Jakob Lorber: 'Die geistige Sonne' (Band 1)

Kapitelinhalt 62. Kapitel: Besuch bei Karmeliterinnen.

   01] Ihr fragt und sagt: Werden wir aber wohl vorgelassen werden? Denn wenn es mit diesem Orden hier so zugeht wie auf der Erde, wird daraus für unsere Erfahrungen eben nicht viel Ersprießliches hervorgehen. - Meine lieben Freunde und Brüder! Es geht hier noch ebenso zu wie auf der Erde. Solches wird uns aber wenig beirren; denn in dieser Hinsicht sind wir über alle Schmarotzerfliegen und nichts kann uns hindern, uns den tiefen Geheimnissen allenthalben geradewegs auf die Nase zu setzen. Und so werden wir's denn auch hier machen, uns in dieses Kloster ganz verborgen hineinschleichen und dann alles Mögliche beschnüffeln. Und so denn geht nun mit mir und sorgt euch um nichts.
   02] Diesen Wesen werden wir noch lange völlig unsichtbar bleiben. Denn solches müßt ihr wissen, daß die Engelsgeister entweder aus dem dritten Himmel selbst oder im Wollen des dritten Himmels für die Geister der untern Himmel so lange völlig unsichtbar bleiben, bis die Geister der untern Himmel ihrem Inwendigen nach nicht selbst das Wesenhafte der Liebe zum Herrn aufgenommen haben, und zwar zuerst der Einsicht und dann der Liebetätigkeit nach. - Darum können auch wir ohne weitere Besorgnis in dieses Kloster treten, und es wird uns niemand erschauen. Mich nicht, weil ich ein Bürger der heiligen Stadt bin, und euch nicht, weil ihr in meiner Sphäre seid, und in dieser nach dem Wollen des obersten Himmels seid, weicher ist das Wollen des Herrn!
   03] Seht, wir sind schon im sogenannten Refektorium, oder verständlicher, wir sind im Speisesaal. Soeben werden einige Schüsseln mit sogenannten Erzfastenspeisen aufgetragen. Die Speisen stehen auf dem Tische und nun kommen unsere Klosterdamen. Sind sie nicht noch ebenso gekleidet wie auf der Erde? Ihr sagt: Wir haben zwar noch nicht die Gelegenheit gehabt, eine solche Klosternonne in völliger Nähe zu betrachten. Aber sie sind vollkommen so gekleidet, wie wir sie uns nach guten bildlichen Darstellungen auf der Erde vorgestellt haben.
   04] Nun seht aber, sie begeben sich zum Tischgebet. Worin besteht aber dieses? Wie ihr es selbst gar leicht hören könnt, besteht es in einem wohlgenährten Rosenkranze, und zudem in einigen nachfolgenden lateinischen Pronuntiationen aus den Psalmen und aus den Kirchenvätern, welche aber von keiner dieser Klosterdamen verstanden werden. - Sehet, die Oberin setzt sich zu Tische. Die andern machen vor ihr eine bodentiefe Verbeugung und stehen dann wieder neben ihren Stühlen auf. Die Oberin gibt das Zeichen zum Niedersitzen. Seht, die Oberin hat ein Glöckchen an der Seite, sie läutet soeben, und das ist das Zeichen, daß die Damen nun in die Schüssel greifen dürfen.
   05] Aber dort vorn seht ihr eine stehen. Diese darf jetzt nicht essen, sondern muß den Essenden die Leidensgeschichte des Herrn vorlesen. Nun haben unsere Damen ihr leibliches Mahl beendet, und die Oberin läutet wieder. Damit will sie sagen, daß sie alle nun wieder aufstehen sollen. Sie stehen auf, verbeugen sich abermals bodentief vor der Oberin, dann aber knieen sie nieder. Es wird das Dankgebet verrichtet, abermals bestehend aus einem wohlgenährten Rosenkranze. Diesem folgen stille hundert Ave-Maria. Sind auch diese im Verlaufe von etwa dreiviertel Stunden herabgebetet, so werden wieder die lateinischen Gebete nachgebetet. Sind sie nun fertig, so gehen sie hin vor das Kruzifix, legen sich vor demselben auf den Boden nieder. Dann gehen sie hin zum Bildnisse der Maria, tun dasselbe, dann zum Bildnisse des Joseph, wieder dasselbe tuend, hierauf zum Bildnis ihrer Ordensstifterin, der Theresia, tun abermals dasselbe, und nun erst gehen sie zu der Oberin als zur Theresia in corpore und tun abermals dasselbe.
