Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 202. Kapitel: Unterredung zwischen dem römischen Hauptmann und dem Obersten des Herodes.

   01] Auf diese unvermutete Versicherung des Wachtmannes, der sich darauf gleich wieder aus der Hütte entfernte, waren unsere Herodianer einesteils sehr befriedigt worden, aber andernteils wurde das Gemüt besonders des Hauptmanns, der ein Grieche war, und ebenso des Obersten, der wohl ein Jude war, über die nach dem kaum ausgesprochenen Wunsche auch schon erfolgte Herbeischaffung von mehr Brot und Wein in eine große Unruhe versetzt.
   02] Und es sagte nun der Hauptmann: »Wunder, Wunder sollen in diesem Orte sozusagen ganz an der Tagesordnung sein? Also muß hier eine Art Orakel bestehen, vor dem man nicht einmal mit seinen geheimsten Gedanken derart sicher sein kann, daß sie von irgendeinem Wundermanne einem, der sie gehabt hatte, gleich laut verkündet würden!
   03] Wenn also - was sehr wahrscheinlich zu sein scheint -, da wird man auch um unsere stille Besprechung wegen der von uns wohl zu beachtenden Klugheit von Wort zu Wort genau wissen, und es wird uns daher unsere einzuhaltende Vorsicht wenig nützen! Denn erkannten die im Herrenhause auf irgendeiner Zaubertafel sogleich unsern Brot- und Weinwunsch, so werden sie auch die erste Besprechung ebenso gut und genau vernommen und auch sehr wohl verstanden haben, und hätten wir sie auch in der altägyptischen Zunge gehalten.
   04] Das Beste ist dabei noch das, daß wir nichts Feindliches im Schilde geführt haben weder gegen den Nazaräer noch gegen irgendeinen Seiner Anhänger; was aber den Herodes betrifft, da werden sie sicher unserer Meinung sein. Kurz, morgen wird sich diese sonderbare Sache etwa wohl näher von selbst aufklären. Seien wir darum nach der Aussage des Wachtmannes nur guten Mutes; denn dieser Ort sei ja ein Ort des Heils und nicht des Fluches und seines Gerichtes!«
   05] Sagte darauf der Oberste: »Wenn sich diese Sache also verhält, wie du, Hauptmann, sie nun beurteilt hast, da wird es mit unserer politischen Badnahme auch schon zum voraus seine geweisten Wege haben, und man wird auch um die vier untergegangenen Schiffe, um die ertrunkenen hundertdreißig Kriegsknechte und um den wahren Zweck unserer Hierherkunft schon lange völlig im klaren sein. Wie werden wir uns entschuldigen, so man uns darob zur Rede stellen wird?
   06] Je mehr ich nun darüber ernstlich nachdenke, desto verwirrter wird es in meinem Gemüte, und es will mir darob weder das sehr gute Brot und ebensowenig der ausgezeichnete Wein so recht munden. - Was meinst denn du, Hauptmann, - was da ein anderer von euch, wie sich da am rätlichsten zu verhalten wäre?«
   07] Sagte ganz beherzt der Hauptmann: »Das finde ich wieder leichter; denn wissen diese Menschen um alles, so werden sie auch um das wissen, daß wir dem dummen und stolzen Herodes vorher sicher wohlbegründete Vorstellungen gegen seinen starren Willen gemacht haben, ehe wir uns demselben am Ende mit sichtlichem Widerwillen fügten. Haben wir unsere Aufgabe nicht ohnehin so saumselig betrieben, wie es nur immer möglich war? Wir hätten uns auf Kosten des Herodes noch ganz gut ein paar Wochen lang in Tiberias aufhalten können, wenn uns nicht die Fischer und Schiffer durch ihre Erzählung zum Aufbruch genötigt hätten. Denn erstens wollten die Tiberianer uns sicher schon sehr gern loswerden und haben uns durch ihre Erzählungen, die sie vielleicht möglich übertrieben haben, genötigt, unserer ihnen bekannten Pflicht nachzugehen. Und zweitens, so wir das nicht getan hätten, wer weiß es, ob sie nicht alsbald einen Boten an Herodes abgesandt hätten, der uns bei ihm möglichst schwarz gemacht hätte.
   08] Die Schiffer haben des starken Windes und der herannahenden Nacht wegen freilich unser rasches Unternehmen sicher mehr ihres als unseres Heils willen widerraten; aber wir mußten aus Furcht vor einem Verrat die Mutigen und rasch Handelnden spielen. Wir sind also nicht schuld an unserem Unternehmen, sondern zuerst Herodes und dann die Umstände, unter denen wir uns nun besonders in Tiberias befanden. Ich bin darum nun ganz heiteren Mutes und habe keine Angst vor den Herren und Richtern dieses Ortes, und wäre selbst der Nazaräer anwesend, was mir sogar sehr lieb wäre; denn Er soll ein sehr guter, gerechter und weiser Mann sein, wie ich das vom Volke schon oftmals vernommen habe, und mit solchen Menschen ist bei unserer stets antiherodianischen Gesinnung leicht reden. Seid ihr alle damit nicht meiner Meinung?«
   09] Sie gaben dem Hauptmann recht und aßen und tranken darauf recht wohlgemut. Auch der Oberste ward heiterer.


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