Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 128. Kapitel: Jesu Mahl bei Kisjona.

   01] Da diese Erklärung und Belehrung aber beinahe eine Stunde lang gedauert hatte, so war unterdessen auch das Mittagsmahl bereitet und auf den Tisch gebracht worden, und wir nahmen es frohen Mutes zu uns.
   02] Es wurden aber auch zur selben Zeit die gleichen wohl zubereiteten Speisen auf den Tisch der Samariter gebracht, und dazu Brot und Wein im rechten Maße.
   03] Als die Samariter das sahen, da fragten sie die Tischdiener, wer solches angeschafft habe, ohne sie zuvor befragt zu haben, ob sie ein Mittagsmahl, worin bestehend und um welchen Preis, haben wollen; denn sie dürften kaum so viel Geldes bei sich haben, um solch ein köstliches Mahl bezahlen zu können.
   04] Sagten die Diener: »Wir haben das im Auftrag unseres Dienstherrn getan, und ihr könnet das Mahl ohne alle weitere Sorge verzehren; denn auch ihr werdet hier als freie Gäste gastfreundlich behandelt.«
   05] Auf das dankten die Samariter laut Mir und dem Kisjona.
   06] Und er erwiderte ihnen mit aller Freundlichkeit: »Stärket und labet euch frohen Mutes, meine lieben Gastfreunde, ohne alle Sorge!«
   07] Darauf dankten alle Mir und dem Kisjona noch einmal für eine so große Freundlichkeit, fingen dann an zu essen und zu trinken und wurden bald voll guten und frohen Sinnes und Mutes.
   08] Während des Mahles ward wenig geredet; als aber das Mahl zu Ende ging und die Samariter an unserem Tische die drei Jungen auch nicht zur Genüge bewundern konnten, wie diese um ein bedeutendes mehr von den Speisen verzehrten denn wir, da sagte ihr Wortmann: »Ihr seid samt mir sehr erstaunt über die große Eßlust der drei Jungen am Tische des Herrn; aber ich habe dabei doch etwas bemerkt, was euch allen vielleicht nicht also auffiel, wie es mir aufgefallen ist. Und seht, das mir sehr Auffallende bestand darin: Ich sah, wie eine jede Speise, welche von den dreien zum Munde geführt wurde, sich schon vor dem Munde derart auflöste und verflüchtigte, daß von ihr auch nicht um einen kleinsten Brosamen groß in den Mund der drei Jungen kam.
   09] Ich sah das klar und deutlich und vermute, daß die drei Jungen als ganz außerordentliche Geistwesen durch ihre ihnen innewohnende Macht die materielle Leibesspeise eher (zuvor) in ihr geistiges Element verkehren und solches dann erst in sich aufnehmen und es irgend auf eine ihnen eigentümliche Weise mit ihrer Wesenheit vereinen. Denn seht nur hin, wie vor den andern Gästen die abgenagten Lamms- und Kalbsknochen unverzehrt in ihren Speiseschüsselchen liegen; bei den dreien aber merket ihr nichts von derlei, obschon sie mehrere Male große, mit Knochen versehene Stücke sowohl von den Lämmern als auch von den drei wohlgebratenen Kälbern zu ihrem Munde gebracht haben.
   10] Diese Wahrnehmung an den dreien aber bürgt mir, daß sie keine leiblichen, sondern rein geistige Wesen sein müssen und ihre sichtbaren Leiber nur unseren Augen gegenüber so lange halten, als wie lange das der Herr sicher der Menschen wegen zuläßt und es also haben will. - Habe ich recht oder nicht?«
   11] Sagte ein anderer: »Ja, ja, da hast du wahrlich eine ganz richtige Bemerkung gemacht, und deine Beurteilung ist denn auch der Sache völlig angemessen. Weil aber diese Sache sich sicher also und nicht anders verhält, so ist es denn auch klar, daß der eine Junge, der uns ehedem den gestirnten Himmel und unsere Erde, sie samt den Sternen wie aus der Luft erschaffend, erklärt und ihre äußere und innere Form und Beschaffenheit gezeigt hat, von der Geisteskraft des Herrn erfüllt, keiner materiellen Kost zur Erhaltung seines unsterblichen Lebens benötigt; wenn er aber schon scheinbar welche vor unseren Augen zu sich nimmt, so verkehrt er solche sofort in sein Geistiges, welches ihm allenfalls dazu dienen kann, um sich uns wie in einem materiellen Leibe zeigen zu können.
   12] Denn ich bin bei mir schon lange der Meinung, daß alle Materie in sich auch ganz geistig ist und durch die Weisheit und Allmacht Gottes unter allerlei Form ersichtlich und für unsere Außensinne fühlbar wird, und die reinen und aus Gott mächtigen Geister werden die Materie auch sicher nur also der vollen innersten Wahrheit nach sehen, wie und was sie ist, und nicht, wie sie der Blödheit unserer Sinne erscheint.
   13] Ja, ja, wir leben nun unter lauter Wundern über Wundern, und doch will die Seelenblindheit die Menschen nicht verlassen; neben den größten und lebendigsten Lichtern aus den Himmeln schreitet der finsterste Aber- und auch vollste Unglaube einher, und der Himmel Mächte vermögen ihn nicht zu vernichten! So es aber nun bei den Menschen nicht licht werden will, wo sie die höchsten Wahrheiten und deren Wunder an der Urquelle schauen und prüfen können, wie finster wird es erst dann wieder unter den Menschen werden, so sie von diesen Dingen, die nun vor unseren Augen geschehen, bloß nur von Mund zu Mund Kunde erhalten werden? Werden sie den puren Überlieferungen wohl den festen Glauben schenken, da sie nun dem nicht glauben, was vor ihren Augen ist und geschieht? Darauf setze ich einen schlechten und sehr schwachen Glauben.
   14] Ja, es wird wohl zu jeder Zeit von Gott erleuchtete Menschen geben, die als Leuchten vor den anderen Menschen einhergehen werden, - werden die vielen Blinden und die Weltweisen ihrer achten? Narren werden sie sie schelten und wo möglich mit aller Hast verfolgen.
   15] Oh, die Ausbreiter dieser Lehre, die nun wahrlich körperlich aus den Himmeln an uns ergeht, werden keine gute Arbeit haben, auch dann nicht, so sie mit der Macht dieser drei Jungen begabt wären! Denn man wird sie für überspannte Schwindler, dabei für Magier aus der Schule der Essäer und somit auch für Lügner und Betrüger und Volksaufwiegler erklären und sie verfolgen und martern.
   16] Das ist so meine Ansicht; denn je heller oft an einem Tage die Sonne scheint, desto empfindlich finsterer wird die darauf folgende Nacht, in der finstere Gewitterwolken die Sterne des Himmels dicht überdecken. Doch dem Herrn alles Lob, daß wir würdig waren, den hellsten Tag zu erleben und am selben zu wandeln vor des Herrn Augen!«
   17] Sagten alle: »Ja, dem Herrn allein alles Lob und alle Ehre darum, und Seine Liebe und Gnade bleibe fortan bei allen Menschen, die eines guten Herzens und Willens sind!«


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