Jakob Lorber: 'Die geistige Sonne' (Band 2)

Kapitelinhalt 10. Kapitel: Unterschied zwischen Glaubenslicht und Liebelicht. Der Geist des Menschen.

   01] Ihr befindet euch schon in seiner Sphäre, und somit will Ich euch auch alsogleich kund tun, daß ihr euch in der Sphäre Meines lieben Johannes befindet. Haltet euch an ihn, er wird euch gar viel Wunderbares und Erhabenes in seiner Art zeigen. - Der Johannes winkt euch, ihm zu folgen; also folgt ihm denn auch!
   02] Johannes spricht: Meine geliebten Brüder in unserem Herrn Jesu Christo, ihr habt mich zwar schon aus der Sphäre eines anderen lieben, seligen Brudergeistes gesehen; aber damals war es noch nicht an der Zeit, euch in meine Sphäre aufzunehmen. - Da ihr aber nun durch meinen lieben Bruder Markus seid in so vielen wichtigen Dingen unterrichtet worden, so ist es nun an der Zeit, daß ihr nach dem Willen unseres Herrn Jesu Christi auch in meiner Sphäre Erfahrungen machet, welche in ihrer Art euch ganz besonders in die geheime Liebe des Herrn mehr und mehr einweihen sollen.
   03] In all den früheren Sphären habt ihr Erscheinungen geschaut, und aus diesen Erscheinungen mußtet ihr die Wahrheit erst finden. Seht, das ist die erstere Art, wo der Mensch aus seinem Glaubenslichte zuerst die Formen erschaut, sie aber nirgends bis auf den Grund erschaut und sie erst dann versteht, wenn sie ihm im obersten Lichte der höchsten Liebe enthüllt werden.
   04] Aus diesem Grunde habt ihr euch in der Sphäre meiner neun vorhergehenden Brüder alle die Erscheinungen anfangs so angeschaut wie ein Blinder die Farben. Ihr sahet mannigfache Formen und Handlungen, habt aber beim ersten Anblicke nichts von allem verstanden, da ihr geschaut habt aus eurem Glaubenslichte. Aber ein zweites, viel tieferes Schauen ist dasjenige, welches aus der Liebe geschieht. Allda sieht man nicht sogleich, was schon da ist, sondern man sieht nur das, was man in seiner Liebe erfaßt, und sieht dann das Erfaßte vom Grunde aus.
   05] Aus dem Glaubenslichte ist man ein suchender Betrachter des schon Daseienden; aus dem inwendigen Liebelichte, welches da ist das eigentliche lebendige Licht des Herrn im Menschen, wird man aber selbst ein Schöpfer und beschaut dann dasjenige vom Grunde aus, was man geschaffen hat.
   06] Ihr denkt euch wohl, als wäre demnach der frühere Zustand ein günstigerer denn dieser zweite, inwendigste, tiefere. Ich aber sage euch: Solches ist irrig; denn je beständigere Außenformen ein geschaffenes Wesen beschaut, desto unvollkommener ist es in seiner Art.
   07] Der Mensch in seinem naturmäßigen Leben auf dem Erdkörper ist zuallererst in einem solchen Schauen. Er vergnügt sich zwar an der Begaffung konstanter Formen; aber wie verhält er sich zu ihnen in seinem Geiste? Ich sage euch, wie ein allerverarmtester Bettler vor der Flur des Hauses eines hartherzigen Reichen. Er sieht auch die wunderbare reiche Pracht des großen Hauses des Reichen, aber wenn er in dasselbe eintreten will, so wird er von hundert dienstbaren Wesen dieses Hauses allerhärtest abgewiesen. Was hat der Arme nun beim Anblicke dieses Prachthauses gewonnen? Nichts als ein beklommenes, schmerzendes Herz, welches zu ihm spricht: Für derlei Paläste zu betreten hast du keinen Fuß! -
   08] Seht, gerade so verhält es sich mit dem Beschauen konstanter Außenformen. Welche Lust ist es wohl, sich vor einen Baum hinzustellen und zu beschauen seine Formen? Wenn man aber an den Baum klopft und möchte eingelassen werden, um zu schauen sein lebendiges, wunderbares Walten, so wird man allezeit hart abgewiesen und es heißt: Nur bis zu meiner Oberfläche, bis zu meiner Außenform, von da aber um kein Haar mehr weiter! Ihr könnt zwar einen Stein in eure Hand nehmen und ihn werfen, wohin ihr wollt; ihr könnt ihn auch zerstoßen und zermalmen, auflösen und gänzlich verflüchtigen, und dennoch ist der Stein euer Herr und läßt euch nicht schauen in seine Geheimnisse.
   09] Also steht es mit allen Außenformen, welche sich einem Auge zur Beschauung darstellen. Sie sind fortwährend Herrn und Meister des Beschauers, und dieser kann tun, was er will, so kann er nirgends den Einlaß bis auf den Grund bekommen. Daher müssen überall langgedehnte Erklärungen und Erläuterungen hinzugefügt werden, wenn der Beschauer nur irgendein kleines Licht über die geschauten (gefesteten) Dinge bekommen will.
