Jakob Lorber: 'Die geistige Sonne' (Band 1)

Kapitelinhalt 73. Kapitel: Frage an den Prior des Augustinerklosters.

(Am 9. März 1843 von 4 -6 Uhr Abends.)

Originaltext 1. Auflage 1870 durch Project True-blue Jakob Lorber

Text nach 6. Auflage 1975 Lorber-Verlag

01] Ich spreche zu ihm: Für diesen Augenblick hast du dich vortheilhaft aus der Schlinge gezogen; und da du selbst eingestehst, auf meine Frage nichts antworten zu können, so will ich solche Nichtantwort auch als Antwort ansehen. - Nun aber habe Acht, ich will dir eine zweite Frage geben; vielleicht findest du auf diese eine Antwort in dir. - Da du der Schrift kundig, auch bei deinen Lebzeiten auf der Erde nicht hast erfahren können, ob der Apostel Petrus je wirklich in Rom gelebt und die römische Kirche gestiftet hat, so möchte ich aber dennoch von dir erfahren, aus welchem Grunde dir bei deinen Lebzeiten eingefallen ist, dich für's Erste emsigst um das klösterliche Priorat zu bewerben? Und warum du, als du im Wege aller schlauen Mittel dir das Priorat erschlichen hast, sogar dann einigemal an das kirchliche Oberhaupt dich verwendet hast, dich entweder zu einem Klostergeneral, oder wenn es möglich wäre, zu irgend einem Bischofe zu machen? - Siehe, das ist eine wichtige Frage, und du wirst mir darauf um so sicherer eine Antwort geben können, da du solches Alles an dir erfahren hast, und es dir auch noch ganz lebendig vor den Augen deiner Erinnerung schwebt.

02] Nun sehet, unser paradiesischer Primus macht ein ganz verdutztes Gesicht, sucht in allen seinen Winkeln eine pfiffige Antwort und, wie ihr es leicht aus seiner verlegenen Physiognomie entnehmen könnet, findet er eben nichts Dergleichen in sich, und fühlt sich sehr stark genöthigt, nolens volens mit der Wahrheit hervor zu treten. - Wenn diese ihm auch allenfalls solche Umstände auf der Zunge machen sollte, wie eine allzuwarme Speise, so nützt Solches dennoch nichts; er entschließt sich daher die Wahrheit zu reden, folge daraus, was nur immer wolle.

03] Sehet, er öffnet den Mund; und so höret denn, was er hervor bringen wird; er spricht: Lieber Freund, woher du auch immer sein magst, ich sage es dir offen heraus, daß ich solches Alles im buchstäblichen Sinne meiner selbst willen gethan habe; und warum that ich Solches? Weil ich bei der genauen Bekanntschaft mit den Grundsätzen der römisch-katholischen Kirche nur gar zu gut erschaute, um was es sich in ihrem christlichen Theoremen so ganz eigentlich handle, nämlich um nichts Anderes, als allein nur um die Weltherrschaft; und um solche zu erlangen, muß man sich ein Ansehen, und durch das Ansehen Schätze und Reichthümer verschaffen können. Was aber dabei das reine Christenthum für ein Gesicht macht, um das, das wirst du selber wissen, hat man sich in der römischen Kirche noch nie bekümmert;

04] und wenn ich mich nicht irre, dauert solch' ein für das Christenthum unkümmerlicher Zustand in eben dieser römisch-katholischen Kirche seit den Zeiten Karl des Großen, welcher meines Wissens den Bischof von Rom mit einer Länderei beschenkte, und aus ihm somit einen weltlichen Herrscher machte.

05] Seit diesen Zeiten hat man das Christenthum in seiner reinen Sphäre als zur kirchlichen Sache ganz unpassend nur im Geheimen angesehen, weil es in seiner Echtheit dem weltlichen Ansehen schnurgerade entgegen gesetzt ist; behielt darum bloß den Namen, und modelirte dann die Lehre also, daß sie sich, mit dem weltlichen Ansehen nothwendiger Weise vertragen mußte.

