Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 137. Kapitel: Betrachtungen am Abend.

   01] Als sie bei uns ankamen, waren wir noch im Freien, wo wir uns unterdessen über verschiedene Dinge besprochen hatten.
   02] Der Bootsmann trat zuerst vor Mich hin, verneigte sich tief und sagte: »O Herr und Meister, vergib es meiner großen Blindheit, daß ich Dich, als Du mich gnädigst ans Ufer zu kommen beriefst, als ich umkehren wollte, nicht alsogleich erkannt habe! Dann vergib mir es auch, daß ich mit etlichen meiner Gefährten schon heute abend und nicht erst morgen in der Frühe, wie Du mich berufen hattest, gekommen bin! Und endlich nimm es uns armen Fischern nicht ungütig auf, daß wir uns nach dem Drange unserer Herzen die Freiheit genommen, für Dich von Deinem großen Segen, den Du uns in dem reichen Fischfange sichtbar erteilt hast, ein freilich nur ganz kleines Opfer darzubringen. Siehe hier die kostbarsten Fische dieses Meeres!«
   03] Sagte Ich: »Ich habe wohl ein viel größeres Wohlgefallen an euren Herzen denn an den Fischen, die ihr Mir hier zum Opfer gebracht habt; aber wo das Herz mit dem Opfer vereint ist, da ist Mir auch das Opfer angenehm, - und so wollen wir diese Fische an diesem Abende miteinander verzehren. Gebet sie dem Wirte, und er wird schon wissen, wie sie zu bereiten sind!«
   04] Hierauf berief der Wirt sogleich einige seiner Diener und ließ die Fische in die Küche bringen, über die sich des Wirtes Weib nicht genugsam verwundern konnte. Es sind ihr diese sechsunddreißig Fische auch drum sehr willkommen zugekommen, weil sie in ihren Behältern keine so, großen und edlen Fische besaß. Auch die in der Küche mitbeschäftigte Maria hatte eine große Freude an dieser ganz unerwarteten Spende.
   05] Wir aber hatten uns denn auch vom Rasen aufgerichtet und begaben uns auf einen schönen und geräumigen Söller, der sich auf einem kleinen Hügel am See befand, von dem man eine recht herrliche Aussicht über das Meer und auch über die umliegenden Landschaften genoß.
   06] Es war nun freilich schon etwas spät am Abend, aber es tat das nichts zur Sache; denn da der Mond sich schon zu drei Vierteilen im Vollichte befand und die Spätdämmerung doch auch noch wirkte, so war die mehr ruhevolle Aussicht noch immer recht wundersam schön zu nennen, und alle lobten den guten Sinn des Wirtes, der auf unserem kleinen Hügel solch einen schönen und geräumigen Söller hatte erbauen lassen.
   07] Auf diesem Söller betrachteten alle eine Weile die stets ruhiger werdende Natur, und der Bootsmann machte die ganz gute Bemerkung hinzu, sagend: »Wenn der Seelenabend beim Menschen, der einmal in die Lebensjahre geraten ist, von denen er sagt, daß sie ihm nicht gefallen, auch diesem Naturabende gliche, so würde er auch sicher ein Wohlgefallen an ihm haben. Aber das ist beinahe schon gar nie der Fall; denn entweder verlebt der Mensch seine alten Tage in allerlei Kummer, Sorgen, Schwächen, Krankheiten und in der stets zunehmenden Furcht vor dem sicheren Tode des Leibes - für welche Furcht ihm sein schwacher Glaube und die noch schwächere Hoffnung auf ein Fortleben der Seele in irgendeinem Jenseits, das bis jetzt noch niemand der vollen Wahrheit nach kennt, eine höchst matte Bürgschaft bieten -, oder ein Mensch, dem es sein Vermögen erlaubt, stürzt sich in seinen alten Tagen erst so recht mit aller Gier auf allerlei weltliche Vergnügungen, um sich nur die ihm über alles lästige Furcht und Angst vor dem Tode zu verscheuchen. Und haben ihn aber dann dennoch Krankheiten, gegen die kein heilend Kräutlein gewachsen ist, ergriffen, und hat er sein nahes Ende mit Händen zu greifen klar vor sich, so stürmt es in seiner Seele um so gewaltiger, und so ist der Seelenabend des alten Menschen wohl höchst selten, und in unseren Zeiten beinahe schon gar nicht, mit diesem wahrlich wunderherrlichen Naturabend zu vergleichen. O Du lieber Herr und Meister, sage es uns doch, ob es bei den Menschen stets also verbleiben wird!«
   08] Sagte Ich: »Um den Menschen einen ruhigen Seelenabend zu verschaffen, bin Ich Selbst als der Herr über Leben und Tod in diese Welt gekommen. Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre allzeit lebt und handelt und dadurch das wahre Reich Gottes in sich sucht, wo er es auch ungezweifelt sicher finden wird, dessen Seelenabend auf dieser Erde wird auch ein noch um vieles ruhigerer und herrlicherer werden, als da vor uns zu sehen und zu fühlen ist dieser heutige Naturabend.
   09] Warum ist denn bei den Menschen ihr Seelenabend so oft ein höchst stürmischer und elender geworden? Weil sich die Menschen von Gott, dem Urquell alles Seins und Lebens und alles Lichtes und aller Wahrheit beinahe völlig entfernt und dafür ihr ganzes Sinnen und Trachten der Welt und ihrer im Gerichte und Tode gehaltenen Materie zugewandt haben.
   10] So sich die Menschen gleich euch von der Welt völlig wieder abwenden und zu Mir im vollen Glauben und in aller Liebe wieder zurückkehren werden, dann werden sie in Mir den ruhe- und seligkeitsvollen Seelenabend finden; ohne dieses aber wird in der Folge der Seelenabend bei den Menschen noch stürmischer und erschrecklicher werden, als er bisher von jemand ist erlebt und empfunden worden. Denn von nun an werden die Menschen nicht mehr sagen können: 'Wer hat Gott je gesehen und mit Ihm geredet, und wer bürgt uns für die volle Wahrheit dessen, was in der Schrift geschrieben steht?'; denn Ich Selbst als der Herr rede nun für jedermann wohl erkennbar und sichtbar zu den Menschen und zeige ihnen als die ewige Grundwahrheit aller Wahrheit die Wahrheit des Lebens. Wer diese in sich aufgenommen hat, der wird vor des Leibes Tode wahrlich keine Furcht mehr haben; denn er wird den Tod weder sehen noch fühlen, und müßte er hundert Male dem Leibe nach sterben.«
   11] Sagte der recht weist, Bootsmann: »O Du lieber Herr und Meister, wir danken Dir aus unserem tiefsten Lebensgrunde für diese Deine unsere Herzen gar überaus tröstende Belehrung! An Dich glauben wir, auf Dich hoffen wir, und Dich wollen und werden wir auch über alles lieben. Aber da ich nun einmal schon im Reden bin, so erlaube Du, o Herr und Meister, es mir gnädigst, Dich noch mit einer Frage zu belästigen!«
   12] Sagte Ich: »Freund, Ich weiß es wohl, was es ist, darum du Mich nun noch fragen willst; aber stelle du an Mich deine Frage dessenungeachtet, der andern wegen, nur laut, offen und frei, auf daß auch sie es vernehmen und auch erkennen mögen, um was es sich handelt!«


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