Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 131. Kapitel: Jesus verhilft zu reichem Fischfang.

   01] Dem Kisjona war dieser Antrag sehr angenehm, da er wirklich schon einen Mangel, besonders an den edlen Fischen, hatte.
   02] Aber etliche seiner anwesenden Diener und Knechte sagten: »Es wird sich heute am Tage mit dem Fischen schlecht machen; denn erstens sind die meisten noch im brauchbaren Zustande sich befindenden Fischerbarken und Boote schon vor drei Tagen der Fische wegen irgendwohin übers Meer hinausgefahren, haben beinahe alle zum Fischfange notwendigen Geräte mitgenommen und sind bis zur Stunde noch nicht zurückgekehrt, was wohl begreiflich ist, da es in dieser Zeit stets schlecht zu fischen ist, und zweitens geht nun das Meer stark, und die Fische versenken sich da in die Tiefe und meiden die seichten Uferstellen. Woher werden wir nun brauchbare Schiffe nehmen, mit denen wir uns auf das stark wogenden Wassers Höhe hinauswagen könnten?«
   03] Sagte Ich: »Was Ich euch sage, das tuet, und wir werden keine vergebliche Arbeit unternommen haben!«
   04] Auf das erhoben sich alle, auch die Samariter, und wir begaben uns hinaus ans nahe Ufer des Meeres.
   05] Als wir uns am Ufer befanden, an das starke Wellen schlugen, da sagte zu Mir Kisjona und auch Philopold: »Herr und Meister! Meine Knechte haben in natürlicher Hinsicht doch eine ganz wahre Bemerkung gemacht, - ohne gute Schiffe und ohne taugliche und starke Netze wird sich da auf eine natürliche Weise nichts machen lassen. Dir, o Herr, ist freilich wohl nichts unmöglich, aber uns Menschen ist mit vieler Mühe nur dann etwas zu bewirken möglich, wenn die Gelegenheit und die Umstände dazu günstig und vorhanden sind.«
   06] Sagte Ich: »Eben darum habe Ich euch bei den zum Fischen ungünstigsten Umständen herausgeführt, um euch die Macht des lebendigen Glaubens zu zeigen. Nehmet die alten Netze, die dort an den Uferzäunen hängen, und besteiget die zwei alten Boote, die sich hier am Ufer befinden, werfet die Netze ins Wasser, und seid gläubig, und wir werden in kurzer Zeit der besten Fische in großer Menge bekommen!«
   07] Es waren aber die alten Boote bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt, und die Knechte und auch Meine Jünger machten sich ans Ausschöpfen des eingedrungenen Wassers und verstopften mit Lappen einige lecke Stellen, damit die Boote zur Not brauchbar wurden; die Samariter aber machten sich in der Eile über die schadhaften Netze her und besserten sie, so gut es möglich war, aus, und es war auf diese Art zur Not ein Fischgerät hergestellt. Ein Teil der Knechte aber schaffte eine rechte Anzahl von Lägeln (kleines Faß bzw. Gefäß mit ovalem Boden) herbei, in die die gefangenen Fische hineinzulegen und dann darin in die großen Behälter zu überbringen waren.
   08] Als sich so alles in der nötigen Ordnung befand, da bestiegen etliche Meiner Jünger mit den Knechten die sonst ziemlich geräumigen Boote, stießen sie ein wenig vom Ufer und senkten das zwischen den beiden Fahrzeugen ausgebreitete Netz ins Wasser, das schon nach wenigen Augenblicken mit den edelsten Fischen derart angefüllt war, daß die Knechte darob erschraken; denn sie konnten das Netz vor lauter Schwere nicht ans Ufer bringen und fingen an, um Hilfe zu rufen. Da stiegen die Samariter ins Wasser, das an der Stelle, wo die Boote standen, kaum etwas über einen halben Mann Tiefe hatte, und halfen den Jüngern und den Knechten, die Fische ans Ufer zu schaffen. Bei hundert Menschen hatten über eine Stunde zu tun, bis alle Fische in die für sie bestimmten Behälter geschafft wurden.
