Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 117. Kapitel: Templer aus Jerusalem suchen Jesus.

   01] Hierauf kam ein Diener in den Saal und sagte zu Kisjona: »Es sind etliche Templer aus Jerusalem hier angekommen und verlangen Unterkunft. Was sollen wir tun?«
   02] Als unser Kisjona dieses vernommen hatte, da ward er ganz unwillig und sagte: »Ei, so hat man vor diesen mir überlästigen Menschen doch Tag und Nacht keine Ruhe! Diese Menschen haben nichts zu tun als in einem fort zu reisen von einem Ort zum andern, um den Menschen durch ihren Hochmut, Übermut und durch ihre nie zu sättigende Habgier zur oft unerträglichen Last zu fallen. Herr und Meister, hast denn Du keinen gewaltigen Sturmwind, der diese lästigen Gäste irgend an einen andern Ort hintrüge?«
   03] Sagte Ich: »Mache du dir aus den fünf Templern nichts, und nimm sie nur auf! Wollen sie zu uns herein, so verwehre ihnen auch das nicht; denn Ich und wir alle haben keine Furcht vor ihnen. Gib ihnen, was sie verlangen, auf daß sie keinen Grund haben sollen, uns zu schmähen! Sie kennen Mich nicht, und wir werden bald so manches von Mir mit ihnen zu reden bekommen. Sie sollen die Wahrheit hören!«
   04] Als Kisjona solches von Mir vernommen hatte, da ward er williger und sagte zum Diener, daß er sie aufnehmen solle und sie im Hause beherbergen und bewirten nach ihrem Wunsche.
   05] Da ging der Diener hinaus und sagte ihnen, was ihm sein Herr gesagt hatte.
   06] Als die Templer das vernahmen, da wurden sie mürrisch und fragten den Diener, was der Wirt denn im Hause gar so Wichtiges zu tun habe, daß er darob vergessen könne, was er den Priestern Gottes schuldig sei.
   07] Der Diener aber sagte: »Es sind ohnehin schon eine bedeutende Anzahl der fremden Gäste, darunter Griechen in der Herberge, und der Wirt muß ja doch den zuerst angekommenen Gästen die Ehre geben und kann nicht auf die warten, von denen er nicht weiß, ob sie ankommen werden. Kurz, der Wirt, seit er ein römischer Bürger ist, macht unter den Gästen keinen Unterschied mehr. Wem das nicht recht ist, der kann sich eine andere Herberge aufsuchen. Wollt ihr aber hier bleiben, so werdet ihr nach Bedarf auch redlich bedient werden!«
   08] Nach dem sagte ganz mürrisch ein Pharisäer: »Nun, nun, so führe, du römisch gesinnter Diener deines römischen Maut-Herbergsherrn, uns in das Hauptgastzimmer!«
   09] Hierauf führte sie der Diener zu uns ins Hauptgastgemach, in welchem an der entgegengesetzten Seite ein Tisch für sie gedeckt wurde.
   10] Als sie in das Gastzimmer traten, da stand unser Kisjona wohl auf, grüßte sie und führte sie an den für sie gedeckten Tisch.
   11] Als sie da Platz genommen hatten, fragten sie (die Pharisäer) unseren Freund, wer denn wir wären.
   12] Sagte Kisjona: »Die römische Polizei übe ich hier aus; es genügt, daß ich die Gäste kenne und für ihre Ehrlichkeit den Römern Bürgschaft zu leisten habe. Wollt ihr diese meine lieben Gäste aber näher kennenlernen, so wendet euch selbst an sie!«
   13] Als die Templer solche Antwort von Kisjona erhielten, sagten sie darauf nichts Weiteres und ließen sich Brot, Wein und Fische geben; denn sie hatten schon Hunger und Durst, weil sie als an einem Sabbat Reisende seit dem (Sonnen)Aufgange weder Speise noch einen Trank zu sich genommen hatten des Volkes wegen; daheim aber hätten sie sich aus dem Neumondssabbat nichts gemacht.
   14] Maria sagte hier mit einer gewissen Ängstlichkeit zu Mir: »Mein geliebtester Sohn Jesus, wenn diese Deine größten Feinde doch nur Dich nicht erkennen möchten; denn ich habe in Nazareth vom dortigen Obersten um Deinetwillen viele böse Reden und Urteile zu erdulden gehabt und habe mich hauptsächlich hierher in diese Einsamkeit begeben, um vor dem Obersten und seinem Anhange Ruhe zu haben. Diese da ziehen sicher auch darum in unser Land, um über Dich und Dein Wirken von neuem wieder Erkundigungen zu machen. Zwei kommen mir sehr bekannt vor, und ich habe sie schon etliche Male Deinetwegen in Nazareth gesehen.«
   15] Sagte Ich: »Sei darob völlig unbekümmert, ob sie Mich in der Person erkennen oder nicht; im Geiste wird Mich diese Art erst dann erkennen, wenn Ich über sie Gericht halten werde. Aber dann wird ihr Erkennen ein zu spätes sein und wird ihnen den vollen Untergang bereiten. Jetzt aber essen und trinken auch wir noch; denn wir haben auch noch Fische, Brot und Wein!«
   16] Mit dem beruhigte sich Maria und nahm noch etwas Speise und Trank zu sich.
