Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 188. Kapitel: Jesus mit den Seinen auf dem Hügel Araloth.

   01] Wie gewöhnlich waren wir auch diesmal schon vor dem Aufgange auf den Füßen und begaben uns sogleich ins Freie hinaus. Der Wirt und dessen angekommener Sohn Kado aber, auch schon aufseiend, bemerkten, daß Ich mit Meinen Jüngern Mich ins Freie begab, und es kam Mir darum Kado auch schnell nach und bat Mich, daß Ich doch nicht eher abreisen möchte, als bis Ich ein wohlbereitetes Morgenmahl mit Meinen Jüngern würde eingenommen haben.
   02] Und Ich sagte zu ihm: »Dies hätte Ich auch ohnedies getan, wenn du Mir nun auch nicht nachgekommen wärest; aber weil dich deine Liebe zu Mir dazu aufgefordert hat, so macht das Meinem Herzen eine rechte Freude, und so lade auch Ich nun dich ein, mit uns auf den Hügel zu gehen, auf dem einst Josua, der Prophet und der Führer des israelitischen Volkes ins Gelobte Land, mit der Bundeslade stand und eben diese Stadt, die in jener Zeit groß und mit einer nahezu unzerstörbaren Mauer umfangen war, durch den mächtigen Schall der Posaunen zerstört und ihre mächtigen Bewohner und Krieger, die Heiden waren und eine arge Abgötterei trieben, bis auf den letzten Menschen besiegt und vernichtet hat.
   03] Also auf diesen Hügel - der eben nicht zu ferne von hier sich befindet, weil dieses nunmalige Jericho sich dem Hügel näherstehend befindet denn das alte, das mehr denn um hundert Male größer war denn das jetzige, das wohl den alten Namen führt, aber vom alten Jericho nichts als etliche Ruinen aufzuweisen hat - begeben wir uns. Von dem Hügel aus werde Ich dir den wahren Stand und den Umfang des alten Jericho zeigen!«
   04] Sagte Kado: »O Herr und Meister! Das ist wahrlich zu viel Deiner göttlichen Gnade für mich sündigen Heiden! Aber da Du schon einmal so gnädig sein willst, so wolle Du gnädigst erlauben, daß auch mein Vater uns begleite; denn er ist ein großer Freund von solchen Dingen, die das graue Altertum und die alles zerstörende Zeit verschlungen haben. Ich werde ihn darum nun sogleich holen gehen.«
   05] Sagte Ich: »Es hat dessen nicht nötig, denn siehe, er kommt uns ohnehin schon nach, und der, den Ich gestern sehend gemacht habe, geleitet ihn!«
   06] Als Kado das sogleich auch bemerkt hatte, da ward er sehr froh, und wir gingen gemächlich vorwärts, und die beiden hatten uns denn auch bald und leicht eingeholt.
   07] Nach einer halben Stunde Zeit befanden wir uns denn auch schon auf dem besagten Hügel, dessen Fuß, mit Ölbäumen bewachsen, ein Eigentum unseres Wirtes war, und von dessen höchstem Punkte man eine weite Rundschau hatte.
   08] Als wir uns sämtlich auf des Hügels sehr geräumiger Höhe befanden, da bestieg Ich einen kleinen, in der Mitte des Hügels befindlichen Felsblock, der gerade die Höhe eines halben Mannes hatte, und auf diesem Punkte, von allen Anwesenden leicht gesehen und gehört, sagte Ich: »Höret, auf diesem Steine, auf dem Ich nun stehe, stand einst Mein Knecht Josua! Es hat das für den Menschen zwar keinen Lebenswert, aber es schadet dennoch keiner Seele, so sie in der Geschichte der Vorzeit bewundert ist; denn eine in der Geschichte der Zeiten und der Völker wohlbewanderte Seele wird nicht so, leicht in allerlei Aberglauben verfallen wie eine, die von der Geschichte der Vorzeit gar keine richtige Kunde hat und darum alles in das Reich entweder des Fabelhaften, das für sie keine Wahrheit ist, oder in das Gebiet des Aberglaubens verweist, auf welchem Gebiete ein Mensch dann bald und leicht alles für buchstäblich wahr annimmt, was er irgend als etwas Besonderes vernommen hat.
   09] Und sehet, also geht es nun den meisten Juden, die entweder den Josua als einen Fabelmann betrachten und unter sich sagen, daß er in der Wirklichkeit gar nie bestanden hat, und wieder andere Blind-, Leicht- und Kleingläubige gibt es, die die Geschichte dieses Propheten ganz buchstäblich also annehmen, wie sie im Buche geschrieben steht, was aber auch eine gleich große Torheit ist, aus der sich schon gar große Streitigkeiten und allerlei Unglaube, Aberglaube und eine Menge Irrtümer entsponnen haben!
