Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 2. Kapitel: Wunder im Hause des Wirtes durch Jesus.

   01] Wir traten darauf sogleich in die Herberge, und der Wirt kam uns überaus höflich entgegen und fragte uns, womit er uns dienen dürfe.
   02] Sagte Ich: »Wir sind hungrig und durstig, und so gib uns etwas Brot und Wasser!«
   03] Sagte der Wirt: »Meine Herren, ich habe auch Wein! Wollet ihr nicht lieber einen Wein trinken, der bei mir sehr gut ist, als das Wasser, das in dieser Gegend kaum zum Kochen taugt?«
   04] Sagte Ich: »Dein Wein ist wohl eben nicht ungut; wir aber sind irdisch nicht so wohlhabend, um uns mit deinem teuren Weine unsern Durst zu löschen. Daher bringe du uns nur, was wir begehrt haben, und wir werden damit denn auch zufrieden sein! Nimm aber das Wasser aus dem Quellbrunnen in deinem Weinkeller und nicht aus der Zisterne im hintern Hofraum; denn das Wasser wird bei dir auch gezahlt, und es muß daher gut, frisch und rein sein!«
   05] Der Wirt sah Mich groß an und sagte: »Freund, meines guten Wissens bist du nun wohl das erste Mal in meinem Hause! Wie weißt du denn, wie es bestellt ist? Wer kann dir das verraten haben?«
   06] Sagte Ich: »Oh, wundere dich dessen nicht, sondern bringe uns das Verlangte! Bin Ich mit diesen Meinen Freunden auch nun das erste Mal unter deines Hauses Dache, so ist Mir in ihm dennoch nichts unbekannt. Wie aber das möglich ist, das weiß schon Ich, wie Ich denn auch weiß, daß deine älteste und liebste Tochter Helena schon drei volle Jahre an einem bösen Fieber leidet und du es dich schon viel hast kosten lassen, und es hat ihr dennoch kein Arzt und noch weniger einer deiner vielen Hausgötter, die du um ein teures Geld aus Athen hast bringen lassen, geholfen. Und siehe, so weiß Ich noch um mehreres in deinem Hause! Aber nun gehe, und bringe uns das Verlangte, auf daß wir uns stärken und dann weiterziehen können!«
   07] Hierauf berief der über alle Maßen erstaunte Wirt ein paar Diener und ließ uns Brot, Salz und mehrere Krüge frischen Wassers bringen.
   08] Als das alles auf dem Tische sich vor uns befand und die durstigen Jünger gleich nach den Krügen greifen wollten, da sagte Ich zu ihnen: »So wartet doch ein wenig noch, bis Ich das Wasser segne, damit es niemandem schade; denn auch das Quellwasser in dieser Gegend ist fiebrig, da es in sich unlautere Naturgeister enthält!«
   09] Da warteten die Jünger, und Ich behauchte die Krüge und sagte zu den Jüngern: »Nun ist das Wasser gesegnet und gereinigt; aber esset zuvor etwas Brot, dann erst trinket mit Ziel und Maß, auf daß ihr nicht berauscht werdet!«
   10] Die Jünger taten das; und als sie zu trinken anfingen, da sagten sie mit verwundert freundlichen Mienen: »Ja, solch ein Wasser heißt es freilich mit Maß und Ziel trinken, auf daß man nicht berauscht wird!«
   11] Das merkte der Wirt und sagte zu den beiden Dienern: »Wie? Habt ihr denn diesen sonderbaren Gästen Wein gebracht, da sie doch ausdrücklich nur Wasser verlangt haben?«
   12] Sagten die Diener: »Herr, wir haben getan, wie uns befohlen ward! Wie aber nun aus dem Wasser Wein geworden ist, das wissen wir nicht; der es aber behauchet hat, der wird es schon wissen, wie das Wasser zu Wein hat werden können. Den frage du, denn der scheint mehr zu verstehen als wir alle in dieser Gegend!«
   13] Hierauf trat der Wirt an unsern Tisch, und wir gaben ihm zu trinken. Als er den Krug beinahe ganz geleert hatte, da sagte er voll Staunens zu Mir: »Bist du denn irgendein großer und berühmter Magier oder gar ein mir noch unbekannter Gott, daß du solches bewirken kannst? Ich bitte dich darum, daß du mir solches sagest!«
   14] Sagte Ich: »Wenn du deine Götter aus deinem Hause schaffst, an sie nicht mehr glaubst, so will Ich dir gleichwohl sagen, wer Ich bin, und dir auch zeigen den einen rechten, wahren, aber dir noch völlig unbekannten Gott, der auch deiner Tochter helfen könnte, so du an Ihn glaubtest und Ihm allein die Ehre gäbest.«
