Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 160. Kapitel: Jesus über Gottesdienst und wirksames Gebet.

   01] Da wir aber durch den Ort zogen, so bemerkten uns viele und erkannten, daß Ich es war; denn mehrere kannten Mich noch von Meinem vorjährigen Hiersein, und andere erkannten Mich, weil sie Mich in Jerusalem gesehen hatten. Und sie traten zu Mir und baten Mich, daß Ich im Orte verweilen und zum wenigsten eine Nacht bei ihnen verbleiben und auch vielen Kranken helfen möchte. Denn es hätten die vor etlichen Tagen zur Nachtzeit gesehenen Zeichen und der diesnächtlich wahre Feuersturm auf mehrere schwachmütige und sehr furchtsame Menschen derart böse eingewirkt, daß sie nun sehr krank darniederlägen und der Arzt des Ortes ihnen nicht helfen könne, da er das Übel nicht erkenne und somit eine dasselbe heilende Arznei auch nicht.
   02] Da hielt Ich mit dem Gehen inne und sagte zu denen, die Mich aufhielten: »Habt ihr denn nicht gehört, daß Gott allmächtig und barmherzig ist? Warum betet ihr nicht zu Gott und bittet Ihn um Hilfe, so ihr im Elend stecket?«
   03] Sagte einer: »Lieber Meister, du hast da gut reden, weil Gott dir alles gewährt, um was du Ihn in deiner geheimen Weise angehest! Aber wir Menschen können opfern, beten und bitten, soviel wir nur immer können und mögen, so nützet uns das alles nichts; denn Gott achtet unser nicht, obschon wir die Gesetze Mosis noch soviel, als nur immer möglich, treu halten und beachten. Es war aber zu den Zeiten der Propheten auch nahe also: Gott hat nur allzeit die Bitten der auserwählten Propheten erhört; die Laien haben beten und bitten können ihr Leben lang um ein oder das andere, so haben sie dennoch nichts erhalten. Oh, uns wäre es um tausend Male lieber, so Gott allzeit im Notfalle unsere Bitten erhörete, als daß wir als von Gott Unerhörte dann bei den schwachen Menschen, die uns nur selten helfen können, Hilfe suchen müssen! Aber was können und was sollen wir anderes tun, so wir nur zu klar einsehen, daß all unser Beten und Bitten uns keine Abhilfe in unseren großen Nöten verschafft?«
   04] Sagte Ich: »Oh, mit dieser eurer leeren Entschuldigung kommet ihr bei Mir wahrlich nicht an! Euch fehlt es nahe gänzlich am Glauben und wahren lebendigen Vertrauen auf Gott, und darum erhört Gott auch eure Bitten nicht und achtet nicht eurer Opfer. Warum betet und bittet ihr denn nicht selbst glaubens- und vertrauensvoll? Weil euch das zu unbequem vorkommt! Darum haltet ihr in der Gemeinde gewisse vom Tempel aus bevollmächtigte Vorbeter und Fürbitter, und die bezahlet ihr, auf daß sie für euch dies und jenes von Gott erflehen sollen. So ihr diesen Heuchlern euren Glauben und euer Vertrauen schenken könnet, die sich für ihre angebliche Mühe allzeit gut bezahlen lassen, und deren Gebet und Bitten euch noch nie eine Hilfe gebracht haben, - warum schenket ihr euren Glauben und euer volles Vertrauen denn nicht lieber Gott dem Herrn und Vater Selbst?
   05] Ich sage es euch: Daran schuldet eure Trägheit! Ihr als irdisch wohl habende Güterbesitzer seid schon von eurer Kindheit an gewohnt, eure Knechte und Mägde für euch um einen spärlichen Lohn arbeiten zu lassen und dabei gestrenge Herren zu spielen, und glaubet auch, daß die gewissen Vorbeter und Fürbitter auch bei Gott für euch wirksam arbeiten sollen, weil ihr sie darum gut bezahlet. Aber da wendet Gott Sein Antlitz von euch ab und horcht niemals auf das ekelhafte und sinn- und geistlose Lippengeplärr eurer heuchlerischen Gottesdiener. Und darin liegt denn auch der Grund, warum euch Gott nicht helfen kann, will und mag. Denn würde Gott das tun, so würde Er als die höchste, ewige Weisheit, Liebe und Macht euch noch tiefer in das volle Verderben, das euch nur eure zu große Trägheit bereitet, hineinversenken.