   17] Als die Templer ihre dicken Bäuche gefüllt hatten, da standen die zwei Pharisäer von ihrem Tische auf und begaben sich ganz dreist zu uns hin.
   18] Und einer, der ein Oberster und auch Schriftgelehrter war, sagte zu uns: »Ihr werdet es uns Gottesdienern schon zugute halten, so wir uns nach unserer alten Sitte zu euch her begeben haben, um von euch sicher so manches Neue zu erfahren. Wer und was wir sind, das erkennt leicht ein jeder von euch; aber auch wir möchten dafür von euch erfahren, von woher ihr gekommen seid, und was ihr da zu tun und zu schaffen habt!«
   19] Sagte nun Ich: »Obwohl euer Verlangen an uns ein überaus anmaßendes und jede bessere Lebensart hintansetzendes ist, so wollen wir eurem Verlangen dennoch nachkommen, so ihr uns zuvor saget, was denn euch dazu vermocht hat, sogar an einem Neumondssabbat eine Reise zu unternehmen, - da ihr das zu tun jedem andern Juden, der sich bei euch dazu keine Erlaubnis um eine große Summe Geldes erkauft hätte, zu einer großen, kaum vergebbaren Sünde angerechnet haben würdet. Welch ein großwichtiger Grund hat denn euch dazu bestimmen können, den Sabbat zu brechen? Saget ihr uns das zuvor, dann wollen auch wir uns auch näher zu erkennen geben!«
   20] Sagte etwas betroffen der Schriftgelehrte: »Freund, wir sind Priester und haben nach dem Gottesrate auch an einem Sabbat das volle Recht, im Namen des Tempels zu Jerusalem zu handeln, da wir eigentlich das lebendige Gesetz Mosis selbst sind. Zudem wird es euch nicht fremd sein, wie schon seit einer geraumen Zeit der gewisse Nazaräer, der sich für den verheißenen Messias ausgibt, dabei den Tempel verfolgt, eine neue Sekte stiftet und durch seine Zeichen das Volk groß und klein verführt und von uns abwendig macht. Wir haben davon neue Kunde erhalten, daß er nun wieder bald hier und bald dort auftritt und lehrt, etwa gar außergewöhnliche Zeichen wirkt und allenthalben das Volk gegen den Tempel hetzt; und so denn mußten wir nach dem Gottesrate im Tempel auch den Sabbat benutzen, um zu erfahren, wo sich der Volksverführer befindet, und was er tut. Nun wisset ihr, warum wir auch an einem Sabbat eine Reise unternommen haben, - und so könnet ihr es uns nun auch sagen, woher ihr seid, und welcher Grund euch zur Reise bestimmt hat. Denn ihr seid offenbar auch Reisende, was wir an euren gebräunten Gesichtern und Händen wohl erkennen.«
   21] Sagte Ich: »Und was sollet ihr dann mit dem Nazaräer machen, so ihr Ihn irgendwo treffen würdet?«
   22] Sagte der Schriftgelehrte: »Was machen? Erstens ihn beobachten, dann ihn ergreifen und dem Gerichte überliefern!«
   23] Sagte nun Kisjona: »So! Und sonst weiter nichts? Wißt ihr aber wohl, daß der Nazaräer ein Freund auch der Römer ist, und daß auch die Heiden an Ihn glauben? Wißt ihr, daß Er alle Kranken bloß durch die Macht Seines Willens heilt, den Elementen gebietet und Tote erweckt? Wenn alles Volk in Ihm den verheißenen Messias erkennt und Ihn liebt und ehrt, warum denn ihr nicht? Seid ihr denn weiser denn Er und mächtiger denn Sein Wille?«
   24] Sagte der Schriftgelehrte: »Bist denn auch du schon von dem Nazaräer betöret worden?«
   25] Sagte Kisjona: »Ich wahrlich nicht; denn ich bin durch Ihn nur weise geworden, da ich erst durch Ihn die Wahrheit und das Leben erkannt habe! Aber ihr seid betört von eurer unersättlichen Habgier und Herrschsucht und seid blind und taub; darum erkennet ihr den Nazaräer nicht und verfolget in eurer Ohnmacht Den, der allmächtig ist.
