Jakob Lorber: 'Die geistige Sonne' (Band 1)

Kapitelinhalt 90. Kapitel: Der schlichte Mann. Selbstbekenntnis des Priors.

   01] Sehet, der schlichte Mann geht auf unseren Prior zu. Dieser entdeckt Ihn soeben und geht, wie ihr seht, Ihm entgegen und richtet auch alsbald die Frage an Ihn: Lieber Freund und Bruder! Sei mir tausendmal gegrüßt und willkommen! Du bist mir zwar noch wie ein Fremdling, und ich kann mich nicht entsinnen, dich je unter meiner Gesellschaft gesehen zu haben. Aber ich bin ein guter Menschenkenner schon auf der Erde gewesen und habe davon auch einen freilich wohl nur sehr geringen Teil mit herübergenommen, das heißt selbstredend nur durch die allerhöchst unverdiente Gnade und Erbarmung des Herrn, daher erkenne ich, daß du ein Mann von sehr edler Gesinnungsart sein mußt. Und so will ich dir auch sogleich mein Bedürfnis kundgeben.
   02] Siehe, wir waren alle priesterlichen Standes auf der Erde. Wie es aber auf der Welt schon zugeht, so waren wir im Angesichte des Herrn sicher alles eher als Priester. Wir taten zwar maschinenmäßig unsere vorgeschriebenen, gottesdienstlich sein sollenden Zeremonien, wieviel, das heißt wie wenig aber im Ernste 'Gottesdienstliches' daran war, davon sind wir durch einen Boten vom Herrn aus soeben auf das sonnenklarste überwiesen worden. Kurz und gut, wir waren bis jetzt, und sind es im allergrößten Teile noch, von uns selbst gefangene Irrtümlinge, die sich in allem möglichen Falschen begründet haben, und wären aus uns selbst nie desselben losgeworden, so sich des Herrn unendliche Liebe nicht unserer grenzenlosen Armut erbarmt hätte.
   03] Jenseits dieser Kluft siehst du noch den gefährlichsten Teil meiner Bruderschaft. Der Bote des Herrn hat mich zu dem Behufe hierher abgesandt, die armen Brüder aus dieser Gefangenschaft hinauszuführen. Ich tat schon alles mögliche, um mit ihnen diesen segensreichen Zweck zu erreichen, allein noch immer will sich über die Kluft kein Übergang zeigen. Ich weiß aber, was mir der Bote des Herrn aufgetragen hat und bin auch in meinem innersten Gefühle vollkommen überzeugt, daß ich diesen armen Brüdern von ganzem Herzen gern helfen möchte, wenn es mir anders nur möglich wäre.
   04] Der Bote des Herrn hat mich freilich bei diesem Geschäfte auf die alleinige Hilfe des Herrn verwiesen. O lieber Freund und Bruder, ich bin wohl bis in meine innerste Lebensfiber überzeugt, daß der Herr diesen Brüdern wie auch mir wie niemand sonst in der ganzen Unendlichkeit helfen kann; aber solches weiß ich auch, daß ich solch einer Hilfe von seiten des Herrn zu allerunwürdigst bin. Wenn du daher zur Rettung dieser Armen mir auch etwas behilflich sein möchtest und könntest, da bin ich überzeugt, daß du gewiß ein gutes Werk an den allerdürftigsten Brüdern getan hast. Und ist es uns gelungen, im Namen des Herrn die Armen über die schauerliche Kluft zu bringen, so will ich mich samt dir vor dem Herrn zum ersten Male im Geiste und in voller Wahrheit in den Staub meiner Nichtigkeit hinwerfen und sagen:
   05] O Herr, du allergnädigster und bester Vater! Ich danke Dir für diese unermeßliche Gnade, die Du mir dadurch erwiesen hast, daß ich nun einsehe und aus dem Grunde meines Herzens sagen kann: O Herr! Ich habe nichts, sondern nur Du hast alles getan; ich aber bin Dein allerschlechtester und nutzlosester Knecht.
   06] Der schlichte Mann spricht: Nun gut, Mein lieber Freund und Bruder, Ich habe dich aus dem Grunde verstanden; was sollen wir aber hier machen? Sollen wir etwa Balken oder Läden darüberlegen?
   07] Der Prior spricht: O lieber Freund und Bruder, einen solchen Versuch habe ich schon gemacht, aber das grimmige Feuer da unten zerstört sobald alles, was man darüberlegt. Denn sieh hinab, es ist gerade zum Verzweifeln schauderhaft anzusehen, welche ungeheure Glut- und Flammenmasse da unten wütet. Ich meinesteils getraue mich gar nicht mehr in die Nähe.
   08] Der schlichte Mann spricht: Nun gut, Mein lieber Freund und Bruder, so will denn Ich hinzugehen und sehen, wie es da mit dem Feuer steht. Siehe, Ich bin bei der Kluft, und Ich muß dir offen gestehen, bis auf einige Fünklein sehe Ich im Ernste nichts Feuriges mehr.
   09] Hier geht der Prior auch hinzu und überzeugt sich davon. Als er aber in die Kluft hinabblickt, da hebt er seine Hände hoch empor und schreit zu den andern Brüdern hinüber: O Brüder, tretet näher dieser Kluft und überzeugt euch selbst, wie unendlich gnädig und barmherzig der Herr ist! Kaum mehr einige Fünklein sind in der Tiefe. Werft euch nieder, dankt es dem alleinigen Herrn! Er allein hat diese schauerliche Glut erstickt. Erstickt aber auch ihr mit den Tränen eurer Reue und eures größtmöglichen Dankes gegen Ihn, den heiligen, allmächtigen Helfer aus jeder Not, diese Fünklein und seid vollkommen überzeugt und versichert, so uns der gute, heilige, liebevollste Vater so weit geholfen hat, so wird Er uns auch sicher noch weiter helfen!
   10] Da sehet her, hier ist ein guter, lieber Bruder zu uns gekommen. Noch weiß ich nicht, woher und wer er ist; aber so viel ist gewiß, daß ihn der allbarmherzige Herr Jesus Christus gesandt hat, damit er mir zu eurer Rettung behilflich sein möchte, denn solches erkenne ich aus seiner großen Bereitwilligkeit.
   11] Sehet, die bereits nackten Brüder jenseits der nunmehr glutlosen Kluft werfen sich auf die Anrede des Priors tief ergriffen abermals auf ihre Angesichter nieder und danken Gott für so viel Gnade und Erbarmung. Und der Prior fragt nun den schlichten Mann, was er meine, ob sich's mit Balken und Brettern nun wohl für eine Brücke täte?
   12] Der schlichte Mann spricht: Ich meine, wenn der Herr schon die Glut ohne dein Hinzutun gelöscht hat, so dürfte es wohl auch geschehen, daß zur rechten Zeit, wenn du ein rechtes Vertrauen hättest, diese Kluft sich ebenfalls so wieder verengen möchte, wie sie allenfalls ehedem entstanden ist.


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