   15] Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da sagte er: »Du führest sonderbare Worte in Deinem Munde! Die Götter alle vernichten, wäre gerade keine Kunst, - erfahren das aber unsere Priester oder die Römer, so wird es mir übel ergehen; denn ein Vergreifen am Bilde eines auch nur Halbgottes ist bei uns mit schweren Strafen belegt. Ich müßte mit meinem ganzen Hause zuvor ein Jude werden und mich darüber vor einem Gerichte mit Schrift, Siegel und Beschneidung ausweisen, wonach mir das Recht eines römischen Bürgers abgenommen würde und ich es als ein Jude dann um ein schweres Geld wieder erkaufen müßte, so ich fernerhin ein römischer Bürger sein wollte! Es ist, wundersamer Freund, dein an mich gestelltes Verlangen etwas in dieser meiner Stellung kaum Ausführbares. Aber da weiß ich einen Rat: Schaffe du mir die Götter aus dem Hause unter Zeugen, die in meinem Hause mir zu Diensten stehen, und ich werde dann im stillen mit meinem ganzen Hause nur dem mir von dir gezeigten Gott die Ehre geben!«
   16] Sagte Ich: »Wohl denn, so gehe nun in deinem Hause umher, und überzeuge dich, ob noch ein Götze, groß oder klein, eines deiner vielen Gemächer ziert!«
   17] Als der Wirt darauf nachsehen wollte, da kamen ihm schon mit verzweifelten Mienen alle Hausgenossen schreiend entgegen und heulten: »Dem Hause muß ein großes Unglück werden, denn alle Götter haben es auf einmal verlassen!«
   18] Da sagte der Wirt mit herzhafter Miene: »Seid darob ruhig! Die toten, von Menschenhänden gemachten Götter nur, die niemandem etwas nützen und in einer Not helfen können, sind sicher von einem wahren, lebendigen und über alles mächtigen Gott zunichte gemacht worden; dafür ist aber höchstwahrscheinlich der eine, allein wahre, lebendige und über alles mächtige Gott in unser Haus gekommen, den uns dieser Sein schon für sich übermächtiger Diener näher kennen lehren und sogar zeigen wird! Und so ist durch die Entfernung der toten und gänzlich machtlosen Götter unserem Hause kein Unheil, sondern nur ein höchstes Heil widerfahren.
   19] Auf daß ihr aber glaubet, daß es wundersam also ist und sich verhält, so besehet hier diese unsere Wasserkrüge! Diese sind auf Verlangen eben dieses wundersam mächtigen Dieners des einen, wahren Gottes voll Wasser durch meine hierseienden zwei Diener, die das vor aller Welt bezeugen können, auf diesen Tisch gestellt worden. Und es wollten diese Gäste, nachdem sie sicher durstig waren, alsbald das Wasser trinken, aber der mächtige Gottesdiener sagte zu ihnen, daß sie das Wasser erst dann trinken sollen, so er es zuvor gesegnet haben werde. Darauf behauchte er die Krüge und das Wasser, und das Wasser ward augenblicklich in den besten Wein verwandelt. Da ist noch ein voller Krug; nehmet und verkostet den Inhalt, und urteilet, ob er Wasser oder Wein der allerbesten Art ist!«
   20] Hierauf nahm das Weib des Wirtes den Krug, verkostete dessen Inhalt und verwunderte sich übergroß, sagend: »Höret, das ist noch nie erhört worden! Ein solches Wunderwerk kann nur einem Gott möglich sein! Ich habe einmal in Athen wohl auch wundertätige Magier gesehen, die auch das Wasser bald in Blut, bald in Milch und bald wieder in Wein und in allerlei noch andere Dinge verwandelten; aber ich als eine damals überaus schöne und reiche Griechin hatte nur zu bald von einem mir nachstellenden Apollopriester gründlich erfahren, wie derlei wunderbar aussehende Verwandlungen auf eine ganz natürliche Art bewerkstelligt werden können. Das nahm mir aber auch den Glauben an alle Magier und ihre falschen Wunder.
   21] Aber da ist keine irgend geheime und versteckte Falschheit zu entdecken, und es ist das demnach eine vollkommen wahre Wundertat eines lebendigen Gottes, was ich nun vollends glaube und in diesem Glauben auch verbleiben werde bis an mein Ende. Und nun verkostet ihr alle diesen Wein, und urteilet!«
   22] Hierauf verkosteten alle den Wein und fanden die Sache so, wie sie der Wirt und sein Weib beschrieben hatten.


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