06] Ich muß dir noch dazu sagen, daß ich nicht selten bei der heimlich näheren Betrachtung des Papstthumes, mich allzeit ganz lebhaft des Daniel'schen Gottes Mäusim erinnert habe, dem man Gold, Silber und Edelsteine opfern wird, und in dem keine Frauenliebe sein wird; aber was nützte mir alle diese meine Betrachtung? - Ich war einmal als ein dummer Ochs in's Joch gespannt; wer hätte mich ausspannen sollen? - Solches aber ist doch sicher, daß die vorderen Ochsen am Wagen weniger zu ziehen haben, als die mehr rückwärts am Wagen angespannt sind; und ich war froh, Solches einzusehen, und darum zu trachten in ein mehr vorderes Joch gesteckt zu werden, und somit mehr ein Parade- denn ein Zug-Ochs zu sein. Hätte ich wohl anders handeln sollen?

07] Ich hätte wohl anders handeln mögen, wenn mir Gott nicht eine so empfindsame Haut gegeben hätte. Aber zufolge der außerordentlichen Empfindsamkeit meiner Haut, und zufolge des stets erfrischten Anblickes der vielen brennenden Scheiterhaufen machte ich den Klugen, und that im Grunde gar nichts; denn ich dachte mir: Wahrhaft christlich Gutes zu thun im Sinne des göttlichen Stifters ist bei solchen Umständen so gut als rein unmöglich; ich thue daher lieber nichts, mache die äußere Dummheit, so gut es geht, mit, und suche mir, wo es sein kann, dieselbe wenigstens zu einem zeitlichen Vortheile zu machen. Ich wußte wohl, daß es gefehlt ist, wenn an der Lehre Christi etwas Authentisches sein sollte; aber dabei dachte ich mir wieder:

08] Wenn der Herr irgend diese Lehre, wie sie in den Evangelien steht, gegründet hat, so wird Er wohl auch Seine Gründe haben, warum Er diese Seine einfache und höchst reine Lehre also hat ausarten lassen. Dazu dachte ich noch öfter an Paulus, der seine Gemeinden aufgefordert halte, der weltlichen Macht unterthan zu sein, ob sie gut oder böse ist; denn es besteht nirgends eine Macht, außer daß sie seie von Gott. Ist es demnach Unrecht, was diese Kirchenoberhäupter thun, so mögen sie es einst verantworten; ich aber werde thun, was einst Pontius Pilatus gethan hat, da er die Kreuzigung Christi nicht hintertreiben konnte, und der Herr als das allervollkommenste Wesen wird es sicher auch einsehen, daß unsereiner mit der allerbeschränktesten Macht nicht gegen den allgemeinen Weltstrom zu schwimmen vermag.

09] Siehe nun, lieber Freund, woher du auch immer sein magst, das ist die Antwort auf deine Frage; und du kannst mir jetzt auf der Stelle die Haut abziehen, so wirst du keine andere aus mir bekommen können.

10] Nun spreche ich: Gut, mein lieber Freund, du hast nichts zurück behalten, sondern mir im Ernste Alles kund gegeben, was du deiner Erinnerung zufolge in dir gefunden hast. - Aber nur möchte ich von dir noch erfahren, aus welchem Grunde du denn hernach in dieses Paradies gekommen bist? Denn wenn du in dir von der totalen Fehlbarkeit der römischen Kirche nach deiner Aeußerung überzeugt warst, so mußtest du ja doch auch überzeugt sein, daß ihre Lehre über das Fortleben der Seele nach dem Tode eben so falsch sein muß, als alles Andere. Dazu muß ich dir noch sagen, daß aus eben dieser katholischen Kirche gar Viele hier angelangt sind, die alsbald in das wahre Reich Gottes gelangten, - und noch muß ich dir dazu bemerken, wenn die katholische Kirche auch wirklich in einem völligen Wider-Christenthume sich befand, so weiß ich mich aber doch nicht zu entsinnen, ob sie die Nächstenliebe und die Demuth je untersagt hat; daher möchte ich von dir noch erfahren, wie es demnach kam, daß du, wie schon voraus bemerkt, in dieses Paradies gekommen bist.

11] Unser Primus spricht: Lieber Freund, woher du auch immer' sein magst, diese Frage zu beantworten, wird von meiner Seite wohl sicher etwas schwer halten; denn im Ernste gesprochen, den Grund, der mich hierher gebracht hat, kenne ich so wenig, als den Mitelpunkt der Erde. Denn wenn ich dir so ganz aufrichtig gestehe, so habe ich bei meinem Leibesleben auf die Unsterblichkeit der Seele nach dem Tode mit vielen Anderen Verzicht geleistet. Wenn man aber auf das geistige Leben nach dem Tode Verzicht leistet, so bleibt einem auf der Welt ja doch nichts Anderes übrig, als zu leben nach dem alten römischen Spruche: Ede, bibe, lude; post mortem nulla voluptas! - Also habe ich auch auf der Welt gelebt, um zu essen und zu trinken, und um eben des Essens und Trinkens willen alle die Weltspielereien mitzumachen.


