Leopold Engel (1858-1931): 'Das große Evangelium Johannes', angeblicher 'Band 11', Achtung! krit. Anmerkungen

Kapitelinhalt 037. Kapitel

   01] Als dieses geschehen war, erkannte Mich Lazarus alsbald und eilte auf Mich zu. Sodann kniete er vor Mir nieder und rief laut aus: »Mein Herr und mein Gott!«
   02] Ich aber hob ihn auf, drückte ihn an Meine Brust und sagte: »Lazarus, du hast den Tod durch Mich überwunden, - sorge, daß du dieses auch ohne Meine Hilfe könnest; denn wahrhaft frei ist der Mensch erst von allen Banden des Todes, wenn er aus sich heraus Meine Kraft an sich reißt und sodann als Sieger und Herrscher hervortritt aus der Grabeshöhle, in der seine Seele schlummerte! - Jetzt aber gehe hinein und stärke dich, damit dein Leib neue Kräfte sammle zum irdischen Leben!«
   03] Lazarus sprach kein Wort weiter, sondern grüßte stumm und ging, gestützt von seinen Schwestern, langsam, angetan mit dem Grabgewande, dem Hause zu.
   04] Alle anderen aber, die bei dieser Szene zugegen waren, wurden so von Staunen ergriffen, daß sie erst nach geraumer Zeit Worte fanden, dieses auszudrücken.
   05] Namentlich die Juden, welche anfangs sich zweifelnd geäußert hatten über Meine Wunderkraft, sahen mit einer scheuen Furcht zu Mir herüber, so daß Ich zu ihnen sagte: »Fürchtet ihr euch vor Mir, da ihr sahet, daß Ich dem Tode gebieten kann? Sehet ihr denn nicht, daß Ich ein Herr des Lebens bin?! So ihr aber Den fürchtet, was soll dann geschehen, so ihr wüßtet, daß Ich den Tod als Begleiter mit Mir führe?! Habt ihr nicht alle Ursache zu jubeln? Was zaget ihr also?«
   06] Sagte einer derselben, der schon früher für die andern einen Sprecher abgegeben hatte: »Herr, wir sehen nun wohl allerklarst ein, daß in Dir wahrhaft alle Kraft Gottes verkörpert ist; so wir das aber einsehen, sollen wir da nicht bangen, Dem gegenüberzustehen, dessen Hauch uns ins Leben gerufen, und der uns unserer vielen Sünden wegen eben wieder mit einem Hauche vernichten könnte? Denn siehe, wie gar so erbärmlich wir vor Dir sind und gar so unnütz in unserm Ton, das ist uns nun so recht klar geworden, nachdem unsere Augen die Werke Deiner Macht sehen durften! Wir bangen daher, wie wir vor Dir bestehen können!«
   07] Sagte Ich: »So allein die Gerechtigkeit die einzige Eigenschaft Gottes wäre, wahrlich, ihr würdet nicht - und keiner dieser aller - vor Mir bestehen können; denn es ist kein Haar an euch, das nicht der Sünde und damit der Vernichtung verfallen wäre! Aber Gottes Liebe, Sanftmut und Barmherzigkeit ist ebenso unendlich, als da ist die Unendlichkeit des gesamten Weltenraumes, und daher vergißt Er auch nicht das geringste aller Geschöpfe, die Er jemals geschaffen hat.
   08] Er aber will euch allen ein liebreichster Vater sein, - kein Gott, vor dessen Zorn ihr zittert und banget. Der Gott der Rache lebt nur in eurer Phantasie. Ihr habt Ihn erst dazu gemacht, weil nur ein rachsüchtiger, strenger Gott den Juden verehrungswürdig schien, weswegen auch von diesen auf die mannigfachen Strafgerichte so großes Gewicht gelegt wurde, die aber nie wahre Strafgerichte, sondern nur allein Folgen der Bosheit, Dummheit und Verstocktheit der Menschen waren.
