Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 153. Kapitel: Jesus und zwei Griechen.

   01] Wir begaben uns denn nun wieder ins Freie, und als Ich noch kaum den einen Fuß über die Türschwelle gesetzt hatte, da verneigten sich die beiden Griechen sogleich tief vor Mir und baten Mich, daß Ich ihnen doch nur etwas wenig Näheres über Mich Selbst kundgeben möchte.
   02] Ich aber sagte zu ihnen: »Was soll Ich zu euch über Mich Selbst wohl reden? Denn fürs Wort allein habt ihr als kernfeste Anhänger des Pythagoras und zum Teil auch des Aristoteles keinen Glauben; und wirke Ich ein Zeichen vor euren Augen, so werdet ihr sagen: "Ah, er ist einer aus der Schule der Essäer!" Und so möget ihr das nun wohl von selbst einsehen, daß ein Zeugnis von Mir Selbst über Mich keinen großen und für euch nutzbaren Wert hätte, und es wird darum vorderhand schier klüger sein, vor euch zu schweigen denn etwas zu reden.«
   03] Sagten die beiden Griechen: »Meister, du hast recht und wahr geredet, und wir haben nun schon aus dem, wie du uns mit wenigen Worten haarscharf charakterisiert hast, nur zu klar ersehen, daß du in des Menschen Inneres überaus helle Blicke richten kannst, und es dürfte selbst einem weltklügsten Weisen sehr schwer werden, sich vor dir nur im geringsten verstellen zu können. Da wir aber dieses schon aus deinen wenigen Worten entnommen haben und darum keinen Grund haben, deinen Worten nicht zu trauen, so kannst du, so es dein Wille ist, uns schon ein mehreres über dich selbst kundtun; denn ein Wort aus dem Munde eines wahrhaft großen Weisen wiegt mehr fürs Leben von vielen tausendmal tausend Menschen denn alle Schätze der Erde, die sie am Ende ihrer Tage nicht zu stärken und zu trösten vermögen.
   04] Das Wort des Weisen aber wird ein bleibend Angehör des Menschenherzens, und so es in ihm zu dämmern und sehr lebensabendlich zu werden beginnt und er in die Tage kommt, die ihm nicht mehr gefallen, da wird das Wort zu einer Leuchte voll Trostes und der wahren, inneren Lebenskraft und somit eines jeden Menschen wahrster und innigster Freund. Und darum möchten wir von dir denn auch einige Worte über dich selbst aus deinem Munde vernehmen: denn wir sind schon im voraus der vollsten Überzeugung, daß unsere Herzen in deinen Worten einen großen Trost und eine rechte und wahre Stärkung finden werden.«
   05] Sagte Ich: »So ihr solchen Glaubens seid, da kommet mit uns auf den Berg in den Söller, und wir wollen uns alldort näher besprechen!«
   06] Sagten die beiden Griechen: »Meister, dieser Felsberg ist zwar nicht hoch, aber er ist sehr steil, und es gehören eine gute Lunge und ziemlich gesunde Füße dazu, um ohne eine erhebliche Anstrengung in den Söller auf dem Berge zu gelangen. Wir sind - dem Gott der Juden alles Lob! - in dieser Anstalt wohl schon auf dem Wege der Besserung, doch mit unserer Brust und mit unseren Füßen will es sich noch nicht so recht machen, und es dürfte uns denn am Ende doch etwas schwer werden, den Söller auf dem Berge oben zu gewinnen. Möchtest du uns denn nicht hier in der Ebene nur eine kurze Zeit widmen, für die wir dir sicher nach unseren Kräften dankbar sein würden?«
   07] Sagte Ich: »Liebe Freunde, warum Ich nur auf dem Berge mit euch reden will, das weiß Ich allein am besten, und ihr werdet es dann auch wissen. Fürchtet euch darum nicht vor diesem Hügel; denn eure kleine Mühe wird in eine rechte Tröstung verwandelt werden!«
   08] Auf diese Meine Worte entschlossen sich die beiden Griechen, doch mit uns den Berg zu besteigen, und als wir oben im Söller angekommen waren, verwunderten sich die beiden, daß sie die Höhe mit beinahe gar keiner fühlbaren Mühe und Anstrengung ganz leichten Atems erreicht hatten, und meinten, daß auch dieser Berg, so wie die sicher aus seinem Innern entstammenden Heilquellen, in seiner Ausdünstung sehr heilsam auf den Leib der Menschen wirken werde. Bei ihnen werde solchen Bergen eine Art göttlicher Verehrung erwiesen, und ihre Spitzen würden mit einem oder oft auch mehreren den Göttern geweihten Tempeln geziert; denn die Menschen meinten und glaubten auch, daß solche Berge mit ihren Heilquellen zu öfteren Malen von den unsterblichen Göttern eigens darum besucht und gesegnet worden seien, damit sie der leidenden, sterblichen Menschheit in ihrer Not zum Heile dienten.