   06] Erwecket darum euren Glauben an Gott und die wahre und lebendige Liebe und ein festes Vertrauen zu Ihm! Betet und bittet selbst im Geiste und in der Wahrheit zu Ihm, und Er wird euch dann auch sicher erhören! Betet also selbst ohne Unterlaß, tuet wahre Buße, und ertraget auch die über euch aus gutem Grunde gekommenen Leiden mit Geduld und wahrer Hingebung in den göttlichen Willen, wie ihr das aus der Geduld Hiobs möget kennenlernen, und Gott wird euch helfen aus jeglicher Not, insoweit das nur immer mit dem Heile eurer Seelen verträglich ist!
   07] Ihr habt Mich nun zwar selbst gebeten, daß Ich euch aus euren Nöten befreien möchte, denn ihr haltet Mich für einen Propheten, dem Gott eine große Macht gegeben hat, - und sehet. Ich kann, mag und will euch nun ebensowenig erhören und helfen wie Gott Selbst; denn Ich und Gott, den ihr nicht kennet und an Ihn darum auch nicht glaubet, sind eines Geistes, eines Willens und eines Sinnes! Was ihr nach eurer Bet- und Bittweise bei Gott nie möglich erreichen könnet, das erreichet ihr auch bei Mir nicht! Tut demnach zuvor das, was Ich euch nun angeraten habe, so werde Ich euch auch helfen, wenn Ich heute auch nicht bei euch übernachte! Es sind Mir von euch aber ja mehrere sogar bis nach Kapernaum in Galiläa gefolgt; warum haben sie sich denn dort von Mir wieder entfernt?«
   08] Sagte einer: »Meister! Du hattest alldort in einer Synagoge eine sonderbare Lehre von deinem Fleischessen und Bluttrinken gehalten und hast also herausgebracht, daß niemand das ewige Leben seiner Seele überkommen könne, der da nicht äße deines Leibes Fleisch und nicht tränke dessen Blut. Da befürchteten wir, daß du unsinnig werden würdest, und wir zogen uns aus diesem Grunde denn auch zurück, auf daß wir nicht in den Geruch kämen, Jünger eines irrsinnig gewordenen Propheten zu sein. Als wir dich aber vor etlicher kurzer Zeit nun zu Jerusalem auf dem Feste im Tempel wiedergefunden haben und uns mit unseren Augen und Ohren von neuem überzeugten, daß du ebenso weise und mächtig warst, als wie wir dich schon ehedem hatten kennengelernt, so glaubten wir denn auch wieder an dich, und da du nun durch diesen unseren Ort ziehest und wir dich wohl erkannten, so kamen wir denn nun auch vertrauensvoll zu dir und haben dir unsere Not vorgetragen. Kannst und willst du uns helfen, so werden wir uns nicht undankbar erweisen; kannst und willst du das aber nun aus dem von dir uns dargestellten Grunde nicht, so gedenke unser, wenn du uns dafür tauglich und würdig finden wirst!«
   09] Sagte Ich: »Tuet danach, und die Hilfe wird nicht unterm Wege verbleiben!«
   10] Hierauf winkte Ich den Jüngern, weiterzuziehen, und wir zogen denn auch unaufhaltsam weiter.
   11] Es folgten uns zwar etliche aus dem Orte eine Zeitlang nach; da wir aber schnell vorwärtsschritten, so blieben die, welche uns folgten, bald weit zurück, kehrten dann wieder um und zogen in ihren Ort.


Home  |    Index Band 8  |   Werke Lorbers