   09] Ich aber bin der Vater Selbst, der nun in Menschengestalt herabgekommen ist, den Menschen eine übergroße Liebe zu beweisen und ihnen die Pforten des Lebens zu öffnen, die sie sich selbst verrammelt haben. Was fürchtet ihr euch also, so ihr sehet, daß Ich die Pforten des Todes sprenge, damit das Leben in vollen Strömen einziehen kann?«
   10] Sagte der Sprecher, der nun ganz zutraulich wurde und näher trat: »O Herr, wir fürchten uns auch nicht mehr! So Du uns annehmen wolltest, so würden wir gern ewiglich bei Dir bleiben!«
   11] Sagte Ich: »Habt ihr schon jemals gehört, daß Ich jemand, der nach Mir verlangt hat, abgewiesen hätte? - Also kommet alle her zu Mir, damit Ich euch erquicke und nun völligst freimache von allen Banden des Todes!«
   12] Nach diesen Worten eilten alle die so zaghaften Zuschauer zu Mir, und jeder suchte Meine Hände zu fassen oder Mein Gewand zu berühren. Dabei standen allen die Tränen in den Augen; denn sie wurden mächtig durchdrungen von Meinem Liebegeist, der ihnen die heftigste Sehnsucht nach Mir einflößte.
   13] Ich ermahnte sie nun, sich zu fassen und mit Mir zu Lazarus zu gehen, der inzwischen das Haus erreicht hatte und von dem zahlreichen Gesinde seines Hauses anfangs wie ein Gespenst voller Furcht angestaunt, dann aber, nach den erklärenden Worten der Schwestern, mit größtem Jubel umringt wurde; denn Lazarus war ein sehr gerechter Mann, der von allen in seinem Hause sehr geliebt wurde. Durch seinen Tod war jedoch die Fortexistenz seiner Besitzungen sehr in Frage gestellt worden, da - wie schon erwähnt - Lazarus keine männlichen Erben hinterließ, so daß die vielen auf seinen Gütern beschäftigten Arbeiter, Mägde und Knechte um ihr ferneres Unterkommen und namentlich, wer ihr zukünftiger Herr sein würde, sehr besorgt waren. Jetzt war diese Sorge plötzlich eine überflüssige, und der Jubel war in zweifacher Hinsicht - des Lazarus wegen und der eigenen, freien Lebensaussicht wegen - ein äußerst freudiger.
   14] Es ist leicht zu denken, wie Ich beim Betreten des Hauses, nachdem der erste Freudenrausch verflogen war, nun von allen bestürmt wurde, die Mich als den Retter aus schlimmer Not begrüßten. Ich nahm diese Danksagungen alle freundlichst entgegen und ermahnte die vor Freude geradezu Berauschten, ihren Dank dem Herrn darzubringen und Ihm zu danken, der im Menschensohne so Großes vollbringe. Ich mußte dort also reden, weil viele von ihnen noch lange nicht reif dazu waren, zu wissen, daß Ich Selbst der Herr sei, dem ihr Dank zu gelten habe.
   15] Es wurde von Lazarus, der sich inzwischen mit Speise und Trank gestärkt hatte und nun so frisch und munter wie jemals war, der Befehl zu einem großen Festmahl gegeben, das nach jüdischer Sitte bei keiner irgendwie frohen Gelegenheit fehlen durfte. Er bat Mich, daß Ich dasselbe mit den Seinen teilen möchte und fragte Mich, ob er auch seine Nachbarn dazu entbieten dürfe, die noch nicht zugegen waren. Ich gestattete ihm das gern; denn es war nach Meinem Willen, daß diese Tat in den weitesten Kreisen bekannt werde, da jetzt der letzte und größte Fischzug für Mein Reich eingeleitet werden sollte.

Krit. Anmerkungen zur Person und den Werken von Leopold Engel


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