Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 200. Kapitel: Die Vorsätze des herodianischen Obersten.

   01] Als sich die Herodianer ganz allein fühlten, da sagte der Oberste mit sehr leiser Stimme zu seinen Untergebenen: »Höret! Daß sich morgen ja niemand auch nur mit einer Miene verrate, warum wir eigentlich die wahre Unglücks- und Narrenreise hierher unternommen haben, sondern ein jeder schütze eine Krankheit vor! Wir benutzen dann auf meine Rechnung, die dem Herodes teuer zu stehen kommen wird, ein paar Tage hindurch das Bad und empfehlen uns dann als völlig Geheilte am dritten Tage wieder. Ja, hätten wir die vier Schiffe mit den hundertdreißig tapfersten Kriegern nicht durch den heillosen Seesturm eingebüßt, da hätten wir mit dem Diener und sicher auch erstem Verwalter dieser Anstalt schon eine andere Sprache geführt; aber so sind wir als Schiffbrüchige hier ohne alle Macht und irgendwelche Herrlichkeit, und es heißt darum: schweigen wie eine Mauer von dem eigentlichen Zweck, zu dem wir hierher gekommen sind, denn die geringste Enthüllung dessen würde uns hier in diesem rein römischen Nest die größten Ungelegenheiten bereiten!
   02] Die Schiffer aus Tiberias, die am jenseitigen Ufer vernünftigstermaßen geblieben sind, haben uns die reine Wahrheit gesagt; und wie sie es gesagt haben, so ist es uns auch ergangen. Und ich leiste euch nun den heiligsten Eid auf meinen Tod und auf mein Leben, daß ich mich nie mehr zur Fahndung auf den geheimnisvollsten Nazaräer werde gebrauchen lassen und würde mir dafür auch ein ganzes, großes Königtum zum Lohne geboten werden!
   03] Gegen Feinde, die man sieht und deren Stärke man berechnen kann, ist leicht zu kämpfen; aber gegen einen unsichtbaren Feind, dessen Macht, Kraft und Stärke niemand berechnen kann, soll unser blinder und dummer Herodes nur selbst kämpfen! Wir werden ihm keine Narren mehr abgeben.
   04] Der Nazaräer soll von uns aus sich zu einem zwölffachen Könige über alle Juden aufwerfen, und wir werden ihm nimmer entgegentreten! Weiser, besser und mächtiger ist er sicher denn unser ganz von Gold und Edelsteinen strotzender Herodes und seine Helfershelfer im Tempel. Das Volk lobt ihn allenthalben und hält hie und da freilich vielleicht zu große Stücke auf ihn; aber sei ihm nun schon, wie ihm wolle, wir werden von nun an seine Feinde nimmerdar sein, noch je werden!
   05] Es ist freilich ewig schade für die hundertdreißig Kriegsknechte, die der herodianischen Dummheit zum schmählichen Opfer im Meere ihr Leben eingebüßt haben; aber im ganzen ist es vielleicht doch gut, daß es also gekommen ist. Denn wären wir mit ihnen hier gelandet und hätten auf diesem rein römischen Boden Gewalt zu gebrauchen angefangen, wer weiß, wie es uns erst dann ergangen wäre! Gut sicher in keinem Falle; denn es ist mir eben nicht unbekannt, daß selbst überaus hohe Römer im geheimen übergroße Stücke auf den Nazaräer halten. Kurz und gut, wir wissen nun, wie wir uns hier zu verhalten haben, auf daß wir ja bei niemandem über uns irgendeinen Verdacht wachrufen!
   06] Sind wir einmal wieder in Jerusalem, so werde schon ich dem Herodes eine Rechnung machen, über die er sich sicher über zehn Jahre lang hinter den Ohren kratzen und kneipen wird! Und würde er mir die Zahlung verweigern, dann trete ich sogleich in eine römische Legion und werde ihm dann als Römer zu erzählen anfangen, so unter vier Augen anfangs, was das sagen will, ohne alle Zustimmung Roms mit seinen Kriegern in ein römisches Gebiet exekutiv einzufallen. Und der alte Fuchs wird uns eher die teure Rechnung bezahlen, als sich von uns an die unerbittlichen Römer verraten lassen! Denn ich weiß es, daß er besonders bei dem Oberpfleger Cyrenius in keinem günstigen Lichte steht.
   07] Aber nun wäre es gut, so von uns jemand, bevor wir uns noch zur vollen Ruhe begeben, hinaus nachsehen ginge, wie wir etwa bewacht sind, was unser Schiff macht, und ob der Sturm noch forttobt!«
   08] Sagte einer, der ein Hauptmann war: »Das wäre schon alles recht gut; aber so einen irgendein Wachtmann dann fragt, was man nun im Freien wolle, was soll man ihm dann zur Antwort geben?«
   09] Sagte der Oberste: »Das ist doch leicht! Man rede die Wahrheit, und man kann ihm auch allenfalls noch bedeuten, daß man gewissen natürlichen Bedürfnissen eines Menschen nicht in einer reinen Herbergshütte schicklichermaßen abhelfen könne, und der Wachtmann wird dagegen sicher nichts einzuwenden haben!«


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