Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 179. Kapitel: Erzengel Raphael über die Weisheit Jesu.

   01] (Raphael:) »Du ersiehst bei einem fertigen großen Gebäude zum Beispiel in einer Wand einen Stein und wieder irgendeinen hervorragenden Balken. Da wirst du auch also urteilen und sagen: "Aber warum hat denn der Baumeister diesen Stein gerade in dieser Wand einmauern und warum jenen Balken dort oben hervorragen lassen? Hätte er den Stein nicht auch ebensogut und wirksam in einer andern Wand verwenden und den Balken auf einen andern Teil hinfügen können?"
   02] Und der Baumeister wird zu dir sagen: "Freund, du urteilst da über meine mir nur zu klar und wohlkundig bewußte Baukunst wie ein Blinder von der Farbe! Siehe, jener dir anstößige Stein muß gerade an der Stelle zum Ganzen und Dauerhaften des Gebäudes eingemauert sein, als wie zweckdienlich deine Augen eben an jener Stelle deines Hauptes sich befinden, die für sie am allerbesten taugt. Und ebenso steht es auch mit dem vorstehenden Balken. Werde zuvor selbst baukundig vom Grunde aus, dann wirst du über ein Gebäude und über seine einzelnen Bestandteile vom ersten bis zum letzten und vom kleinsten bis zum größten ein richtiges und wahres Urteil zu fällen imstande sein!"
   03] Was der in der Baukunst wohlkundige Baumeister zu dir auf dein Urteil über das von ihm erbaute Gebäude sagen müßte, dasselbe sage ich dir über dein Urteil über die Vorzustände der Seele bis zu ihrem Vollausbau.
   04] Du führtest mir, um deine Sache aus deiner griechischen Weisheit so ganz einleuchtend darzustellen, eine Kette vor, deren Ringglieder einzeln für sich wohl da wären; aber da sie miteinander nicht verbunden wären, so sei ein Glied für das andere so gut wie gar nicht da und könne daher auch keine wechselseitige Beziehung haben. Denn wenn ein Glied nicht wohl erkennbar und sicht- und fühlbar an seinem nachkommenden hänge, da habe die ganze lose Kette auch gar keinen Wert und sei so gut wie etwa gar nicht da.
   05] Ich aber sage dir: Gehe hin zu einem besten Kettenschmied und sieh zu, wie er eine Kette macht! Zuerst werden lauter einzelne Ringe angefertigt; sind diese einmal in der rechten Anzahl da, dann werden sie durch Mittelglieder nach der alten Schmiederegel miteinander verbunden, und zwar also, daß daraus bei der ersten Bindearbeit auch Kettenteile von nur drei Ringgliedern zum Vorschein kommen. Ist diese Arbeit beendet, dann werden die Drei- und abermals Dreigliedteile durch ein siebentes Mittelglied miteinander verbunden, danach die dadurch entstandenen Fünfzehngliedteile abermals durch ein neues Mittelglied, und so fort, bis die ganze, lange Kette fertig wird.
   06] Wenn auf diese Altschmiedeart die lange Kette vom ersten bis zum letzten Gliede fertig ist, wirst du dann auch noch sagen und fragen, warum der in seiner Kunst wohlbewanderte Schmiedemeister für die anzufertigende lange Kette anfangs nur einzelne, unzusammenhängende Ringglieder gemacht hatte? Oder wirst du nicht vielmehr dir dabei nun denken: "Der Schmiedemeister hatte ganz recht, so zu arbeiten; denn dadurch überzeugte er sich von der Solidheit eines jeden einzelnen Gliedes. Ist aber ein jedes Glied für sich fest, so wird nach der Verbindung sicher auch die ganze Kette fest und dauerhaft sein!"
   07] Sind die vereinzelten Vorzustände einer Seele auch für deinen Verstand wie unverbunden, so sind sie aber gegenüber dem großen Schmiedemeister dennoch schon als verbunden daseiend. Denn welch ein Schmiedemeister auf der ganzen Erde würde wohl so blöde sein, nur zu seinem sicher höchst einförmigen Vergnügen in einem fort einzelne Kettenringe zu verfertigen, ohne je die Idee und den Willen zu fassen, sie zu einer ganzen, wohlbrauchbaren Kette zu verbinden?
   08] So aber das sicher der irdische Schmied, dessen Verstand gegen die Weisheit Gottes soviel wie gar nichts ist, schon nicht tut, um wie vieles weniger ist so etwas von dem höchst liebevollen und überweisen Gott zu erwarten! Ein Schmied aber, der blöde und unsinnig wäre, könnte wahrlich auch nicht einen noch so schlechten Ring einer Kette mehr zustande bringen, geschweige eine ganze Kette. Kann aber ein Schmied einzelne Ringe schaffen mit Hilfe seines Verstandes, seiner Kunst und Kraft, da wird er auch eine ganze Kette daraus anzufertigen ebensogut imstande sein, weil er die Einzelringe nur zur Gewinnung der ganzen, wohlbrauchbaren Kette zum voraus angefertigt hat.
   09] Und es hat denn um so mehr Gott die Einzelvorzustände der Seele des Menschen auch nur zum Behufe ihrer endlichen Vollverbindung zum voraus werden und in ein wie vereinzeltes Dasein treten lassen.
   10] Wäre Gott aber nicht weise, so wäre Er auch nicht also mächtig, um etwas aus Sich in ein formelles, wie außer Ihm bestehendes Dasein zu rufen. Eine allerhöchste Macht und Kraft aber setzt auch eine höchste und reinste, alleruneigennützigste Liebe und, von ihrem ewig lebendigsten Feuer ausgehend, ein allerhöchstes und lebendigstes Weisheitslicht voraus, und von diesem Lichte kann keine nur einigermaßen geläuterte Menschenvernunft je erwarten, daß sie nur darum allerlei Wesen voll Schwäche und Unbehilflichkeit in ein oft überkurzes Dasein riefe, um sich dadurch eben auch nur ein flüchtiges Vergnügen, gleich den Kindern mit ihren Spielsachen, zu verschaffen; denn in solch einem an und für sich ganz unmöglichen Falle wäre Gott in Seiner Liebe und Weisheit einem Menschen gleich ohnmächtig und könnte kein Wesen durch die Macht Seines Willens in ein wirkliches Dasein rufen.
   11] Du wirst aus dem ersehen, daß es erstens einen wahren und ewigen, in Sich unwandelbaren Gott geben muß, ohne den kein anderes Wesen denkbar wäre, und zweitens, daß dieser eine und allein wahre Gott die höchstreinste Liebe und so denn auch die höchste Weisheit, von der alle Seine endlos vielen Werke zeugen, sein muß und darum auch über alles mächtig, weil ohnedem nichts erschaffen werden könnte, und drittens: Weil Gott in Sich als die ewige Ordnung unwandelbar ist, so können auch Seine Geschöpfe nach der vorgesehenen Periode ihrer Vollendung, der freilich wohl einige scheinbare Umwandlungen voranzugehen haben, unmöglich anders als gleich Ihm für ewig hin unwandelbar verbleiben.
   12] Wenn dir das nun noch nicht genügt, so kannst du ewig noch überzeugendere Beweise suchen, und du wirst sie nimmerdar finden! Hast du alles das von mir dir nun Gesagte aber auch wohl und als lebendig wahr verstanden?«


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