Jakob Lorber: 'Die geistige Sonne' (Band 1)

Kapitelinhalt 47. Kapitel: Der 'römisch-katholische' Himmel. Im äußersten Mittag.

   01] Wie ihr seht, hat sich unsere Gegend vor unseren Augen schon wieder verloren; von den Hügeln und den Gebäuden auf den Hügeln ist nichts mehr zu sehen: wir sind im reinen Mittage. Solches könnt ihr aus der uns im Zenite stehenden Sonne und aus der großen Pracht dieser Gegend wie auch aus dem uns schon bekannten, von hier aus dort gegen Morgen fließenden Strome entnehmen. Ihr fragt und sagt: Aber, lieber Freund, wie ist denn solches möglich, daß diese endlos allerseligste Morgengegend jetzt gänzlich vor unseren Augen verschwunden ist?
   02] Liebe Freunde, versteht ihr solches denn noch nicht, daß der 'Morgen' die tätige Liebe, der 'Mittag' aber die forschende Weisheit bezeichnet? - Wir aber sind nun wieder »im Forschen« also auf dem Wege der Weisheit und somit im Mittage, und dieser ist außerhalb der Liebe.
   03] Ihr sagt hier freilich: Wir befanden uns ja ehedem auch im Mittage und konnten von selbem aus dennoch die Morgengegend erschauen; warum geht solches denn jetzt nicht? Waren wir damals nicht außer der tätigen Liebe?
   04] Meine lieben Freunde, wir waren damals wohl auch im Mittage; aber wir befanden uns am Ufer des Stromes, und dieser zeigt an, wie sich Liebe und Weisheit ergreifen und ins ewige Leben übergehen. Also waren wir damals im Zentrum zwischen Liebe und Weisheit; somit auch konnten wir beide Gegenden auf einmal ganz gut übersehen. Da wir dann wirklich in den Morgen übergegangen sind, so konnten wir auch von selbem die mittägige Gegend endlos weit umher überschauen; warum denn? Weil die Weisheit aus der Liebe hervorgeht. Es verhält sich da gerade also wie bei jemandem, der von irgend etwas die Grundursache kennt und darum auch sicher die Wirkung dieser Ursache erschauen und erkennen wird. Wer aber nur die Wirkung allein sieht, der kann von dieser aus nicht leichtlich die Ursache erschauen, außer er kann sich auf den Punkt stellen, wo die Ursache in die Wirkung übergeht. - Da ihr nun solches sicher einseht, so wollen wir uns denn auch ungehindert hinaus in den äußersten Mittag begeben, wo ihr euch sehr nahe angehende Dinge erschauen sollet.
   05] Nun seht, wir sind schon am Orte und an der rechten Stelle; aber ihr sagt: Lieber Freund, da sehen wir vor uns ja schon wieder ein endlos weit ausgedehntes Meer und am äußersten Horizonte erblicken wir zum ersten Male in dieser geistigen Welt Wolken, wie wir sie auf der Erde an schönen reinen Tagen über dem Himmel haben heraufsteigen sehen. Es kommt uns auch vor, daß hier die Sonne nicht mehr gerade im Zenite steht, sondern sich mehr hinter uns befindet, so daß wir schon einen Schatten vor uns erblicken. Werden wir etwa hier auch müssen über die Meeresfläche wandeln?
   06] Meine lieben Freunde, was dieses Meer betrifft, so ist es in Verbindung mit demjenigen Meere, auf das wir schon in der abendlichen Gegend gestoßen sind, und dehnt sich auch in der Richtung vom Abend zwischen Mittag und Morgen endlos weit aus. Aber gerade gegenüber, wo ihr das Gewölk erblicket, ist es uferbegrenzt, und jenseits gibt es dann wieder eine für eure Begriffe endlos große Landschaft. Diese wird der »äußerste Mittag« genannt, - und dahin wollen wir uns denn auch begeben.
   07] Ihr fragt zwar schon wieder, wie wir hier über das Meer kommen werden? Hier werden wir unsere gewöhnliche Schnellreise machen, werden sagen: Hier und dort, und wir werden dort sein, wo wir sein wollen. Seht euch um, wir sind schon dort, wo wir sein wollten! Die ganze Meeresfläche ist hinter uns, und seht in die Höhe, wir sind schon unter dem weißen Gewölk. Ihr sagt hier freilich: Lieber Freund, das Gewölk leuchtet hier recht herrlich, aber die Sonne ist nicht mehr zu entdecken; wo ist denn diese hingekommen?
