Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 111. Kapitel: Jesus heilt den erkrankten Leiter der persischen Kaufleute.

   01] Darauf kamen ein paar Perser mit dem Dolmetscher zu uns und verlangten, mit dem Wirte zu sprechen.
   02] Der Wirt fragte sie sehr freundlich, was sie für ein Anliegen hätten.
   03] Und der Dolmetscher sagte: »Lieber Freund, wir sind schon etliche Male hier eingekehrt und haben an dir stets einen gerechten und billigen und sonach auch einen seltenen Menschenfreund gefunden, darum wir dich denn auch diesmal bei unserer Handelsreise nach Tyrus besucht haben. Wir waren mit dir stets zufrieden, und du wirst dich auch nie über uns zu beklagen eine Ursache gehabt haben. Diesmal aber hat uns auf der Reise hierher ein Ungemach irgend nach einem nie erforschbaren Ratschlusse eines Gottes heimgesucht, was uns im Geschäft zum Wohle der Unsrigen daheim recht sehr beirrlich (hinderlich) ist.
   04] Wir haben zwar an unseren mitgenommenen Schätzen und Waren nichts verloren, aber was im Grunde beinahe schlimmer ist denn irgendein vorerwähnter Verlust, das ist die Erkrankung unseres ersten und besten Geschäftsleiters. Er hat schon ein paar Tage hindurch geklagt, daß er von ungewöhnlichen Schmerzen im Magen und auch im Kopfe von Zeit zu Zeit befallen werde. Als wir uns nun mit deinem Brote und Weine gelabt haben, da haben ihn seine Schmerzen wieder, und zwar diesmal gar bedenklich heftig, ergriffen. Gibt es denn hier keinen Arzt, der unserem Geschäftsleiter helfen könnte? Wahrlich, er soll von uns königlich belohnt werden! Sollte dem guten Manne aber - wie es bei solchen Krankheiten wohl oft der Fall ist - nicht alsbald geholfen werden können, so würden wir dich bitten, unseren leidenden Freund in deiner Pflege hier zu behalten; und so wir in etlichen Tagen wieder hierher kämen - was du als sicherst und wahrst annehmen kannst -, da werden wir dir alles zehnfach erstatten, was du zur Pflege unseres Freundes gebraucht hast.«
   05] Sagte der Wirt: »Liebe Freunde, dazu hättet ihr wahrlich nicht so viele Worte vonnöten gehabt; denn es soll von mir aus sogleich für alles gesorgt werden. Es befände sich nun wohl ein allererster und bester Arzt in Meinem Hause, der dem kranken Manne plötzlich für immerdar helfen könnte; aber Er verlangt von denen, die bei Ihm Hilfe suchen, einen vollen und zweifellosen Glauben nach unserer alten Judenweise, Ihr aber glaubet nur an gewisse von den Menschen erdichtete Götter, die nie jemandem helfen können, und nicht an den einen, wahren und lebendigen Gott der Juden, der allein allmächtig ist und auch jedermann helfen kann und will, der Ihn darum bittet, und so weiß ich denn auch nicht, ob der erwähnte Arzt in meinem Hause eurem kranken Freunde wohl wird helfen wollen.«
   06] Sagte der Dolmetscher: »Freund, du irrst dich an uns sehr, wenn du meinst, daß wir noch ebenso Götzendiener sind, wie es die alten Vorfahren unter der babylonischen Herrschaft waren! Den einen und allein wahren Gott der Juden kennen auch wir und verehren Ihn in unseren Herzen still; zum Scheine nur für die blinde Welt betreten wir dann und wann auch noch einen alten Götzentempel und bewundern in ihm die kaum denkbar mögliche Dumm- und Blindheit der Menschen. Und wir baten auch schon oft still in unseren Herzen, daß der eine, allein wahre Gott denn einmal unter uns Morgenländern auch ein wahres Lebenslicht möchte erstehen lassen, da wir ja doch schon lange genug in der dicksten Lebensnacht geschmachtet haben, - was aber freilich nur wir wissen, die wir durch den Handel mit gar vielen Völkern verkehren und uns auf diese Art gar manche und tröstliche Wahrheit zu eigen gemacht haben; aber es war unser Bitten ein vergebliches.
   07] Einen Blindgeborenen belästigt die eigene ewige Nacht sicher nicht, und er sehnt sich nicht nach dem Lichte, dessen Wert er nicht kennt; aber wer gesehen hat und erblindet ist, dem wird das Licht sicher schmerzlich abgehen, und also auch uns, die wir schon lange sehend geworden sind, so wir daheim wie mit verbundenen Augen einhergehen müssen.