   10] Wie euch vielen wohl bekannt sein wird, so hat Josua, als er die Israeliten aus der Wüste ins Gelobte Land führte im steten Geleite des Herrn, eine Menge Zeichen und Wunder gewirkt, was erstens tatsächlich wahr ist, und zweitens aber haben seine Führungen und Taten auch einen inneren geistigen Sinn, der nun leider von keinem Juden mehr begriffen wird und darum denn auch über Josuas Handeln und Wirken so viel Unsinniges von den Pharisäern allenthalben gepredigt und gelehrt wird, daß es denn auch nicht zu hoch zu verwundern ist, wie die etwas heller denkenden Juden sich vielfach an der Lehre Mosis und der Propheten sehr gestoßen haben. Darum habe Ich euch nun denn auch auf diesen Hügel und eben auf diese Stätte geführt, auf der Josua bei der Eroberung der alten Stadt Jericho seine ersten und großen Wundertaten ausgeübt hat, wie sie ihm des Herrn Geist geboten hatte.
   11] Seht! Das ist der Hügel Araloth, und die Stätte, auf der wir nun stehen, heißt Gilgal und ist dieselbe, auf der Josua auf Geheiß des Herrn die Kinder Israels zum zweiten Male mit den steinernen Messern beschnitten hat!
   12] Der Fels aber, auf dem Ich nun stehe und euch die alte Geschichte wieder ins Gedächtnis rufe, besteht aus eben jenen zwölf Steinen, welche die eben auch zwölf Priester bei der Gelegenheit, als das Volk trockenen Fußes über den Jordan ging, aus der Mitte desselben zum Zeichen der wunderbaren Führung durch die Macht Gottes hierher gebracht und also, wie sie nun da sich noch vorfinden, aufgestellt und aneinandergefügt haben, wodurch Josua dem Volke sinnbildlich andeutete, daß die zwölf Stämme Israels, welche durch die hier zusammengelegten und -gefügten zwölf Steine vorgestellt worden sind, auch einen festen Körper bilden und also als ein einiges und mächtiges Volk unter den Gesetzen, dem Schutze und den Führungen Gottes als ein Gericht allen Heiden gegenüberstehen sollen und auch sein als ein harter Fels, an dem sich stoßen mögen alle, die wider den Willen Gottes handeln.
   13] Sehet! Auf eben diesem Punkte hatte Josua die Lade aufgestellt, durch deren siebenmaliges Herumtragen um die alte Stadt Jericho beim gewaltigen Schall der Posaunen die Mauern beim siebenten Herumtragen am siebenten Tage zusammenstürzten, und die Israeliten dann in die Stadt drangen und aufs Geheiß Gottes alles mit dem Schwerte niederhieben, was darin lebte, bis auf die Hure Rahab, die nach dem Geheiß Gottes samt ihrem Hause und Anverwandten verschont werden mußte, weil sie die Kundschafter, die Josua in die Stadt gesandt hatte, vor der Verfolgung des Heidenkönigs rettete, indem sie dieselben in ihrem Hause wohl verbarg!
   14] Auf diesem Hügel ward auch all das Gold und Silber und all die Edelsteine, die die Israeliten aus der zerstörten Stadt brachten, vor der Lade des Bundes Gott zu Ehren niedergelegt, und auf diesem Hügel erteilte Josua allen Israeliten auch das Gebot nach dem Willen des Herrn, daß die zerstörte Stadt nimmer wieder erbaut werden solle, und wer das dennoch täte und finge an, seine Hand ans Werk zu legen, darum von Gott gestraft werde. - Und so wisset ihr nun, was dieser Hügel zu bedeuten hat.
   15] Auf dem Punkte aber, wo einst die Lade stand, auf dem selben Punkte stehet leibhaftig Der, der als ein gewaltiger Fürst mit einem Schwerte in der Hand zu Josua kam und zu ihm sagte: "Josua, ziehe deine Schuhe aus, denn heilig ist die Stätte, auf der du stehst!" Da erst wurde Josua inne, wer der mächtige Fürst war, und betete Ihn darum auch an.
   16] Ihr wisset nun auch alle, wer Ich bin, und es betet Mich von euch niemand an. Ihr tätet das wohl, aber Ich Selbst will es nicht, weil Ich euch auf einen höheren Lebenspunkt stelle, als Josua selbst in aller seiner Macht je gestanden ist, und weil Ich jedes Lippengebet verabscheue; denn von nun an ist die Liebe zu Gott und zum Nächsten das Mir allein wohlgefällige Gebet, auf das Ich sehe und horche!
   17] Und so wisset ihr nun in kurzgefaßter Darstellung, was es mit diesem Hügel für eine Bewandtnis hat, und wir können nun unsere Augen gen Abend hin richten und sehen die große wüste Fläche, auf der einst die alte Heidenstadt stand.«


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