Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 164. Kapitel: Jesus vor der Herberge eines Zöllners.

   01] Auf diese Meine Voraussage gingen wir dann schweigend und eiligen Schrittes vorwärts, gelangten bald auf die Anhöhe und ersahen von da auch schon ganz nahe liegend den Ort, den Ich zum ersten angegeben hatte.
   02] Wir kamen denn auch bald und leicht dahin und nahmen Rast vor einer Herberge, von welcher der Besitzer zugleich ein Zöllner war. Dieser fragte uns, ob wir Fremde oder Einheimische, das heißt Juden, seien.
   03] Und Ich sagte zu ihm: »So du doch selbst ein Jude bist, da wirst du an uns wohl auch gewahren, daß wir keine Fremden sind! Dein Weib ist wohl eine Griechin, obschon sie in jüdischer Kleidung steckt; diese etlichen aber, die bei Mir sind, sind dennoch Juden, wenn deren einige auch in griechischer Kleidung stecken.«
   04] Hier machte der Zöllner große Augen und sagte: »Dich hat noch nie jemand in dieser abgelegenen Gegend gesehen; woher weißt Du es denn, daß mein gar liebes Weib eine Griechin sei?«
   05] Sagte Ich: »Ich weiß noch gar manches von dir und deinem Weibe, von deinen zwei Kindern, die Zwillinge sind, und so auch von deinem Hause und vom ganzen Orte; aber wüßtest du, wer Der ist, der nun mit dir redet, so würdest du sagen: 'Herr, bleibe bei mir, denn der Tag neigt sich!'«
   06] Auf diese Meine Worte stutzte der Zöllner noch mehr und sagte: »Freund! Du bist ein sonderbarer Mensch! Entweder bist du ein Wahrsager oder ein Essäer oder gar ein wirklicher Prophet! Denn sonst könntest du denn doch unmöglich wissen, daß mein Weib eine Griechin ist, und daß wir im Ernste nur zwei Kinder haben, die richtig ein Zwillingspaar sind. Möchtest du mit deinen Gefährten denn nicht in dies mein Haus treten und eine kleine Labung zu dir nehmen? Ich sehe, daß man von dir sicher gar manches erfahren könnte, was einem von großem Nutzen wäre!«
   07] Sagte Ich: »Du hast ja ohnehin Gäste in deinem Hause, und es gibt wenig Raum darinnen. Zudem bin Ich kein besonderer Freund von euren hierortigen Pharisäern, Schriftgelehrten, Priestern und Frömmlern, und so bleibe Ich lieber im Freien.«
   08] Hier staunte der Zöllner noch mehr, da Ich ihm auch angab, welche Gäste sich in seinem Hause befänden. Darauf ging er selbst ins Haus und sagte den darin befindlichen Gästen, daß soeben eine sehr merkwürdige Gesellschaft von Menschen angekommen sei, darunter sich einer befände, der um verborgene Dinge, trotzdem er ein Fremder sei, besser wisse als so mancher Einheimische.
   09] Als der Zöllner solches noch kaum ausgesprochen hatte, da erhoben sich gleich alle im Hause und eilten zu uns heraus, um uns, und besonders Mich, zu besichtigen und auch zu befragen.
   10] Einer, der ein in den Ruhestand versetzter Pharisäer war und sich viel auf seine Ehrlichkeit und Frömmigkeit zugute tat, sagte zu Mir: »Höre, Freund, der Wirt dieser Herberge hat uns gesagt, daß du um verborgene Dinge wissest und auch, als ein hier Fremder, um dieses Ortes und dieser Gegend Verhältnisse besser wissest denn ein Einheimischer! Sage es mir nun, wer ich bin, und wie mein Charakter beschaffen ist!«

