Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 87. Kapitel: Jesus über Übung im Glauben und Vertrauen.

   01] Sagten darauf einige Meiner Jünger: »Herr, es wäre schon alles recht, so der Mensch in dieser Welt keinen Versuchungen zur Begehung einer Sünde ausgesetzt wäre! Wenn der Mensch irgend in einer schwachen Stunde dann doch sehr leicht möglicher Weise eine oder die andere Sünde begeht, so wird er dadurch in seinem Vertrauen und Glauben schon geschwächt, und so er auch die begangene Sünde bereut und irgendeinen durch sie verursachten Schaden völlig gutgemacht hat, so bleibt doch eine Scheu in der Seele, vermöge der er sich nicht so glaubensvoll zu Dir zu wenden getraut, als hätte er nicht gesündigt.
   02] Was soll dann solch ein Mensch tun, um Dich also um etwas zu bitten, daß er es voll glaubete, daß Du ihn erhören werdest?«
   03] Sagte Ich: »Der soll wissen, daß Ich erstens kein zorniger und rachgieriger, sondern ein geduldiger und liebevollst sanftmütiger Gott bin, wie das schon durch den Mund der Propheten ist gesagt worden und Ich nun zu allen Sündern rufe: Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und mit Sünden belastet seid; denn Ich will euch alle erquicken!
   04] Und zweitens sollen sich die Menschen im wahren Beten allzeit üben und darin nicht laß werden; denn ein rechtes und festes Vertrauen wird dem Menschen auch durch eine rechte Übung eigen, die noch stets dem Jünger in was immer für einem Fache zur Meisterschaft verholfen hat.
   05] Ein mit allen diesirdischen Gütern wohlversehener Mensch verlernt leicht das wahre und glaubensvolle Beten. Kommt endlich einmal eine Not über ihn, so fängt er wohl auch an, durchs Beten bei Gott Hilfe zu suchen; aber er hat bei sich zu wenig Vertrauen dahin, daß er bei Gott werde Erhörung finden, und der Grund liegt offenbar im Mangel an der Übung des lebendig vollen Vertrauens zu Gott.
   06] Wodurch aber kann der Mensch sein Vertrauen zu Gott wohl besser kräftigen als durch die Übung, bestehend im Beten und Bitten ohne Unterlaß? Worin aber hauptsächlich das Beten und Bitten ohne Unterlaß besteht, habe Ich euch schon gezeigt.«
   07] Hier sahen die Jünger einander an, und Andreas sagte: »Herr, ich erinnere mich noch gar wohl an das Bild, das Du uns bei einer ähnlichen Gelegenheit zeigtest, in dem von einem unverschämten Bettler in der Nachtzeit die Rede war, dem der Hausherr am Ende doch um die Mitte der Nacht Brot zum Fenster hinaus gab, mehr um vor dem weiteren Jammern und Geilen (heftiges Verlangen) Ruhe zu haben, als aus wahrer Barmherzigkeit.
   08] Ich habe so bei mir selbst über dieses etwas sonderbare Bild wohl schon recht oft nachgedacht, konnte es aber mit Deiner höchsten Liebe und Erbarmung noch nicht in eine rechte Vereinigung bringen. Aber nun erst fängt mir die Sache klarer zu werden an, wo Du jetzt von dem Beten und Bitten ohne Unterlaß und auch von der Übung im Glauben und Vertrauen zu Dir geredet hast.
   09] Durch das Bitten in der Mitternacht ums Brot hast Du sicher wohl auch das Üben im Glauben und Vertrauen zu Dir bezeichnet, indem Du durch den anfangs auch etwas harthörigen Hausvater Dich Selbst und durch den Bettler aber uns Menschen so darstelltest, wie wir vom Beten und Bitten nicht abstehen sollen, wenn wir bei Dir auch nicht alsogleich Erhörung finden.
   10] Du Selbst willst es also, daß wir Dir durch unser unablässiges Beten und Bitten ordentlich lästig werden müssen, bevor Du uns erhörest, denn dadurch willst Du unser Vertrauen zu Dir in einer steten und weiterschreitenden Übung erhalten, durch die wir endlich zu jener Stärke gelangen können, durch die wir in unseren eigenen Tag des Lebens, welcher da ist Dein Reich in uns, gelangen, im selben jede Hilfe und Kraft als in Deinem Geiste und Willen im Herzen unserer Seele als Deine Kinder selbst tragen und fürder nicht nötig haben sollen, Dir beständig durch Betteln in der Nacht unseres Lebens lästig zu werden. Denn der Mensch muß nun in seiner Lebensnachtschwäche Hilfe suchen; ist er einmal durch Deine Gnade selbst stark und mächtig geworden, so kann er sich selbst helfen! Herr, habe ich Dein damals aufgestelltes Bild wohl der Wahrheit gemäß verstanden?«


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