   09] Als die Fische untergebracht waren, da sagte Ich zu Kisjona, der sich samt Philopold über diesen so überreichen Fang nicht genug verwundern konnte: »Willst du noch einmal das alte Netz mit Fischen aller Art und Gattung, die in dieses Sees Wasser leben, gefüllt haben, so laß das Netz, wie dies erstemal, ins Wasser senken, denn es ist nun die beste Zeit zu fischen! Denn so die Sonne sich dem Untergange zu nahen anfängt, da nahen sich die Fische den Ufern in dieser Zeit und in dieses Sees Wasser.«
   10] Sagte Kisjona: »O Herr und Meister, ich bin schon mit dem einen Zuge mehr als überaus zufrieden; aber so Du es willst und mit Deiner Gnade den Menschen die Arbeit nicht zu beschwerlich wird, so kann das Netz ja schon noch einmal ausgeworfen werden!«
   11] Sagten die Knechte, die Jünger und auch die Samariter zu Kisjona: »O du lieber Freund, nicht nur einmal, sondern noch mehrere Male, so es dem Herrn und dir genehm ist, wollen wir das Netz ins Wasser legen; denn mit solchem Gewinn ist die Arbeit wohl der kleinen Mühe wert!«
   12] Sagte Ich: »Nun denn, so tuet noch einmal, was ihr schon getan habt! So ihr aber werdet den Zug gemacht haben, da sondert die Gattungen also, daß ihr die Raubfische, die ihr diesmal auch ins Netz bekommen werdet, von den edlen Fischen sondert und sie dann in einen eigenen Behälter leget; denn die Raubfische sind ein Schaden der Edelfische, gleichwie die Wölfe ein Schaden sind den Schafen!«
   13] Sagte Kisjona: »Herr, ich danke Dir für diesen Rat! Bisher hatten meine Knechte und Fischer da keine Sonderung vorgenommen und sagten: 'Was im Meere beisammen lebt, das kann auch im Behälter beisammen leben!' Ich habe mich aber davon schon mehrere Male selbst überzeugt, daß die Raubfische mit den sanfteren Edelfischen sich schlecht vertragen, aber meine Leute wollten mir das nicht gelten lassen; da sie es nun aber aus Deinem Munde vernommen haben, so werden sie in der Folge auch das Klügere tun, zu ihrem und zu meinem Nutzen!«
   14] Sagten alle: »Ja, was der Herr sagt, das wollen wir auch tun; denn nur Er allein kennt und weiß alles aus dem Fundamente!«
   15] Auf das bestiegen die Jünger und die Knechte abermals die beiden Boote und warfen, wie zuvor, das Netz ins Wasser. In wenigen Augenblicken war es wieder, doch mit verschiedenen Gattungen der Fische, so überfüllt, daß abermals unsere Samariter ins Wasser steigen und das überfüllte Netz den Fischern ans Ufer fördern helfen mußten.
   16] Als das Netz wieder ans Ufer gebracht ward, da ging es ans Ausheben und Sondern der Fische, deren größerer Teil nun aus Raubfischen bestand, und es wurde ein großer Behälter mit ihnen gefüllt; aber auch die verschiedenen Edelfischgattungen wurden gesondert und jede Gattung in einen eigenen Behälter gebracht.
   17] Darauf ward das Netz wieder aus dem Wasser genommen und zum Trocknen an den Zaun gehängt, und die beiden Boote wurden am Ufer befestigt. Die Sonne hatte bei dieser Gelegenheit unserer Fischerei den Horizont erreicht, und Kisjona meinte, daß man nun etwa wieder ins Haus sich begeben könnte, da es in dieser Herbstzeit am Wasser infolge der stark wehenden Winde nach dem Untergange der Sonne oft ganz empfindlich kühl werde.
   18] Sagte Ich: »Freund, sorge du dich darum nicht; denn auch die Wärme und Kühle liegen, wie alles, in Meiner Hand! Wir wollen hier die Rückkunft deiner Schiffe abwarten und sehen, welchen Gewinn sie dir bringen werden.«
   19] Sagte Kisjona: »Herr und Meister, da erwarte ich wenig, denn am Vorsabbat fuhren sie in der Richtung gen Jesaira ab. Da werden sie wenig gearbeitet haben. Gestern war Sabbat, also ein voller Ruhetag; heute ist der Nachsabbat, auch ein Tag, an dem nicht viel gearbeitet wird. Es müßte daher ein Wunder geschehen sein, so mir meine vierzehn Schiffe irgendeinen Gewinn brächten; zudem sehe ich noch von keiner Seite her ein mir bekanntes Schiff auf dieses Ufer zusteuern.«
   20] Sagte Ich: »Freund, du denkst zwar ganz folgerichtig; aber es ist dein Denken von Zeit zu Zeit noch stärker denn dein Glaube! Siehe dahin, wo während unseres Fischens die drei Engel sich befanden in der Gesellschaft der Gebärerin Meines Leibes. Siehe, sie wurden unsichtbar mit dem vollen Untergange der Sonne und halfen deine Schiffe mit allerlei guten Fischen füllen. Und ehe du dich sieben Male umsehen wirst, werden deine vierzehn Schiffe sichtbar werden! Ein jedes Schiff wird hundert Fische überbringen.«
   21] Als Ich dem Kisjona dieses sagte, da kamen in der ersten Dämmerung die Schiffe auch in Sicht, und es dauerte kaum eine halbe Stunde Zeit, so waren die Schiffe auch schon am Ufer.