  • Lukas.18,09] Er sagte aber zu einigen, die a sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: (a Römer.10,03;  ⇒ jl.ev08.164,11)
       11] Sagte Ich: a »Auf daß du und auch noch etliche deinesgleichen, die sich samt dir für fromm und gerecht halten, es sehen möget, daß Ich euch wohl kenne, so will Ich euch eine kleine Begebenheit aus eurem Leben in aller Kürze erzählen. Weil ihr euch für fromm und gerecht haltet, aber andere Menschen, die ihr nicht so wie euch selbst findet, verachtet, da ziehet ihr denn auch zu den Festen nach Jerusalem, bringet dem Tempel die vorgeschriebenen Opfer und rechtfertiget euch sogestaltig vor den Priestern des Tempels.(a Lukas.18,09; Römer.10,03)

  • Lukas.18,10] a Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. (a ⇒ jl.ev08.164,12)
       12] Am Osterfeste dieses Jahres a zog denn auch ein sich für fromm und gerecht haltender alter Pharisäer und eben auch ein Zöllner hinauf in den Tempel. (aLukas.18,10)

  • Lukas.18,11] a Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. (a 11-12: Jesaja.58,02-03;  ⇒ jl.ev08.164,13a)
       13a] Der Pharisäer, ganz nahe an den Opferaltar hintretend, um von mehreren und vornehmeren Menschen beobachtet und bemerkt zu werden, betete bei sich, und zwar ziemlich laut, also: 'Gott, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie viele andere Leute, als da sind Diebe, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, und wie auch der Zöllner, der mit mir heraufzog! (a Lukas.18,1111-12: Jesaja.58,02-03)

  • Lukas.18,12] a Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. (a Matthäus.23,23;  ⇒ jl.ev08.164,13b)
       13b] Denn a ich faste zweimal in der Woche und gebe selbst als ein Pharisäer den Zehent von allem, was ich habe; so halte ich auch die Gebote Mosis und habe dabei auch allzeit die Satzungen des Tempels in hohen Ehren gehalten. Gib, o Gott, mir die Gnade, daß ich auch hinfort in dieser Gerechtigkeit und Sündenlosigkeit verharre und am Ende auch diese Welt also verlasse!' (a Lukas.18,12; Matthäus.23,23)

  • Lukas.18,13] a Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! (a Psalter.051,03Psalter.051,19;  ⇒ jl.ev08.164,14)
       14] a Der Zöllner aber blieb rückwärts und recht ferne vom Opferaltare stehen und getraute sich nicht, auch nur seine Augen zum Himmel emporzurichten, sondern er schlug an seine Brust und sagte: 'O Herr, sei mir Sünder, der nicht wert ist, seine Augen hinauf zu Deinem Heiligtume zu erheben, gnädig und barmherzig!' (a Lukas.18,13; Psalter.051,03Psalter.051,19)
       15] Wer, meinet ihr denn, verließ den Tempel als wahrhaft vor Gott gerechtfertigt: der Pharisäer, der sich selbst erhöht, oder der Zöllner, der sich vor Gott gedemütigt und erniedrigt hatte?«
       16] Da sagten einige, die es wohl merkten, daß Ich dies Bild auf den alten Pharisäer bezog, weil er wegen seines oftmaligen Selbstrühmens und lobens bei ihnen, die sich auch für fromm und gerecht hielten, sehr bekannt war: »Freund, darüber kann nur Gott urteilen, dessen allsehendes Auge Herz und Nieren des Menschen prüft; wir Menschen können da kein endgültiges Urteil schöpfen! Weil dir als einem Fremden auch diese Geschichte, wie sie sich auch also zugetragen hat, gar so genau und umständlich bekannt ist, so sage du es uns, wer von den zweien den Tempel vor Gott gerechtfertigt verlassen hat!«

  • Lukas.18,14] Ich sage euch: a Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und b wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (a Matthäus.21,31b Lukas.14,11Matthäus.23,12;  ⇒ jl.ev08.164,15-17)
       17] Sagte Ich: »Oh, diesen Gefallen kann Ich euch schon erweisen! a Ich sage es euch: Eben dieser Zöllner ging gerechtfertigt aus dem Tempel, weil er sich selbst erniedrigt und seine Schuld vor Gott im Herzen treu und wahr bekannt hatte, und kehrte also auch vor dem Pharisäer gerechtfertigt in sein Haus zurück. Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt, und b wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden!« (a Lukas.18,14; Matthäus.21,31b Lukas.14,11Matthäus.23,12)


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