Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 183. Kapitel: Jesus über die Befreiung von der Materie.

   01] (Jesus:) »Es ist zwar keines Menschen Seele mit all ihrem Sterblichkeitsgefühle als völlig tot anzusehen, aber es ist das dennoch ein wahrer Tod der Seele, so sie in der stets wachsenden Furcht steht, das ihr so angenehm gewordene Leben bald zu verlieren oder dasselbe ewig in einem finstern Kerker qualvollst zuzubringen ohne eine Hoffnung, je daraus erlöst zu werden.
   02] Wisset ihr aber, was ein solches zumeist den materiellen, selbstliebigen und stolzen Heiden eigene Gefühl in ihren Seelen erzeugt, und sie darum auch nach allen möglichen Vergnügungen und Zerstreuungen haschen, um nur dieses ihnen über alles widerwärtige Gefühl soviel als möglich loszuwerden?
   03] Seht, das erzeugt die Welt- und Materieliebe! Solange eine Seele an den Besitz- und Reichtümern dieser Welt hängt und sie als ein volles Eigentum von Rechts wegen betrachtet und darum auch jeden Menschen, der sich seiner Armut wegen an ihnen im Notfalle vergreifen könnte oder sich gar schon irgend einmal vergriffen hätte, straft, solange auch wird sie dieses Gefühles weder in dieser noch in der andern Welt je völlig ledig werden; denn alle Materie ist gerichtet und somit gegenüber dem freien Geiste tot. So aber eine Seele an der toten Materie klebt, so kann sie auch kein anderes Gefühl haben als nur das des Todes.
   04] Kehrt sich aber eine Seele von der Materie ab durch den wahren und lebendigen Glauben an den Einen Gott und durch die Liebe zu Ihm und zum Nächsten in der Tat, dann wird sie solch eines Gefühles, wie das bei euch nun der Fall ist, auch bald vollends ledig werden, und das ist denn auch für jeden Menschen dann ein sicheres und untrügliches Zeichen, daß das Gericht und der Tod aus der Seele entwichen ist.
   05] Es ist aber das für eine einmal mit der Weltliebe erfüllte Seele wahrlich keine leichte Arbeit, und es gibt gar viele Reiche und Mächtige in der Welt, für die es schwerer ist, sich von der Materie und ihrem eingebildeten Werte zu trennen, als wie schwer es für ein Kamel wäre, durch ein Nadelöhr zu gehen. Aber es ist dennoch auch das durch die Hilfe von Gott möglich, wie das nun bei euch Griechen der Fall ist und noch immer mehr der Fall sein wird, so ihr das, was Ich euch nun angeraten habe, freiwillig zur Tat erheben werdet!
   06] So ihr nur glaubt, aber den Glauben nicht zur Tat erhebt, so ist der Glaube selbst noch tot und kann der Seele kein wahres Leben geben; aber durch die Tat wird der Glaube lebendig und somit auch die Seele durch ihren lebendigen Glauben. Darum sage Ich euch noch einmal: Seid denn sonach nicht pure Glauber (Gläubige) dessen, was ihr von Mir hört, sondern liebwillige und eifrige Täter, so werdet ihr in euch das wahre, ewige Leben überkommen!
   07] Ich sehe nun wohl, daß ihr alle Mich als den Herrn und Meister anerkennet; aber das würde euch noch nicht das Gefühl der vollen Unsterblichkeit in euren Seelen erwecken, sondern das hat das Unsterblichkeitsgefühl in euren Seelen erweckt, daß ihr euch vollernstlich in euren Herzen entschlossen habt, das allzeit zu tun, was Ich euch angeraten habe.
   08] Bleibet aber auch fortan gleich nach diesem Entschlusse tätig in Meinem Namen, so wird auch das ewige Leben aus Mir in euch verbleiben, und ihr werdet in Ewigkeit keinen Tod mehr irgend fühlen noch schmecken!
   09] Was nützte es aber einem Menschen, so er auch der Besitzer aller Schätze der Erde wäre und sich damit alle erdenklichen Lustbarkeiten verschaffen könnte, dadurch aber an seiner Seele Schaden litte? Werden alle diese Schätze aus den harten Fesseln des Todes zu erlösen wohl imstande sein?
   10] Wahrlich! Der Tod kann dem Tode kein Leben geben; das kann nur die lebendige Tat nach Meiner Lehre, dieweil Ich Selbst gleichfort Liebe, Tat und Leben bin! Denn alles, was da ist in der ganzen Unendlichkeit, ist ja ein Werk Meiner Liebe und Meines Lebens. - Glaubet ihr das?«
   11] Sagten alle: »Ja, größter Herr und Meister aus Dir Selbst von Ewigkeit, wir glauben nun alles, und wir werden unseren Glauben auch durch die Werke nach Deiner reinsten und wahrsten Lehre beleben, so wahr Du uns, so wir je schwach werden könnten, allzeit helfen wollest!
   12] Aber nun noch eine kleine Frage: Hat der alte Priester auf Patmos auch diese Deine an uns gerichtete gedehntere Lehre ebenso ganz und vollständig vernommen im Geiste, wie wir sie hier vernommen haben?«
   13] Sagte Ich: »Allerdings, wie Ich euch das schon gesagt habe! Was Ich hier zu euch geredet habe und noch weiterhin reden werde, das lege Ich auch in den Sinn seines Herzens, und er wird es daraus nehmen und aufzeichnen für sich und für euch und für viele andere. Und so ihr nach Patmos kommen werdet, da werdet ihr euch davon selbst überzeugen.
   14] Nun aber gebe Ich jedem von euch die Freiheit, Mich um ein oder das andere zu fragen. Wer da noch zu seinem Heile etwas von Mir erfahren will, der frage darum; denn wer da sucht, der findet!«
   15] Als alle das von Mir vernommen hatten, da wurden sie sehr froh und heiter; denn sie hatten noch so manches, worüber sie Fragen an Mich zu stellen gedachten. Aber als sie Mich fragen wollten, da wußte keiner, um was er Mich eigentlich und hauptsächlich fragen sollte; und so wußten sie denn auch nicht so ganz recht, wer von ihnen zuerst eine Frage an Mich richten solle.
   16] Da half Ich ihnen bald aus dieser Verlegenheit, indem Ich sagte: »Nun, Kado, so frage du, so sich niemand anders zu fragen getraut!«


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