Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 142. Kapitel: Raphael über Ursache und Wirkung des Gewitters.

   01] Als sie aber ins Freie kamen, da hielten sie sich eine Weile die Augen und die Ohren zu; denn es führen in einem fort Blitze auf Blitze mit heftigstem Gekrache und Gedonner aus dem schwarzen Gewölke auf die Erde herab.
   02] Da ermahnte sie Raphael, sagend: »Aber so haltet euch doch eure Ohren und Augen nicht zu; denn da werdet ihr von der großartigen Sturmszene wenig sehen und von dem Geheul, das sogar von Jerusalem bis zu diesem Hügel, auf dem wir nun stehen, von Zeit zu Zeit gelangt, nichts vernehmen!«
   03] Endlich faßten die Anwesenden mehr Mut, öffneten Augen und Ohren und konnten nun nicht genug erstaunen über die Heftigkeit des Windes, dem aber Raphael bald gebot, den Hügel zu umgehen, und es ward darum auf dem Hügel auch plötzlich völlig windstill. Also durfte auch kein Blitz in die Nähe des Hügels fahren, sondern mehr in der Ferne von einigen Morgen Ackerlandes; aber da sah es einem wahren Feuerstrome gleich, der sich im weiten Umkreise mit erdröhnendem Getöse und Gekrache aus den Wolken auf die Erde stürzte.
   04] Hier fragte Agrikola, sagend: »Aber sage es uns doch, wie es denn kommt, daß dieses wahre Feuermeer, das in einem fort auf die Erde herabstürzt, doch nirgends, wie man es sieht, Häuser und Bäume und auch ganze Wälder anzündet und in Brand steckt! Ich habe einmal ein ähnliches ganz trockenes Blitz- und Windgewitter in Hispania auch ungefähr um diese Zeit herum erlebt. Aber dort hat es große und wahrhaft erschreckliche Verheerungen angerichtet; doch hier sieht man wenig oder eigentlich gar nichts von einem besonderen Brande. - Wie kann man sich das erklären?«
   05] Sagte Raphael: »Das werdet ihr euch dann schon ganz leicht erklären, so nun bald der ganze Sturm verstummen wird. Das beständige, gar helle Licht der Blitze läßt das matte Leuchten von manchem Brande nun nicht merklich werden; aber wenn die Blitze mehr und mehr aufhören werden, dann werdet ihr schon auch mehrere starke Brände bemerken, und das besonders über der Gegend um Jerusalem. Aber daran liegt eben auch nicht viel, und wo ihr einen Brand merken werdet, da werdet darum nicht ängstlich; denn wo es zugelassen ward, daß ein Blitz ein Haus oder eine Hütte anzündet, oder auch eine Ortschaft oder den dürren Wald irgendeines Geizhalses, der sein Holz lieber verfaulen ließ, als daß er einen Armen auch nur einige dürre Reiser zu seinem Gebrauche nehmen ließ, da geschieht der guten Menschheit wahrlich kein Schaden! Und so steht es mit den Hütten, Häusern und Ortschaften; kurz und gut: Alles, was ihr nun sehet und später noch sehen werdet, geschieht nicht zum Schaden, sondern nur zum großen Nutzen der Menschen, was ihr später noch klarer fassen werdet.
   06] Nun aber ist die Zeit auch schon da, in der dies Gewitter aufzuhören hat; und so will ich aus dem Willen Gottes des Herrn in mir, daß die Gewitter sich legen, - und sehet, das Blitzen hat aufgehört und der Wind hat sich gelegt! Aber jetzt sehet rings umher, und ihr werdet so manches ersehen, das eure Aufmerksamkeit erregen wird!«
   07] Hier sahen sich die Anwesenden nach allen Richtungen um und zählten in allem etliche zwanzig Brände, darunter einen Waldbrand, der sich ganz besonders verheerend zeigte; er wütete in einem großen Bergwald hinter Emmaus und gehörte einem Jerusalemer Geizhalse, der noch nie einem Armen ein dürres Reis zum Geschenke gemacht hatte. Das wußten die Anwesenden und lobten den Herrn, daß Er einmal den argen Geizhals mit der Zuchtrute ereilt hatte. Es war aber auch südöstlich von Jerusalem ein starker Brand zu sehen, und Lazarus fragte den Raphael, wen wohl jener Brand am meisten treffe und schädige.