   06] Nun heißt die Oberin sie alle aufstehen und kündigt ihnen an, daß sie sich zum Chorgebete in einer Stunde bereithalten sollen. Unterdessen aber sollen sie in ihren Zellen die ihnen vorbestimmten Chorgebete überlesen, damit sie dann im Chore ohne Störung vor sich gehen, welche leichtlich ein kleines Ärgernis und somit auch eine läßliche Sünde erzeugen könnte. Denn, setzt die Oberin noch hinzu, sieben Male am Tage sündigt ohnehin der Allergerechteste vor Gott, wie sehr muß er sich da wohl hüten, um nicht acht oder noch mehr Male zu sündigen.
   07] Aber eine der Klosterfrauen bittet die Oberin nun um die Erlaubnis, mit ihr ein Wort sprechen zu dürfen; und weil gerade jetzt nicht das strenge Silentium vorgeschrieben ist, so gestattet die Oberin solches der fragenden Dame. (Fragen aber heißt in diesem Kloster soviel als etwas freimütiger bitten.) Was etwa wird wohl diese Dame fragen? Wir wollen die Sache anhören. Höret, sie spricht: Allerehrwürdigste Braut Christi! Solange wir leiblich gelebt haben auf der Erde, solange auch war uns, des nach dem Tode zu gewinnenden Himmels wegen, das strenge Klosterleben genehm. Da wir aber nun schon eine geraume Zeit das Irdische mit dem Ewigen vertauscht haben, und wir auch in diesem »ewigen Leben« noch immer das überstrenge Klosterleben fortführen und von dem Himmel wirklich noch gar nichts verspüren, so fragt es sich, ob dieses Klosterleben hier ewig nimmer ein Ende nehmen wird? Denn müßten wir immer in dieser strengen Klausur verbleiben, so wäre das doch etwas Entsetzliches!
   08] Die Oberin spricht: O du ungehorsames Kind! Wie hast du dein Herz so sehr vom Teufel einnehmen lassen können, daß du dich darob einer solch entsetzlichen Frage hast ermächtigen können? Weißt du denn nicht, daß vor dem Jüngsten Tage niemand in den Himmel kommen kann, und daß durch die Fürbitte der heiligsten Jungfrau Maria, der hl. Theresia und in der Mitte dieser beiden des hl. Joseph - Christus, der Herr, darum unserem Orden, weil er der allerstrengste ist, das Fegfeuer nachgelassen und uns dafür zur völligen Reinigung die Gnade verliehen hat, selbst nach unserem Leibesleben für die im selben begangenen läßlichen Sünden und Todsündflecken Seiner allerhöchsten Gerechtigkeit genugzutun und uns völlig zu reinigen? Daher muß hier die Ordensregel unserer erhabenen Stifterin auf das Allerstrengste beobachtet werden. Sonst dürfte es geschehen, daß ein solch ungehorsames Kind, wie du bist, am Jüngsten Tage vor dem unerbittlichst allerstrengsten und gerechtesten Richter das Urteil vernehmen möchte: Weiche von Mir, du Verfluchte, denn Ich habe dich nie als Meine Schwester erkannt!
   09] Nun seht, diese Worte der Oberin haben unsere arme Fragestellerin wie tausend Blitze auf einmal getroffen. Sie fällt vor ihr nieder und bittet sie um eine wohlgemessene Züchtigung. Und die Oberin spricht: Ja, eine wohlgemessene Züchtigung hast du verdient; aber ich will dich diesmal nur mit einem Backenstreiche und dann mit einem eintägigen Fasten zurechtweisen. Doch sollst du keinen Augenblick säumen, den Beichtvater rufen zu lassen und ihm deine teuflische und vor Gott höchst verdammliche Rede an mich genau und allerreumütigst kundgeben, und dann die Bußwerke, die er dir aufgeben wird, zu Ehren der hl. Dreieinigkeit, zu Ehren der fünf Wunden Jesu Christi, zu Ehren Seines bitteren Leidens und Sterbens, zu Ehren Seiner allerheiligsten Jungfrau Mutter Maria, zu Ehren des hl. Joseph und zu Ehren der hl. Theresia zehnfach verrichten. Und nun erhebe dich und empfange meinen Backenstreich.
   10] Seht, unsere Dame erhebt sich, hält sobald der Oberin demütigst die Backe hin, und diese gibt ihr zur Vertreibung des Teufels, wie ihr seht, durchaus keine spaßhafte, sondern eine wohlgenährte, beinahe schwindelerregende Ohrfeige. Unsere Dame weint darauf bitterlich, dankt der Oberin für diese Züchtigung und begibt sich mit den andern Schwestern aus dem Refektorium in ihre Zelle. - Was da weiter geschehen wird, darüber wollen wir nächstens unsere Beobachtungen anstellen!


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