12] Als aber mit der Zeit der immerhin fatale Leibestod über mich gekommen ist, von dem ich mir bei meinen Lebzeiten so viele nutzlose Gedanken gemacht habe, da erst erfuhr ich's, daß dieser Leibestod durchaus keine ultima linea rerum ist, sondern daß ich nach der mir noch bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt unbekannten Ablegung meiner irdischen Hülle gerade also fortlebe, als wie ich ehedem auf der Erde gelebt habe; nur mit dem alleinigen Unterschiede, daß ich hier statt in den schmutzigen Klosterzellen in diesen hübschen Gartensalons meine Zeit zubringe, und statt einer schwarzen eine weiße Kutte trage, nicht mehr Messe lese, sondern mich hier befinde, wie eine mit Vernunft begabte Blattlaus, und bin im buchstäblichen Sinne ein fructus consumere natus.


13] Daß hier noch diese weltlich klösterlichen Regeln beobachtet werden, ist an und für sich eben so unerklärlich, als alles Andere. Wir stellen uns hier vor, glücklich zu sein; fürwahr wir sind es bloß durch unsere wieder gefundene und angewohnte, ein wenig cultivirte Klosterregel. - Nimmst du uns Dieses weg, so sind die Feldmäuse glücklicher, als wir. Ich muß dir daher zu allem Dem noch hinzu gestehen, daß wir sammt und sämmtlich hier mehr oder weniger durchaus nicht wissen, warum wir hier sind.

14] Weißt du etwas Besseres, so gebe es uns kund, und wir wollen auch das mißliche Gewisse recht gerne mit diesem ungewissen Scheine vertauschen. - Thue mit mir und mit uns Allen, was du willst; nur mit der Hölle und mit noch mehr Fragen verschone uns; denn jetzt habe ich dir Alles gesagt, und du könntest mir jetzt schon Fragen geben, wie viel du wolltest, so werde ich auf jede gleich einem Steine zu antworten wissen; denn wo nichts ist, da kann der Tod nichts nehmen!

01] Ich spreche zu ihm: Für diesen Augenblick hast du dich vorteilhaft aus der Schlinge gezogen. Und da du selbst eingestehst, auf meine Frage nichts antworten zu können, so will ich solche Nichtantwort auch als Antwort ansehen. Nun aber habe acht, ich will dir eine zweite Frage geben, vielleicht findest du auf diese eine Antwort in dir. Da du, in der Schrift kundig, auch bei deinen Lebzeiten auf der Erde nicht hast erfahren können, ob der Apostel Petrus je in Rom gelebt und die römische Kirche gestiftet hat, so möchte ich aber dennoch von dir erfahren, aus welchem Grunde dir bei deinen Lebzeiten eingefallen ist, dich emsigst um das klösterliche Priorat zu bewerben? Und warum hast du dich, als du im Wege aller schlauen Mittel dir das Priorat erschlichen hattest, sogar einige Male an das kirchliche Oberhaupt gewendet, dich entweder zu einem Klostergeneral oder, wenn es möglich wäre, zu einem Bischofe zu machen? Siehe, das ist eine wichtige Frage, und du wirst mir darauf eine Antwort geben können, da du solches alles an dir erfahren hast und es dir auch noch ganz lebendig vor den Augen deiner Erinnerung schwebt.

02] Nun seht, unser paradiesischer Primus macht ein ganz verdutztes Gesicht, sucht in allen seinen Winkeln nach einer pfiffigen Antwort und findet, wie ihr leicht aus seiner verlegenen Physiognomie entnehmen könnt, nichts dergleichen in sich, und er fühlt sich sehr stark genötigt, nolens volens mit der Wahrheit hervorzutreten. Wenn diese ihm auch allenfalls auf der Zunge solche Umstände machen sollte wie eine allzuwarme Speise, so nützt solches dennoch nichts. Er entschließt sich daher, die Wahrheit zu reden, folge darauf, was nur immer wolle.