   26] Er ist wohl voll der höchsten Geduld und Langmut und läßt Sich von euch gar sehr vieles gefallen; aber bis zum Ende Seiner Geduld mit euch ist nur eine ganz kurze Zeitfrist mehr übrig. Wird diese ehest verronnen sein, dann wehe euch, ihr hartnäckigen Verfolger des größten Freundes der Menschen! Dann wird über euch das Gericht losbrechen, von dem ihr vor einiger Zeit die untrüglichsten Zeichen zur Nachtzeit am Firmament gesehen habt! Ich, Kisjona, nun ein Römer, der keine Furcht vor euch hat, sage euch das ganz unverhohlen.«
   27] Hierauf wurden die beiden Pharisäer ganz stutzig, und der Schriftgelehrte sagte: »Nun gut, du sollst auch recht haben! Du hast leicht reden über den Wert, über Würde und Charakter des Nazaräers; denn du kennst ihn sicher persönlich und hast mit ihm sicher auch schon zu öfteren Malen zu tun gehabt. Wir aber kennen ihn gar nicht und haben bis jetzt noch nichts mit ihm zu tun gehabt; was wir von ihm wissen, das wissen wir nur durch die nach ihm ausgesandten Kundschafter, und die Nachrichten von allen Orten her stimmen darin vollkommen überein, daß er sich dem Tempel gegenüber stets feindlichst benimmt. Mache uns aber zu wissen, wo wir ihn finden, und wir werden dann selbst mit ihm sprechen, ihm auf den Zahn fühlen und sehen, was an ihm ist!«
   28] Sagte Kisjona: »Ihr lügt, so ihr saget, daß ihr Ihn persönlich nicht kennet; denn ich selbst weiß es nur zu bestimmt, daß Er schon zu öfteren Malen zu Jerusalem im Tempel das Volk offen gelehrt und Seine Lehre auch durch Zeichen als eine rein göttliche bestätigt hat. Da wurden Heiden bekehrt, - aber ihr Templer habt Steine aufgehoben und wolltet Ihn steinigen! Wenn also - wie könnet ihr da sagen, daß ihr Ihn persönlich nicht kennet?«
   29] Sagten die beiden: »Davon haben wir wohl reden hören, als wir von Damaskus, wo wir zu tun hatten, nach Hause kamen; aber darum haben wir dennoch nie Gelegenheit gehabt, den so sehr berühmten, aber im Tempel auch über alle die Maßen arg berüchtigten Nazaräer persönlich kennenzulernen. Da wir aber durch unsere Reisen sicher weltläufiger und klüger geworden sind als alle, die da beständig im Tempel sitzen, so hat der große Rat im Tempel uns bald als die tauglichsten Kundschafter gegen guten Lohn dazu erwählt, den Nazaräer irgend auszukundschaften und dem Tempel von seinem Aufenthalt und von seinem Treiben unverzügliche Nachricht zukommen zu lassen. Wir sind zwar in dieser immerhin lästigen Angelegenheit schon mehrere Male vom Tempel ausgesandt worden, waren einige Male sogar in Nazareth und haben dort seine Mutter und Brüder kennengelernt, - aber den, den wir suchten, haben wir bis jetzt noch nicht gesehen! Und so haben wir dir keine Unwahrheit gesagt, so wir dir bekunden, daß wir ihn persönlich nicht kennen und mit ihm noch nie verkehrt haben.
   30] Mache du uns daher bekannt, wo wir ihn treffen, ihn hören und beobachten können, so werden wir dann schon nach unserer eigenen Erfahrung selbst urteilen können, inwiefern die großen Anschuldigungen von seiten des Tempels gegen ihn wahr oder falsch und böswillig erdichtet sind. Wir sind Schriftgelehrte und wissen alles, was in den Propheten über den kommen sollenden Messias geschrieben steht; daher nehmen wir eine neue Lehre freilich wohl so leichten Kaufes nicht an wie das in der Schrift zumeist unerfahrene und durch die Heiden schon sehr verdorbene Volk.«
   31] Sagte nun Ich wieder: »Wer schuldet aber daran, daß das Volk in der Schrift nun so schlecht unterwiesen ist? Seht, ihr selbst! Ihr enthaltet dem Volke das Wort Gottes vor und quält es dafür mit euren Satzungen, die das Volk für Gottes Wort annehmen muß. Ist es dann ein Wunder, daß das Volk wider euch Schutz bei den Heiden sucht und ihn auch findet?
   32] Wenn nun Gott Seine Verheißung erfüllt hat und Sein Gesalbter nun den Menschen wieder das reine Wort lehrt und durch dessen Kraft Wunder wirkt, wie sie auch die Propheten gewirkt haben, - ist das dann wider den Tempel, so der Tempel wäre, wie er nach der Anordnung sein sollte? So ihr Schriftgelehrte seid, da urteilet selbst, wie weit sich der Tempel in seinem Werken von dem reinen Worte Gottes entfernt hat!
   33] Ich sage es euch: Die Heiden stehen nun dem Throne Gottes um gar vieles näher denn der Tempel mit seinen überselbst- und herrschsüchtigen Satzungen! Wo ist nun die alte Bundeslade, wo der immergrünende Aaronsstab, wo das Manna, und wo die schon lange von den Motten zernagten Schaubrote?
   34] Ihr zeiget dem Volke wohl derlei Dinge noch und machet lange Reden darüber, aber euer Inneres sagt es euch laut: "Wir betrügen das Volk und sind genötigt, es zu betrügen, auf daß es nicht aufstehe, über uns herfalle und uns verderbe!"
   35] Und seht, darin liegt denn auch der Hauptgrund, aus dem ihr den von Gott in diese Welt Gesandten mit dem glühendsten Eifer verfolget und Ihn auch ärger fürchtet und hasset als den Tod, der euch nicht verschonen wird!«


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