   08] Sagte Raphael: »Das ist eine Ortschaft, die zum größten Teile eben dem Geizhalse gehört, dem der brennende Wald gehört. Er hat aber alles um ein kaum erschwingbares Geld an arme Pächter hintangegeben. Diese sind denn, um ihren Pachtherrn zu befriedigen, auch genötigt, ihre Nachbarn zu betrügen, und lassen mit ihren Töchtern um Geld und allerlei andere Geschenke allerlei Hurerei treiben, wodurch jene Ortschaft zu einem wahren Sodom herabgesunken ist, und das in dem kurzen Zeitraume von kaum zwanzig Jahren, und das alles infolge des Gebarens eines reichen Geizhalses. Daß solch eine Ortschaft denn doch auch einmal eine Züchtigung überkommt, das wird von euch wohl sicher niemand für unbillig finden?«
   09] Sagte Lazarus: »Was der Herr tut, ist wohlgetan! Jenem Geizhalse, den ich nur zu gut kenne, habe ich selbst schon mehrere Male eine rechte Strafe für seine himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die er zumeist an armen Menschen begangen hat, über den Hals gewünscht, und nun ist über sein frevelhaftes Treiben auch dem Herrn einmal Seine große Geduld ausgegangen, - und darum Ihm allein alles Lob! In jener Ortschaft gibt es freilich wohl auch noch etliche wenige, die ihre Knie vor Gog und Magog noch nicht gebeugt haben, - aber die wird der Herr auch sicher beschirmen!«
   10] Sagte Raphael: »Das kannst du dir wohl vorstellen, und sie werden nach dem Brande bald besser stehen, als sie je zuvor gestanden sind.«
   11] Weiter südlich war auch eine starke Feuerröte ersichtlich, und der Wirt bei Bethlehem sagte, den Raphael fragend: »O du alles wissender Freund, was wird wohl dort durchs Feuer zerstört? Bethlehem etwa doch nicht?«
   12] Sagte Raphael: »O nein, es ist ein Dorf der Griechen und der Sadduzäer, die mit den Schweinen einen betrügerischen Handel treiben und dabei die Menschen von Gott ganz abwegig machen durch ihre Beredsamkeit! Und da sie diese Sache nun zu bunt zu treiben angefangen haben, um die Ausbreitung der Lehre des Herrn zu hindern und sie bei den Weltmenschen möglichst zu verdächtigen, so hat ihnen nun auch der Herr bei dieser Gelegenheit einen Riegel vorgeschoben. Sie werden nun auf Jahre lang zu tun haben, um sich wieder aus dem Unglück zu erheben, und werden nun nicht Zeit haben, daran zu denken, wie sie die Ausbreitung der Lehre des Herrn behindern möchten. Sieh, mein Freund, so stehen die Sachen nun dort, und ich meine, daß denn auch jenen gottesleugnerischen Wucherern kein Unrecht geschieht!«
   13] Sagte der Wirt: »Oh, sicher nicht, und dem Herrn nun wieder alles Lob darum, daß Er über jene mir wohlbekannten Gottesleugner ein solches Ungemach hat kommen lassen, - denn die haben das auch schon lange verdient; und so werden auch die andern kleinen Brände, die wir von hier aus ersehen, nicht ohne Zulassung vom Herrn entstanden sein!«
   14] Sagte Raphael: »Allerdings; darum ängstiget euch nicht! Seht aber nun die Äste der Bäume und das Gras auf der Erde an!«
   15] Alle besahen nun die Äste der Bäume und das Gras, und alles glänzte wie faules Holz in einem Walde; auch die Haare auf den Häuptern schimmerten stark. Da ward es den Anwesenden unheimlich zumute, und sie fingen an zu fragen, was das sei.
   16] Raphael aber sagte: »Nun gehen wir wieder ins Haus, und ich werde euch im Saale den Grund dieser Erscheinung erklären!«
   17] Darauf begaben sich alle wieder ins Haus.
   18] Als die mit dem Raphael Hinausgegangenen und nun wieder in den Saal Zurückgekehrten ihre Plätze wieder eingenommen hatten, da fragte der Hauptmann alsbald den Raphael, was das Leuchten der Bäume, des Grases und sogar der Menschenhaare denn doch bedeuten möge dem wahren Grunde nach.
   19] Und Raphael, der auch seinen alten Platz eingenommen hatte, sagte: »Liebe Freunde, es wäre für dieser Sache Erklärung zwar morgen auch noch Zeit, aber da ihr denn schon gar so wißbegierig seid, so kann ich euch das denn auch jetzt erklären! Doch ich sage es euch, daß daran nicht gar so viel liegt, wie ihr es euch nun der Erscheinlichkeit nach vorstellt, und es hängt von dem völlig richtigen Erkennen dieser und anderer ähnlicher Erscheinungen das Heil der Seele nicht ab; aber weil sich aus Unkenntnis von derlei Erscheinungen leicht allerlei finsterer Aberglaube gestaltet, so bin ich denn doch gewisserart genötigt, euch auch diese Erscheinung vom rechten Standpunkte aus begreiflich zu machen.
   20] Bevor ihr aber diese Erscheinung erstens nur vom natürlichen Standpunkte aus verstehen könnet, ist es notwendig, euch zuvor die Sache des Blitzes begreiflich zu machen, auf daß besonders ihr Römer nicht noch neben der Lehre des Herrn an den fabelhaften Blitzefabrikanten Vulkan und an dessen Ausspender Jupiter denket. Und so habet denn wohl acht darauf, was ich euch nun zeigen und erklären werde!«


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