Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 131. Kapitel: Die Frage nach der Persönlichkeit Raphaels.

   01] Als der Hauptmann solches von Mir vernommen hatte, da wandte er sich sogleich an den vermeinten Jüngling und sagte zu ihm: »Höre, du mein junger und überholder Freund! Wie kommt es denn, daß du nun in deiner Jugend im Essen und Trinken geradezu mit Riesen dich messen könntest, und daß es dir nicht schadet?«
   02] Sagte Raphael: »Ich bin aber meiner Kraft nach auch ein Riese, wenn ich der Gestalt nach es auch nicht zu sein scheine! So du es willst, da kann ich dir sogleich ein Pröbchen liefern?«
   03] Sagte der Hauptmann: »Wenn dir so etwas möglich ist, so zeige mir etwas von deiner Riesenkraft!«
   04] Sagte darauf Raphael: »Ganz wohl! Sieh, dort an der Wand zwischen den beiden großen Fenstern steht eine eherne Säule, die dazu dient, daß man in den Festzeiten sie als einen Opferaltar gebraucht; denn sie ist ein Hausopferaltar, und es wurden in den früheren Zeiten viele Opfer darauf verbrannt. Nun ist diese nahe mannshohe Säule freilich nur eine pure Zierde dieses Speisesaales. Für wie schwer schätzest du diese Säule, die nebst ihrer Höhe auch einen sehr beachtenswerten Umfang hat?«
   05] Sagte der Hauptmann, indem er zuvor aufstand und die Säule wohl prüfte und besichtigte: »Ja, du mein liebster junger Freund, dieser Säule Gewicht ist kaum zu schätzen; ich meine, daß darüber uns der Hausherr Lazarus etwas Näheres sagen könnte.«
   06] Hierauf sagte Lazarus: »Diese Säule ist auf zwanzigtausend Pfunde, (Das morgenländische Pfund ist nicht gleich unserem heutigen deutschen Pfund.) geschätzt und wurde aus Korinth schon vor zweihundert Jahren mit großer Mühe und vielen Kosten hierhergeschafft.«
   07] Sagte der Hauptmann: »Ja, für so schwer hätte ich sie auch mindestens geschätzt! Und was wirst du, mein holdester junger Freund, nun mit dieser ungeheuer schweren Säule machen?«
   08] Sagte Raphael: »Ich werde sie aufheben und ganz ruhig und ohne alle Anstrengung hinstellen, wo immer du sie hingestellt haben willst!«
   09] Sagte der Hauptmann: »Du hast es gesagt und willst auch solches tun, und so versuche solche deine Riesenkraft an dieser Säule, und stelle sie um ein Fenster weiter!«
   10] Als der Hauptmann solches ausgesprochen hatte, da stand Raphael auf, ging zur Säule hin, griff sie mit beiden Händen an, hob sie schnell mit so großer Leichtigkeit in die Höhe, als hätte er es mit einer Federflaume zu tun und stellte sie mit gleicher Leichtigkeit auf die angezeigte Stelle, ließ sie dort einige Augenblicke stehen und setzte sie auf des Lazarus Bitte wieder an die alte Stelle zurück.
   11] Als er mit dieser Kraftprobe fertig war, da sagte er, freundlich lächelnd, zum über alle Maßen erstaunten Hauptmanne (Raphael): »Nun, mein Freund, wirst du doch einsehen, warum ich etwas mehr esse als ein anderer Mensch?!«
   12] Sagte der Hauptmann: »Mein holder junger Freund, wenn deine Riesenkraft von dem abhinge, daß du ungefähr viermal soviel Speise verzehrst wie unsereins, dann könntest du mit dem Gewichte dieser Säule noch lange nicht so spielen, als hättest du es mit der Last einer kleinen Feder zu tun; denn da müßtest du wohl auch für hundert Menschen essen können, weil nach meinem Urteile da wohl eine Kraft von hundert Menschen erforderlich wäre, um dir gleich Meister von dieser Säule zu werden. Deine Riesenkraft scheint demnach einen ganz andern Grund zu haben! Und ich werde mich wahrscheinlich nicht zu weit irren, so ich sage, daß hinter deiner noch nie erhörten Riesenkraft dieser Meister aller Meister, ein wahrer Gott aller Götter steckt! - Was sagst du nun zu solcher meiner Meinung?«
   13] Sagte Raphael: »Ja, ja, da hast du wohl recht geantwortet; aber dieser Meister steckt auch hinter einem jeden Menschen und hinter gar allem, was da ist, und so auch hinter dir, und du kannst diese Säule dennoch nicht von der Stelle schaffen! Wie verstehst du demnach solches?«
   14] Sagte der Hauptmann: »Das ist nach meiner Beurteilung ganz leicht zu verstehen! Wem Er mehr Kraft in einem oder im andern geben will, entweder für immer oder auch nur für einen Moment, der hat sie denn auch; mir und auch gar vielen andern Menschen aber hat Er nur so viel Kraft gegeben, wie mir als einem gewöhnlichen Menschen nötig ist.