03] Seht, er öffnet den Mund; und so hört denn, was er hervorbringen wird. Er (der Prior) spricht: Lieber Freund, woher du auch immer sein magst, ich sage es dir offen, daß ich solches alles im buchstäblichen Sinne meiner selbst willen getan habe. Und warum tat ich solches? Weil ich bei der genauen Bekanntschaft mit den Grundsätzen der römisch-katholischen Kirche gar zu gut erschaute, um was es sich in ihren christlichen Theoremen so ganz eigentlich handle, nämlich um nichts anderes als allein um die Weltherrschaft. Und um solche zu erlangen, muß man sich ein Ansehen und durch das Ansehen Schätze und Reichtümer verschaffen können. Was aber dabei das reine Christentum für ein Gesicht macht, um das, das wirst du selber wissen, hat man sich in der römischen Kirche noch nie gekümmert.

04] Und wenn ich nicht irre, dauert solch ein für das Christentum kümmerlicher Zustand in der römisch-katholischen Kirche seit den Zeiten Karls des Großen, welcher meines Wissens den Bischof von Rom mit einer Länderei beschenkte und aus ihm somit einen weltlichen Herrscher machte.

05] Seit diesen Zeiten hat man das Christentum in seiner reinen Sphäre, als zur kirchlichen Sache ganz unpassend, nur im geheimen angesehen, weil es in seiner Echtheit dem weltlichen Ansehen gerade entgegengesetzt ist, behielt darum bloß den Namen und modulierte dann die Lehre also, daß sie sich mit dem weltlichen Ansehen notwendigerweise vertragen mußte.

06] Ich muß dir noch dazu sagen, daß ich mich nicht selten der heimlich näheren Betrachtung des Papsttums ganz lebhaft des Daniel'schen Gottes »Mäusim« erinnert habe, dem man Gold, Silber und Edelsteine opfern, und in dem keine Frauenliebe sein wird. Aber was nützte mir alle diese meine Betrachtung? Ich war einmal als ein dummer Ochse ins Joch gespannt, wer hätte mich ausspannen sollen? Solches aber ist doch sicher, daß die vorderen Ochsen am Wagen weniger zu ziehen haben als die mehr rückwärts am Wagen angespannt sind. Ich war froh, solches einzusehen. Darum trachtete ich, in ein mehr vorderes Joch gesteckt zu werden und somit mehr ein Parade- denn ein Zugochse zu sein. Hätte ich wohl anders handeln sollen?

07] Ich hätte wohl anders handeln mögen, wenn mir nicht Gott eine so empfindsame Haut gegeben hätte. Aber zufolge der außerordentlichen Empfindsamkeit meiner Haut und des stets aufgefrischten Anblickes der vielen brennenden Scheiterhaufen machte ich den Klugen und tat im Grunde garnichts. Ich dacht mir: Wahrhaft christlich Gutes zu tun im Sinne des göttlichen Stifters ist bei solchen Umständen so gut wie rein unmöglich! Ich tue daher lieber nichts, mache die äußere Dummheit, so gut es geht, mit, und ich suchte dieselbe wo es sein konnte, wenig stets zu einem zeitlichen Vorteile auszunützen. Ich wußte wohl, daß es gefehlt ist, wenn an der Lehre Christi etwas Authentisches sein sollte, aber ich dachte wieder:

08] Wenn der Herr diese Lehre, wie sie in den Evangelien steht, gegründet hat, so wird Er wohl auch Seine Gründe haben, warum Er diese Seine einfache und höchst reine Lehre also hat ausarten lassen! Dazu dachte ich noch öfter an Paulus, der seine Gemeinden aufgefordert hatte, der weltlichen Macht untertan zu sein, ob sie gut oder böse ist; denn es besteht nirgends eine Macht, sie sei denn von Gott. Ist es demnach unrecht, was diese Kirchenoberhäupter tun, so mögen sie es einst verantworten. Ich aber werde tun, was einst Pontius Pilatus getan hat, da er die Kreuzigung Christi nicht hintertreiben konnte und der Herr, als das allervollkommenste Wesen, wird es sicher auch einsehen, daß unsereiner mit der allerbeschränktesten Macht nicht gegen den allgemeinen Weltstrom zu schwimmen vermag!

09] Siehe nun, lieber Freund, woher du auch immer sein magst, das ist die Antwort auf deine Frage; und du kannst mir jetzt auf der Stelle die Haut abziehen, so wirst du keine andere aus mir bekommen können.

