Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 195. Kapitel: Das Verlangen eines Arabers.

   01] Hier trat abermals ein Araber zu Mir und fragte, ob auch den Arabern ihre sicher vielen Sünden vergeben werden könnten, wenn auch sie danach täten, wie Ich das die Essäer nun gelehrt habe.
   02] Sagte Ich: »Jeder Mensch kann die Taufe des Geistes aus Gott überkommen, so er den allein wahren und ewigen Gott erkennt, an Ihn lebendig glaubt, Ihn dann auch über alles liebt und den Nebenmenschen wie sich selbst und also handelt, wie ihm das aus dem Munde Gottes geoffenbart ist. Aber wer die Weiber mehr liebt als Gott, der bleibt in seinen Sünden!«
   03] Als der Araber samt mehreren hier anwesenden Stammesgenossen solches aus Meinem Munde vernommen hatte, da stutzte er anfangs, ermannte sich aber bald und sagte: »Ja, du allerweisester und mächtigster Herr und Meister hast ganz einleuchtend gesprochen, und ich erkenne die Wahrheit deiner Rede; aber es ist ihr in unserem Erdenleben nicht so leicht nachzukommen, als wie man sich die Sache auf den ersten Augenblick vorstellt. Gott über alles lieben und an Ihn sicher auch lebendig glauben und darum auch seinen Nächsten lieben mehr denn sich selbst, wäre eben etwas ganz leichtes und zugleich höchst Beseligendes, so zu all dem das rechte und wahre Gotterkennen nicht vorausgehen müßte! Wie aber kann man einen allein wahren Gott erkennen und Ihn sich also vorstellen, wie Er ist, und wo Er ist?
   04] Wir sind von Geburt an Heiden, wie uns die Juden nennen, und haben von einem allein wahren Gott, außer von irgendeinem Juden in sehr unverständlichen Worten, niemals etwas vernommen, und so sind wir denn auch gleichfort bei der Lehre stehengeblieben, die wir von unseren Alten überkommen haben, und leben in den Sitten und Gebräuchen fort, in denen wir von Geburt an erzogen worden sind, und dafür kann uns irgend nur ein allein wahrer Gott nicht zur Verantwortung ziehen.
   05] Daß wir unsere Weiber sehr lieben, das ist wahr. Aber was sollen wir tun? Sie sind einmal da und fordern mit Mund, Gebärde, Gestalt und Natur Liebe von uns, und unsere Natur selbst gebietet uns, die schönen und zarten Weiber zu lieben, und so hätten wir es wohl für eine Sünde gehalten, die Weiber, besonders so sie noch jung und schön sind, nicht zu lieben; aber irgend einen allein wahren Gott für Sich über alles zu lieben, wäre uns gar nie möglich gewesen, weil für uns außer der Sonne und außer dem Lichte eines jeden Feuers nie einer als für uns erkenn- und wahrnehmbar bestanden hat.
   06] Wir haben auch Priester und allerlei außerordentliche Dinge zu bewerkstelligen imstande seiende Magier, die da sagen, daß sie solches durch geheime Kräfte der großen Natur und ihrer Geister bewirken können und darum auch unsterblich seien. Diese Priester und Magier aber wissen selbst von irgend nur einem wahren Gotte ebensowenig wie wir, kennen Ihn nicht, können darum an Ihn auch nicht glauben und Ihn noch weniger über alles lieben; denn was für uns Menschen so gut wie gar nicht da ist, das können wir denn auch unmöglich über alles lieben.
   07] Die Sonne als die größte Wohltäterin der Erde und ihrer Wesen aber ist da, und wir beten sie an, so wie auch das Feuer, ohne das ein Menschenleben so wenig bestehen könnte wie ohne Wasser und Brot. Und so müssen wir auch die Weiber lieben, weil sie da sind, uns die Menschen zur Welt bringen und sie als Mütter in der Kindheit mit aller Liebe, Sorgfalt und Zartheit pflegen! Sie sind gewisserart die Schöpferinnen der Menschen und haben mit ihnen viele Not und eine große Mühe und verdienen darum auch alle unsere Liebe und Achtung.
   08] Und das alles haben wir schon von Kindheit an gelernt und dann auch mit unserem Verstande eingesehen, daß sich die Sache also verhält, und lebten darum auch nach solcher Lehre, wofür wir nicht können, wenn es also nicht recht war.
   09] Wenn es aber irgend nur einen wahren Gott schon von Ewigkeit her gegeben hat, der Sich den Juden zu erkennen gegeben hat, so hätte Er Sich ja wohl auch uns Arabern, den Persern, den Indiern, den Ägyptern, Griechen und Römern und noch vielen anderen Völkern können zu erkennen geben, was meines Wissens aber bis jetzt noch nie der Fall war. Und so kann es uns ein für uns nie da gewesener Gott nicht zur Sünde rechnen, so wir nicht Seinem irgendwo und -wann geoffenbarten Willen gemäß gelebt und gehandelt haben.
   10] Mache uns nun Du, mächtigster Herr und Meister, mit dem einen, wahren Gott bekannt, lasse uns Ihn also erkennen, daß in uns über Sein Dasein kein Zweifel mehr haften bleiben wird, so werden wir an Ihm nicht nur lebendig glauben, sondern Ihn auch über alles lieben und Seinen Willen, so er uns bekanntgegeben würde, sicher auch allergetreust erfüllen! Aber solange das nicht geschieht, können wir einen allein wahren Gott nicht über alles lieben und Seinen uns nie bekanntgegebenen Willen auch nicht erfüllen.
   11] Bist du selbst der eine und allein wahre Gott, wie das aus so manchem deiner Worte, wie auch aus deiner Tatkraft nicht zu unklar zu entnehmen war, so sage und zeige uns das noch heller, und wir werden an dich lebendigst glauben, dich über alles lieben und gleich diesen Essäern deinen uns bekanntgegebenen Willen auf das genauste erfüllen! Aber das von mir Verlangte muß zuvor geschehen!«
   12] Sagte Ich: »Du hast nun ganz klug geredet, und es wird morgen deinem Verlangen auch Genüge geleistet werden! Aber deine Behauptung, es habe Sich Gott euch bis jetzt noch nie geoffenbart, ist nicht richtig! Gott hat Sich auch euren Voreltern ebenso wahr, treu und offen geoffenbart und ihnen kundgetan Seinen Willen; aber ihrer Nachkommen stets wachsende Welt- und Selbstliebe ließ das reine Erkennen des nur einen wahren Gottes gar bald sinken, schwächer und schwächer werden, und das Handeln nach dem geoffenbarten Willen Gottes sank denn auch mit, weil es den Menschen, die sich stets zur Welt hinaus kehrten, zu unbequem und zu sauer vorkam.
   13] Da traten denn auch bald solche Menschen auf, die für sich gar keinen Glauben hatten, aber als Arbeitsscheue auf Kosten der Nebenmenschen in der Welt dennoch so gut und ansehnlich als möglich leben wollten, und lehrten die leichtgläubigen Menschen das, was diesen mundete und sie mehr unterhielt als das Erkennen des einen wahren Gottes und das Handeln nach Seinem Willen; denn das Handeln nach dem Willen Gottes verlangt eine starke Selbstverleugnung, ohne die niemand Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben kann.
   14] Sieh, so stehen der Wahrheit nach die Sachen; aber wie du meinst, daß Sich der allein wahre Gott den Juden allein nur geoffenbart habe, ist nicht richtig!«


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