   08] Aus dem wirst du wohl entnehmen können, daß euer Licht uns nicht fremd ist. Und da du nun das wohl berechnen kannst, daß auch wir Perser eures Glaubens fähig sind, und dein nur auf dem Wege des Glaubens unserem kranken Freunde sicher helfen könnender Arzt daher an uns keinen Anstand zu nehmen hätte, so könntest du ihn wohl an unserer Stelle bitten, daß er sich unseres Freundes erbarmen möchte!«
   09] Sagte der Wirt: »Es wird schon also sein, wie du es mir nun gesagt hast! Aber der von mir dir angeratene Arzt ist ein gar wundersam scharfsehender Mann; Er sieht in das Innerste der Menschen und erkennt sogar ihre geheimsten Gedanken und weiß es genau, wie jemandes Herz und Gemüt beschaffen ist. Er ist in Seinem Willen aber auch so mächtig, daß demselben sogar alle Elemente und alle Kräfte der Natur gehorchen müssen. Wenn Er euch unter solchen Seinen Eigenschaften anständig (erwünscht) ist, so will ich Ihn euch wohl vorstellen!«
   10] Sagte der Dolmetscher: »Unter solchen Eigenschaften ist er uns allen sicher am alleranständigsten und zugleich am wünschenswertesten, und du kannst ihn uns mit der Versicherung nun getroster vorstellen, daß wir infolge unseres Handels und Wandels keine Furcht vor ihm haben, und daß wir auch alles tun werden, was er von uns verlangen wird!«
   11] Sagte nun Ich Selbst zum Dolmetscher: »Freunde, es werde dem Wirte die Mühe erspart, euch den alles vermögenden Arzt vorzustellen! Ich Selbst bin es und habe Mich euretwegen hier noch verweilt; denn Ich wußte es schon lange zum voraus, daß ihr Meiner benötigen werdet. Ich habe eure Ankunft dem Wirte auch schon vor einer Stunde darum angezeigt, auf daß ihr heute, als an einem Neumondssabbat sogar, an dem ohne priesterliche Erlaubnis kein Jude etwas tun darf, dennoch die erwünschte Versorgung finden solltet.
   12] Und so weiß Ich denn auch, daß euer getreuer und wohlerfahrener Geschäftsleiter schon vor drei Tagen in einer schlecht bestellten Herberge in der Nähe des Euphrat sich mit einem schlechten Fisch und mit einem noch schlechteren Wein seinen Magen gar sehr verdorben hat; und hätte Ich nicht darum gewußt, so wie Ich es jetzt weiß, so wäre er darauf auch in Kürze gestorben. Nur Meine euch bis jetzt noch völlig unbekannte Kraft und Macht hat ihn euch bis zur Stunde erhalten und wird ihn, so ihr an Mich und an die Kraft und Macht des einen, allein wahren Gottes der Juden glaubet, ganz wohl und gesund erhalten.«
   13] Sagte der Dolmetscher: »O du wundersamer Meister der höchsten und ersten Kunst und Wissenschaft auf Erden! Aus deinen Worten haben wir nun in uns die vollste Überzeugung überkommen, daß dir nicht leichtlich etwas unmöglich sein dürfte, - und so glauben wir denn auch fest und ungezweifelt, daß du unserem Freunde sicher und unfehlbar helfen wirst, wenn du das nur willst. Darum bitten wir dich aber auch in unserer trostvollen Überzeugung dahin, daß du unserem Freunde helfen wirst, zum voraus uns gütigst zu bestimmen, welch ein Opfer wir dir dafür zu entrichten haben werden.«
   14] Sagte Ich: »Das sei ferne von Mir; denn Ich bedarf zu Meinem und Meiner Jünger Lebensunterhalt der menschlichen Opfer nicht und niemals! Gehen wir aber nun zum kranken Freunde von euch, und wir wollen sehen, ob und wie ihm zu helfen ist!«
   15] Das war den drei Persern wohl das Allererwünschteste, und sie führten Mich hin zu dem Kranken, der sich vor Schmerzen gleich einem halbzertretenen Wurme krümmte und bäumte und um Hilfe oder um den Tod bat.
   16] Als Ich zu ihm hintrat, legte Ich ihm sogleich die rechte Hand auf die Magengrube, und der arge Krampf verließ ihn auf immer. Er ward denn auch im selben Augenblick so völlig gesund, wie er es zuvor noch niemals war, da er schon von Geburt an an einem schwächlichen Magen litt; aber nun wurde sein Magen auch von seiner alten Schwäche geheilt, und so denn wurde der kranke Mann vollkommen geheilt.


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