10] Nun spreche ich: Gut, mein lieber Freund, du hast nichts zurückbehalten, sondern mir im Ernste alles kundgegeben, was du deiner Erinnerung zufolge in dir gefunden hast. Aber ich möchte von dir noch erfahren, aus welchem Grunde du hernach in dieses Paradies gekommen bist? Denn wenn du in dir von der totalen Fehlbarkeit der römischen Kirche, nach deiner Äußerung, überzeugt warst, so mußtest du ja doch auch überzeugt sein, daß ihre Lehre über das Fortleben der Seele nach dem Tode ebenso falsch sein muß wie alles andere. Dazu muß ich dir noch sagen, daß aus eben der katholischen Kirche gar viele hier angelangt sind, die dennoch alsbald in das wahre Reich Gottes gelangten, - und noch muß ich dir bemerken: wenn sich die katholische Kirche auch in einem völligen Widerchristentume befand, so weiß ich mich aber doch nicht zu entsinnen, ob sie die Nächstenliebe und die Demut je untersagt hat. Daher möchte ich von dir noch erfahren, wie es demnach kam, daß du, wie schon vorhin bemerkt, in dieses Paradies gekommen bist?

11] Unser Primus spricht: Lieber Freund, woher du auch immer sein magst, diese Frage zu beantworten wird von meiner Seite wohl etwas schwer halten, denn, im Ernste gesprochen, den Grund, der mich hierhergebracht hat, kenne ich so wenig wie den Mittelpunkt der Erde. Denn wenn ich dir ganz aufrichtig gestehe, so habe ich bei meinem Leibesleben auf die Unsterblichkeit der Seele nach dem Tode mit vielen anderen gänzlich Verzicht geleistet. Wenn man aber auf das geistige Leben nach dem Tode Verzicht leistet, so bleibt einem auf der Welt ja doch nichts anderes übrig, als nach dem alten römischen Spruche zu leben: »Ede, bibe, lude; post mortem nulla voluptas!« (d.h.: »Iß, trink, spiele; denn nach dem Tod gibt es kein Vergnügen mehr!«) Also habe ich auch auf der Weit gelebt, um zu essen und zu trinken, und um eben des Essens und Trinkens willen alle die Weltspielereien mitzumachen.

12] Als aber der immerhin fatale Leibestod über mich gekommen ist, über den ich mir bei meinen Lebzeiten so viele nutzlose Gedanken gemacht habe, da erst erfuhr ich, daß dieser Leibestod durchaus keine ultima linea rerum (letztes) ist, sondern daß ich nach der mir noch bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt unbekannten Ablegung meiner irdischen Hülle geradeso fortlebe, wie ich ehedem auf der Erde gelebt habe; nur mit dem alleinigen Unterschiede, daß ich hier statt in den schmutzigen Klosterzellen in diesen hübschen Gartensalons meine Zeit zubringe und statt einer schwarzen eine weiße Kutte trage, nicht mehr Messe lese, sondern mich hier befinde wie eine mit Vernunft begabte Blattlaus und bin im buchstäblichen Sinne ein fructus consumere natus (Frucht, die zum Genießen geboren wurde).

13] Daß hier noch diese weltlich klösterlichen Regeln beobachtet werden, ist an und für sich ebenso unerklärlich wie alles andere. Wir stellen uns hier vor, glücklich zu sein; fürwahr, wir sind es bloß durch unsere wiedergefundene und angewohnte, ein wenig kultivierte Klosterregel. Nimmst du uns dieses weg, so sind die Feldmäuse glücklicher als wir. Ich muß dir daher zu allem dem noch hinzugestehen, daß wir samt und sämtlich hier mehr oder weniger durchaus nicht wissen, warum wir hier sind.

14] Weißt du etwas besseres, so gebe es uns kund, und wir wollen auch das mißliche Gewissen recht gerne mit diesem ungewissen Scheine vertauschen. Tue mit mir und mit uns allen, was du willst, nur mit der Hölle und mit noch mehr Fragen verschone uns. Denn jetzt habe ich dir alles gesagt, und du könntest mir jetzt Fragen geben, wieviel du wolltest, so werde ich auf jede gleich einem Steine zu antworten wissen; denn wo nichts ist, da kann der Tod nichts nehmen!

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