   22] Und der Hauptschiffmeister trat sogleich aus dem Schiffe, begrüßte uns und ward über alle die Maßen froh, als er auch Mich in der Gesellschaft ersah; denn er kannte Mich von früher her, und sagte: »Ja, nun ist mir alles klar geworden! Als wir vorgestern die Buchten über Jesaira hinaus als stets die fischreichsten durchsuchten, fanden wir auch nicht einen Fisch, denn ein heftiger Südwind trieb sie in die Tiefe. Kurz, wir haben bis in die späte Nacht mit Hilfe der Fackeln gearbeitet, aber es war alles eine völlig vergebliche Mühe. Gestern war Sabbat, da durften wir nicht arbeiten; aber heute waren wir schon mit dem frühesten Morgen bei der Arbeit und fischten ununterbrochen bei neun Stunden lang, aber auch ganz ohne Erfolg. Als ich sah, daß alle unsere Arbeit und Mühe eine vergebliche war, da gab ich das Zeichen zur Heimfahrt.
   23] Als wir uns aber auf mein gegebenes Zeichen zur Heimfahrt anzuschicken begannen, da kamen drei herrliche Jünglinge ans Ufer und verlangten von mir, daß ich sie in mein Schiff aufnehme. Ich nahm sie denn auch ohne den geringsten Anstand auf. Als ich sie befragte, wohin sie fahren möchten, da sagten sie: 'Wir sind nicht gekommen, um mit dir irgendwohin über diesen See zu fahren, sondern um euch fischen zu helfen; denn ihr habt nahezu zwei Tage lang gefischt und habt keinen Fang gemacht. Senket daher noch einmal eure Netze ins Wasser, und ihr werdet einen guten Fang machen!' Wir taten das, die Arbeit ging gut vonstatten, und in wenigen Augenblicken waren unsere Netze mit den schönsten Fischen aller Art gefüllt!
   24] Aber wie nun so viele Fische in kurzer Zeit in die Lägel schaffen? Die drei Jungen halfen uns, und ehe wir uns versahen, waren alle Fische in die Lägel gebracht. Darauf aber verschwanden die drei plötzlich, und es kam ein starker Wind und schob unsere Schiffe in der Richtung nach hierher.
   25] Als ich dies mir wohlbekannte Ufer ersah und auch schon ausnehmen konnte, daß sich eine ziemliche Menge Menschen am selben befanden, da sagte ich zu meinen Schiffern: Es muß der große Heiland aus Nazareth sich in Kis befinden, denn die drei Jungen, die uns auf eine so wundersame Art zu den Fischen verhalfen, waren offenbar drei mächtige Geister, die stets zu Seinen Diensten bereit sind. Der große Heiland und Meister aber hat unsern Herrn lieb und wirkte durch Seine dienstbaren Geister ein Zeichen auf seinen Schiffen zu seinem Nutzen!
   26] Als ich nun ans Ufer trat, da ersah ich bald, daß meine Mutmaßung zur Wahrheit geworden ist. Und nun erst danke ich Dir, o Du großer Sohn Gottes und Meister aller Meister, für die uns erwiesene unschätzbare Wohltat. Dir sei unsere und alle Ehre Gott in der Höhe der Höhen!
   27] Aber nun heißt es, dieweil es noch ziemlich hell ist, die Fische versorgen!«
   28] Sagte Ich: »Tuet das, bringet sie in die Behälter nach der Gattung und Art: Die etlichen Raubfische lasset nicht unter den Edelfischen, sondern gebet sie in den Behälter, der für sie hergerichtet ist! Dann möget ihr euch zur Ruhe begeben!«
   29] Als darauf die Diener die Lägel mit den Fischen aus den Schiffen gehoben hatten, da besah sie Kisjona, und er erstaunte überaus über die Anzahl und über die edle Art der Fische, darunter keiner unter fünf Pfund wog.
   30] Darauf sagte Ich: »Da wir auch diesen Tag zu Nutz und Frommen der Menschen wohl zugebracht haben, so begeben wir uns auch wieder ins Haus, und du, Freund Kisjona, laß uns ein mäßiges Abendmahl bereiten!«
   31] Darauf begaben wir uns denn auch alsbald ins Haus, und es ward viel über die Begebenheiten des Tages gesprochen.


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