   10] In der Art sind denn auch die Formen in der Geisterwelt, wenn sie sich schon als daseiend in einer gewissen Bestimmtheit dem Auge des Beschauers darstellen. Der Beschauer sieht sie wohl, aber er versteht sie nicht. Also habt auch ihr gar viele Formen in der Sphäre meines lieben Bruders geschaut; saget Mir aber, ob ihr auch nur eine eher verstanden habt, als bis der Führer euch dieselbe erleuchtet hat?
   11] Hat sie aber der Führer auch also beschaut, wie ihr? Sehet, das ist eine andere Frage. Ich sage euch: Wenn er sie also bschaut hätte, so hätte er euch wohl schwerlich über das eine oder das andere ein gerechtes Licht verschaffen können. Allein er hat sie aus sich beschaut, d.h. er hat sie aus dem Lichte des Herrn in ihm selbst geschaffen, und ihr sahet somit seine Schöpfungen! Sie waren die vollkommenste Wahrheit in allen ihren Teilen; aber ihr verstandet sie nicht ohne seine Erläuterung.
   12] Nun aber in meiner Sphäre werdet ihr eine ganz umgekehrte Erfahrung machen, welche ihr sogleich von diesem unserem ganz unförmlichen dunstähnlichen Standpunkte aus ersehen könnt. Seht ihr irgendeine Form, eine Welt, einen Himmel, irgendein Licht außer dem grauen Dunste, welcher uns von allen Seiten umgibt?
   13] Ihr sagt: Liebster Freund und Bruder in der Liebe des Herrn! Außer uns, dir und dem grauen Dunste sehen wir nach allen Richtungen hin nichts. - Gut, sage ich euch, meine geliebten Brüder, ihr braucht auch durchaus nicht mehr zu sehen; denn gerade dieser Standpunkt ist notwendig, damit ihr in das eigentliche wahre Grundschauen des Geistes könnt eingeweiht werden.
   14] Ihr wißt, daß der Geist des Menschen ein vollkommenes lebendiges Abbild des Herrn ist und hat in sich den Funken oder Brennpunkt des göttlichen Wesens. So er aber solches unleugbar in sich faßt, so faßt er ja auch das Alles des Herrn in sich. Er trägt somit das Unendliche vom Kleinsten bis zum Größten vollkommen göttlicherweise in sich, oder er hat des Herrn Alles durch seine mächtige Liebe zu ihm wie auf einen Punkt in sich vereint.
   15] Nun, wenn also, wozu demnach die Anschauung fremder außengestellter Formen? Heraus mit dem, was jeder von euch mir gleich in sich trägt, und wir werden dann gar bald Dinge wie aus uns geschaffen erschauen.
   16] Ihr fragt: wozu wird wohl solches möglich sein? Ich aber sage euch: Habt ihr noch nie eure Gedanken näher geprüft und eure Wünsche neben den Gedanken?
   17] Woher kommen denn die Gedanken? Die Antwort liegt einfach wie endlosfach im Brennpunkte Gottes in euch. Seht, in diesem mächtigen Brennpunkte ist die Fabrik eurer Gedanken und Wünsche erstellt; von diesem Brennpunkte aus denkt ihr ursprünglich, und die Zahl eurer Gedanken ist unendlich, weil in dem göttlichen Brennpunkte in euch ebenfalls Göttliches in all seiner Unendlichkeit vorhanden ist.
   18] Ihr möchtet sagen: Wenn also, woher kämen denn hernach arge Gedanken? Ich aber sage euch, daß in diesem Brennpunkte durchaus keine argen Gedanken zugrunde liegen wie auch keine argen Wünsche. Alle Gedanken sind da frei und makellos, nur die Wünsche sind unter die Botmäßigkeit des freien Willens eines jeden Menschen gestellt. Denkt ihr aus euch heraus, so werden eure Gedanken alle aus der Liebe entspringen, und ihr werdet in euch bald das selige Bedürfnis der fortwährenden Mitteilung gewahren, zufolge dessen ihr alles mit euren Brüdern allerreichlichst teilen möchtet. Dadurch werdet ihr dann aber auch Schöpfer von lauter guten Werken, die euch folgen werden.
   19] Aber da ein jeder Mensch auch den freien Willen hat und dazu das Vermögen, aus sich heraus auch äußere, also fremde Formen zu beschauen, so kann er mit seinem Willen und mit seiner seinem Willen untertänigen Liebe diese fremden Formen ergreifen und sie sich zu eigen machen. Seht, diese fremden Formen werden dann als geraubte auch zu begierlichen Gedanken im Menschen und diese, weil sie nun aus der Eigenliebe entspringen, welche ist eine Raub- und Herrschliebe, weil sie sich aller fremden Formen für sich bemächtigen will und herrschen über alles, dessen sie sich bemächtigt hat, das sind dann die eigentlichen bösen Gedanken. - Ihr sagt ja selbst: Fremdes Gut tut kein gut! Das ist denn doch in der Hauptlebensfrage sicher die allergewichtigste Bedingung, und ein jeder, der nicht auf seinem Grunde baut, der baut auf Sand. - Wie man aber auf eigenem Grunde baut, das soll euch meine Sphäre lehren. -


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