Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 211. Kapitel: Raphael bei den Herodianern.

   01] Nun kamen aber auch die Herodianer aus ihrer Herbergshütte ins Freie und gingen zu ihrem Schiff, um es zu besichtigen, ob es zur Weiterfahrt wohl noch tauglich und brauchbar sein werde.
   02] Bevor sie aber noch das Schiff in einen ordentlichen Augenschein nahmen, ersah uns der Hauptmann von dem Schiffsplatze bei zweihundert Schritte entfernt mehr auf einer kleinen Ufererhöhung beisammenstehen und sagte zum Obersten: »Freund, überlassen wir die Schiffsbesichtigung nun nur unsern treuen Kriegsknechten, sie werden die Sache schon auch ohne uns ganz wohl zu beurteilen imstande sein, inwieweit das Schiff brauchbar oder nicht brauchbar sein wird. Wir aber begeben uns zu jener Gesellschaft dort oben am erhöhten Ufer; denn mir kommt es vor, daß sich der große Herr und Meister unter ihr befindet. Ich habe mir gestern am Abend Seinen Anzug wohl gemerkt, und jenen eines wunderschönen Jünglings auch. Sie sind es unfehlbar; darum eilen wir vor allem nun nur hinauf zu ihnen, was die Hauptsache ist, alles andere wird sich schon nachher ganz wohl schlichten lassen!«.
   03] Als der Hauptmann das noch kaum ausgeredet hatte, da stand auch schon Raphael, den er aus der Ferne als den am Abend bemerkten schönen Jüngling erkannt hatte, ganz knapp vor ihm und vor dem Obersten, und beide erschraken vor dieser so plötzlichen Gegenwart Raphaels; denn sie konnten es wahrlich nicht begreifen, wie er eine Strecke von zweihundert Schritten in einem Augenblick zu ihnen hatte gelangen können. Und sie fingen an, sich sehr vor ihm zu fürchten, so daß sie sich nicht getrauten, ihn zu fragen, wie er so schnell zu ihnen gekommen sei.
   04] Er aber redete sie an und sagte: »Warum fürchtet ihr euch denn vor mir? Ich sehe ja doch nicht fürchterlich aus und habe auch nicht im Sinne, euch nur im geringsten irgendeine Unannehmlichkeit zu bereiten, und so ist eure Furcht vor mir eine eitel törichte! Sehet ihr das nicht ein?«
   05] Sagte der Hauptmann: »O du holdester Jüngling, gar so eitel töricht ist unsere sicher sehr zu entschuldigende Furcht vor dir mitnichten, wie du es da meinst! Denn so du dich auch, sehr stark laufend, zu uns in etlichen Augenblicken der Zeit nach begeben hättest, so wäre das eben gerade nichts Überraschendes gewesen; denn ein ganz kerngesunder Jüngling kann bald einem beherzten Hirsche gleich schnelle Sprünge machen. Aber dort und hier einem Blitze gleich gegenwärtig sein ohne alles Geräusch, das ist denn doch offenbar ein wenig viel! Ich muß es mir nun nur also denken, daß deinem, wie nun auch unserem Herrn und Meister nichts unmöglich ist, und da ist deine überschnelle Hierherkunft zu uns wohl begreiflich; nur möchten wir nun vorerst von dir erfahren, aus welch einem sicher höchst wichtigen Grunde dich der große Herr und Meister so blitzschnell zu uns herab entsandt hat!«
   06] Sagte Raphael: »Auf daß ich euch hinterbringen soll, daß ihr euch nun nicht sogleich zu Ihm hinaufbegeben sollet! Er wird Sich dann aber Selbst zu euch herabbegeben und euch kundtun, was ihr bei eurer Rückkehr nach Jerusalem in der Herodesangelegenheit zu tun haben sollet, und das will der Herr nur euch allein, ohne dabei seienden Zeugen, sagen.
   07] Zugleich aber habe ich als ein Diener des Herrn noch etwas zu tun, was denn auch alsbald ins Werk gesetzt wird. Seht, euer Schiff ist durch den starken Anprall an dieses mit Steinen reich versehene Ufer am Boden bedeutend stark beschädigt worden! Säße es hier nicht am seichtesten Punkte dieses Meeres, so wäre es schon lange untergesunken; aber da hier das Meer kaum ein paar Ellen Tiefe hat, so kann das Schiff denn auch nicht tiefer sinken, als es eben schon gesunken ist.
   08] Sehet aber nun nur eure Kriegsknechte an, wie sie sich mit den ihre Köpfe schüttelnden andern Schiffern beraten, was mit eurem lecken Schiffe zu machen sein wird! Das Wasser ausschöpfen nützt nichts; denn das wäre eine ebenso vergebliche Arbeit, als so jemand einen Bach ausschöpfen wollte. Denn soviel Wasser er aus dem Bache wegnähme, ebensoviel und dann noch um gar vieles mehr flösse ja von neuem wieder nach. Daß es sich aber mit eurem Schiffe also verhält, da kommet nun nur ganz beherzt mit mir und überzeuget euch selbst!«


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