoch meinen Ahbel (Abel) und somit allen Segen wieder zurückgegeben hast, den Du für würdig hältst, daß aus seiner Linie einst ein Sprosse hervorgehen soll als ein großer, heiliger Bruder allen meinen Kindern aus Dir! O Jehova, nimm gnädigst auf meinen tiefsten Dank!
   25] Und du, Mutter Eva, siehe, nicht umsonst machtest du so freudig Henochs Lager sanft und weich; denn der, den du sechshundert Jahre lang beweintest, ist uns in Henoch nun wiedergegeben! Daher freue dich mit mir, denn siehe, er wird nimmer sterben, sondern so er bleiben wird über unsere Zeit auf der Erde, so wird er dann wieder, wie er gekommen ist, und wie er jetzt ist, dahin zurückkehren, woher er gekommen! Darum freue dich mit mir, Eva! - Und du, Henoch, sage, ist es nicht also?«
   26] Henoch aber sagte: »Ja, Vater Adam, mein Fleisch ist aus der Eva und meine Seele aus dir und mein Geist aus Gott! Wie sollte ich nicht sein der, den du gesegnet hast, oder Ahbel (Abel) oder dein gesegneter Same, da doch ist mein Geist und Ahbel (Abel)s Geist ein und derselbe Geist aus Gott! Daher ruhe sanft im Frieden deiner Seele, und du auch, liebe Mutter Eva, in Gott! Amen.«


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