   09] Der eine sagte weiter: »Es wird sich mit der Sache schier anders verhalten; aber der größte Teil der Menschen, die in die Welt hinausgestoßen sind, ohne je von jemandem darin einen Unterricht bekommen zu haben, warum sie da sind, (urteilt anders). Der Anblick des Himmels mit der Sonne, dem Monde, mit der Unzahl von Sternen und der Anblick der gesamten Natur der Erde haben sie auf dem Wege der eigenen, stets regen Phantasie auf allerlei übersinnliche Vermutungen gebracht, wozu auch so manche sehr lebhafte Träume, die gewisse Menschen hatten, entschieden mitgewirkt haben, die freilich auch nur eine Folge einer sehr lebhaften Phantasie sein können; und so sind aus den Vermutungen und Träumen Lehren von höheren, übersinnlichen Wesen entstanden, die später von geistreichen Dichtern in allerlei Persönlichkeiten umgestaltet und von geschickten Bildnern den Menschen beschaulich dargestellt wurden.
   10] Dann gesellten sich geschickte Redner und Magier hinzu, aus deren das gegenwärtige, nahezu unbesiegbare Priestertum mit seinen Tempeln und Orakeln hervorging, das nun nicht mehr der Götter wegen, an die kein Priester mehr glaubt, sondern nur der Könige und Fürsten wegen das gemeine Volk in dem blinden Glauben an die mächtigen Götter erhielt, damit sich dieses nicht gegen seine Peiniger erhebe und sie verderbe.
   11] Aber sei nun an der Göttersache, was da immer wolle, so dünkt mir irgendein noch so blinder Glaube an irgend ein oder auch mehrere höhere Wesen doch immer besser als gar keiner, und es erbaut so ein mit einem Tempel gezierter Berg oder Hügel das menschliche Gemüt immer mehr als irgendeine wüste Flachgegend, an der des Menschen Phantasie sicher wenig Nahrung findet.
   12] Ich will aber damit das Göttertum vor einem höchst weisen Manne, wie du, hoher Meister, einer bist, zu keiner Realität erheben; aber ich verachte es darum nicht, weil es einer zahllosen Menschenmenge im bittern Leben auf dieser Erde in allen Leiden und endlich sogar im stets qualvollen Moment des Sterbens den erwünschten Trost bietet. Und darin bin ich mit dem weisen Aristoteles ganz einverstanden, ohne dadurch der viel erhabeneren Gotteslehre (der Juden) nur im geringsten nahetreten zu wollen.
   13] Und so haben ich und mein Freund nun vor euch uns völlig enthüllt, und ich glaube nun, daß auch du, hoher Meister, dich vor uns ein wenig näher enthüllen könntest. Doch nur dein Wille leite dich, so wie auch der unsere uns leitet!
   14] Siehe, ich will dir aus unserer alten griechischen Weisheit noch eines zu dem bereits Gesagten hinzufügen: Wir sind in unserer Art wahrhafte Weise, weil wir dessen stets eingedenk sind, daß wir bald sterben werden. Wir suchen auf dieser Erde nur noch das einzige Glück zu erreichen, daß uns der Tod kein Erschrecknis, sondern eine wahre Herzenslabung voll Trostes werden solle. Und darum ist uns ein Wort aus dem Munde eines großen Weisen mehr denn alle Schätze der Erde; denn das kann uns auch dann zu einer tröstenden Leuchte in unserem Herzen werden, wenn unser Auge fürs Licht dieser Welt erloschen sein wird.
   15] Wolle du, hochweiser Meister, demnach uns beiden ein solches Wort zukommen lassen, und du selbst wirst glücklicher sein durch das Bewußtsein, zwei Unglückliche glücklich gemacht zu haben!«


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