   08] Meine lieben Freunde, die Sonne scheint hier wohl auch aber ihre Wesenheit wird von den Wolken stets also bedeckt, daß man ihr Licht nur im gebrochenen Zustande, die Sonne selbst aber nur zu seltenen Malen durch das Gewölk erblickt. Ihr fragt: Was ist denn das für eine Gegend; was besagt denn diese?
   09] Seht, das ist der sogenannte römisch-katholische Himmel, in welchen die meisten frommen Römisch-Katholischen kommen, wenn sie ihrem Glauben liebtätig und gewissenstreu gelebt haben. Also ist dieser Himmel vielmehr »ein Probehimmel« als ein an und für sich bleibender. - Wie aber solches alles sich näher verhält, werden wir im Verfolge der näheren Anschauung des Himmels noch klar erkennen.
   10] Sendet nur eure Blicke etwas landeinwärts, und ihr werdet sobald die euch wohlbekannten römischen Kirchen und Klöster in großer Menge erschauen. Da nicht fern von uns steht in einer ebenen Gegend schon eine recht stattliche Kirche; wir wollen sehen, was in derselben vorgeht. Hört ihr das Glockengeläute? Ihr sagt: Fürwahr, lieber Freund, das klingt ja gerade also, wie wir es zu öfteren Malen auf der Erde vernommen haben. Nun horcht aber genauer, ihr werdet sogar auch Orgeltöne vernehmen. Ihr fragt, was wohl etwa jetzt in der Kirche gehalten wird?
   11] Ich sage euch: Wir werden gerade recht zum ersten Segen kommen. Da sind wir schon am Eingange der Kirche und sehen den Hochaltar, darauf eine Menge Kerzen brennen. Nun seht auch, wie der Geistliche die Monstranz angreift und auf dieselbe Art wie auf der Erde den vielen Anwesenden den Segen gibt. Da wir somit den Segen empfangen haben, so wollen wir auch der Messe beiwohnen.
   12] Nun seht, es geht die ganze Zeremonie gerade so vor sich wie bei euch auf der Erde, und wie ihr seht, geht die ganze Meßzeremonie unter der Begleitung der gewöhnlichen Orgelgesänge auch ihrem Ende zu und soeben beginnt der zweite Segen. - Ihr fragt: Lieber Freund, was für ein Heiliger wird denn da auf dem Hochaltare verehrt? Wir können nicht ausnehmen, was die Tafel darstellt.
   13] Gehen wir nur etwas näher; seht, es ist, recht deutlich und zugleich recht schön gemalt, »die heilige Dreifaltigkeit«. Darin auch besteht der einzige Unterschied, daß hier in diesem Probehimmel am Hochaltare kein anderes Bild vorkommen darf. Die beiden Seitenaltäre aber stellen dar, der zur rechten Hand den gekreuzigten Heiland und der zur linken Hand den hl. Geist in der Gestalt einer Taube. Auch auf diesen Seitenaltären darf nichts anderes vorkommen. Solches geschieht aus dem Grunde, damit die Hierhergekommenen nicht zu irgendeiner Abgötterei dadurch geleitet werden möchten, daß sie einem »sogenannten Heiligen« eine gleiche Ehre gäben, wie sie nach ihren Begriffen nur Gott gebührt.
   14] Aus dem Grunde auch werden die sogenannten Heiligen samt den Päpsten von dieser Gegend allzeit ferne gehalten; und wenn Päpste schon hier ankommen, so dürfen sie jedoch nicht als solche angesehen werden, sondern als ganz einfache Priester. - Aber ihr sagt: Lieber Freund, wie sieht es denn hernach mit dem sogenannten Himmel aus, in dem die drei göttlichen Personen auf einer lichten Wolke beisammensitzen, und alle die Seligen samt den Engeln ebenfalls auf lichten Wolken um diese Dreieinigkeit herumknieen und sonach Gott von Angesicht zu Angesicht anschauen und anbeten?
   15] Wartet nur ein wenig, bis dieser »Gottesdienst aus ist; sodann werden wir sogleich die förmliche Himmelsbesteigung von seiten dieser Geister, welche jetzt diesem Gottesdienste beiwohnen, in den Augenschein nehmen. Wie ihr vernehmt, verkündigt der Priester nun soeben seinen Kirchkindern die nach dem Gottesdienste alsogleich bevorstehende »Himmelfahrt«. Somit machen wir uns auch nur sogleich aus dieser Kirche und warten draußen die Geschichte ab. -


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers