Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 82. Kapitel: Ein Weinwunder Jesu und die Folgen.

   01] Als der Wirt aber von Mir vernahm, daß Ich den Ort etwa bald verlassen möchte, da ward er traurig und sagte: »O Herr und Meister, Du wirst etwa doch nicht heute noch diesen Ort verlassen?«
   02] Sagte Ich: »Freund, es gibt noch gar viele Blinde und Taube im Herzen und in der Seele; zu denen muß Ich auch kommen und ihnen helfen. Wie es euch wohl tat, daß Ich zu euch kam, so wird es noch vielen wohl tun, wenn zu ihnen kommen werde. Aber etwelche Stunden werde Ich dennoch in deinem Hause verweilen; und es wird sich in dieser Zeit noch so manches besprechen lassen. Laß uns aber nun noch einen frischen und reinen Wein auf den Tisch setzen!«
   03] Sagte der Wirt: »O Herr und Meister, einen frischeren, reineren und besseren Wein besitze ich in allen meinen Kellern nicht! Was wird da zu tun sein?«
   04] Sagte Ich: »Gehe du in den Keller, der sich unter diesem Saale befindet, da wirst du schon welchen finden!«
   05] Sagte der Wirt: »O Herr und Meister, da unter diesem Saale ist wohl ein alter Keller; aber es befinden sich darin weiter nichts als alte, nahezu unbrauchbar gewordene Kellergerätschaften, als Schläuche, Krüge und noch andere Gefäße. Von einem Weine ist darin keine Spur!«
   06] Sagte Ich: »Darum eben sollst du uns aus diesem Keller einen Wein bringen, auf daß du und alle, die in deinem Hause sich befinden, es noch mehr denn bisher merken sollen, daß derlei Dinge kein Essäer je zu bewerkstelligen imstande ist, wie der Schriftgelehrte bei sich noch meint!«
   07] Hierauf sagte der Wirt: »O Herr und Meister, dieser Meinung ist außer unserem Schriftweisen nun wohl kein Mensch mehr in meinem ganzen Hause! Ich glaube, daß in Dir die Fülle des Geistes Gottes wohnet körperlich! Dein Wille ist Sein Wille, und Dein Wort ist Sein Wort, und es ist darum alles, was Du sagst, eine ewige Wahrheit, Licht, Liebe, Leben und so gut wie ein vollbrachtes Werk. Und so glaube ich denn auch, daß sich nun in diesem alten Keller Wein befindet, und das sicher von der allerbesten Sorte!«
   08] Sagte Ich: »So gehe denn hinab, und bringe uns einen!«
   09] Hierauf nahm der Wirt zwei große Krüge, und ebenso auch der Oberknecht, gingen in den besagten Keller und fanden zu ihrem größten Erstaunen alle die alten Schläuche, bei hundertundfünfzig an der Zahl, alle Krüge und andern Gefäße, die sich nun alle in gutem Zustande befanden, voll des besten Weines. Beide kosteten den Wein und fanden ihn über alle Maßen gut und wohlschmeckend. Sie füllten die mitgenommenen vier Krüge und brachten den Wein auf den Tisch und füllten unsere schon leeren Becher.
   10] Der Pharisäer war der erste, der seinen Becher bis auf den letzten Tropfen leerte und darauf zu seinem Gefährten, der sich nicht recht getraute, einen etwa zauberischen Wunderwein zu trinken, sagte: »Versuche auch du den Wein, auf daß auch du erkennest, daß das Glaubensbekenntnis unseres Wirtes ein wahres ist!«
   11] Da nahm der Schriftgelehrte denn auch seinen Becher, fing an, den Wein zu kosten, und da er ihm gar zu wohl schmeckte, so leerte auch er seinen Becher bis auf den letzten Tropfen.
   12] Als er den Becher völlig geleert hatte, da sagte er: »Wahrlich, dies ist eines jener Zeichen, das sich auf keine natürliche Art und Weise erklären läßt! Denn aller Art Kranke bloß durch einen *überfesten Glauben und unbeugsamen Willen heilen, das ist nach alten Sagen und Traditionen unter den Menschen schon dagewesen; denn es gibt, wenn auch selten, hie und da noch gänzlich unverdorbene Menschen, die eine übergroße und ebenso starke Lebenskraft besitzen. Wenn derlei Menschen auf irgendeinen Kranken durch ihren Glauben und Willen einwirken wollen, so wird der Kranke wie von einem Lebensfeuerstrom durchdrungen und erfüllt und kann dadurch im Augenblick gesund werden, wie man um derlei Heilungen wohl so manches aus den alten Schriften beinahe aller uns bekannten Völker weiß. Also weiß man auch, daß es Menschen gegeben hat, die nach ihrem guten oder bösen Belieben am schönsten und heitersten Tage allerlei herzaubern und auch andere Dinge verrichten konnten, welche einem natürlichen Menschen wunderbar vorkommen mußten. Aber alte, leere Schläuche und andere Gefäße bloß durch den Willen erstens in einen brauchbaren Zustand setzen und sie dann aber auch mit dem reinsten, besten Weine füllen, das ist etwas, wovon alle Chroniken und alten Sagen nichts zu erzählen wissen. Und dieses Zeichen halte denn auch ich für ein übermenschliches, das ohne eine große Fülle wahrer göttlicher Kraft nicht zustande gebracht werden könnte, und so fange nun denn auch ich an zu glauben, daß Du wahrhaft der Gesalbte Gottes bist!«
   13] Sagte Ich: »Da tust du wohl daran, so du das glaubst; aber in Mein Reich des Lebens werden die nicht völlig eingehen, die in ihrem Glauben zu Mir sagen werden: »Herr, Herr und Meister!«, sondern jene nur, die nach Meiner Lehre handeln und leben werden. Denn Meine Worte, so sie von einem Menschen tatsächlich erfüllt werden, sind Leben und Gotteskraft; aber bei Menschen, die die Worte wohl hören und sie auch im Gedächtnisse behalten, aber nicht danach handeln und leben, sind sie ohne Wirkung zum ewigen Leben der Seele, wohl aber werden sie ihr gereichen zum Gerichte, das da ist der andere Tod im andern Leben. Ich habe es euch nun gesagt, auf daß sich niemand damit entschuldigen kann, als habe er das nicht gewußt!«
   14] Sagte darauf der Schriftgelehrte: »Herr und Meister, wir glauben das nun freilich wohl ganz leicht und sind durch Deine hier gewirkten Zeichen vollends überzeugt, daß Deine Worte volle Wahrheit sind; aber wodurch werden diejenigen von der Wahrheit überzeugt werden, die Deine Lehre von uns vernehmen werden, vor denen wir aber keine Zeichen als eine endgültige Bestätigung der in Deiner Lehre enthaltenen Wahrheit zu wirken werden imstande sein?«


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