   15] Nun, warum Er gerade dich mit einer so außerordentlichen Kraft ausgerüstet hat, das ist eine ganz andere Frage, die außer Ihm und sicher auch dir niemand wird beantworten können!«
   16] Sagte darauf Raphael: »Da hast du im Grunde auch recht, obwohl es hier außer dir, deinen Gefährten und dem Wirt aus der Gegend um Bethlehem wohl keinen Menschen geben wird, der es nicht wüßte, mit wem er es in meiner Person zu tun hat. Ich aber habe vernommen, daß du unten beim Talwirte dahin eine ganz energische Rede an den Herrn und Meister gehalten hast, daß Gott Sich um die Bildung der Menschen gar wenig kümmere und die Menschen am Ende um alles innere Lebenslicht kommen müßten. Du verlangtest dabei auch, daß die Seelen der leiblich Verstorbenen sich den noch hier Lebenden zeigen sollten, auf daß diese daraus ersehen und lebendig glauben könnten, daß es nach dem Leibestode ein Fortleben der Seele gibt, und wie allenfalls dasselbe geartet ist.
   17] Der Herr hat dich darüber wohl belehrt, und du hast die Belehrung auch verstanden, obschon du selbst noch nie eine schon abgeschiedene Seele gesehen hast. Der Herr hätte dir wohl schon beim Talwirte die Augen dahin öffnen können, daß du sogleich mit den Seelen der Verstorbenen hättest in einen sichtbaren Verkehr treten können; aber Seiner Weisheit gefiel es, dir erst hier das zu zeigen, was dir zu einem lebendigen Glauben noch abgeht. Und dieses Geschäft hat der Herr in meine Hände gelegt, und ich habe mich denn auch schon beim Essen also benommen, daß ich dir auffallen mußte. Ich kann dir nebst meiner Kraftprobe nun schon auch noch andere Proben geben, so du sie verlangst!«
   18] Hier sann der Hauptmann nach, um was er nun den Raphael angehen solle.
   19] Es meldeten sich aber auch die etlichen Johannesjünger und sagten zu Raphael: »Höre, du junger Simson, du hast nur wenige bezeichnet, die dich nicht kenneten; wir kennen dich aber auch nicht! Offenbare dich denn auch uns; denn wir sind über das Fortleben der Seelen nach dem Leibestode auch noch in keinem hellen Glauben!
   20] Als Johannes im Gefängnis enthauptet wurde, da überkam uns eine große Angst und Trauer, und wir sehnten uns sehr, daß sein Geist zu uns käme und uns eine Weisung gäbe, was wir nun Weiteres unternehmen sollten. Aber unser Sehnen blieb bis zur Stunde unerfüllt, und wir kamen so unter uns schon mehrere Male zu der Annahme der Sadduzäer, die an ein Fortleben der Seele nach des Leibes Tod nicht glauben.
   21] Wir urteilten also: So die Seele besonders eines so frommen Lehrers fortlebt und somit auch fühlt und denkt, so kann es ihr doch auch im Jenseits nicht gleichgültig sein, was ihre noch hier lebenden Jünger machen, und wie sie sich in einem trostlosen Zustande befinden! So diese Jünger aber nun schon oft mit Tränen den Geist des Getöteten baten, daß er ihnen erscheinen möchte und sie doch nur insoweit vertrösten, daß er nach dem Tode in der Welt der Geister glücklich fortlebe, er aber alle die dringenden Bitten unerhört läßt, was anders läßt sich dann denken als: Der Glaube an das Fortleben der Seele nach des Leibes Tode ist nichts denn ein allgemein gedachter und ausgesprochener frommer Wunsch, aber keine je völlig erweisbare Wahrheit!
   22] Diese Annahme aber ist wahrlich für jene Menschen, die etwas tiefer denken, als das bei den gewöhnlichen, leichtfertigen, leichtgläubigen und sich um nichts Höheres kümmernden Menschen der Fall ist, durchaus nichts Tröstliches, und das um so weniger, weil die meisten Menschen am Ende den sie vernichtenden Tod mit den oft größten Leiden und unerträglichsten Schmerzen sich erkaufen müssen. Du, junger Simson, wirst daraus wohl ersehen, daß auch wir allen Grund haben, dich näher kennenzulernen!«
   23] Sagte Raphael: »Dieser Meinung bin ich zwar auch, aber es wird mit euch etwas schwer zu verhandeln sein, weil eben der Glaube als das Lebenslicht der Seele bei euch noch nie auf den stärksten Füßen gestanden ist! Es hat euch aber ja schon ein Jünger des Herrn über mich etwas in die Ohren geraunt, darum ich euch denn auch nicht völlig unter diese zählen konnte, die über mich gar nichts wüßten! Aber ihr sagtet: "Ach, höre auf mit solcher Rede! Wie kann das sein, und wer kann so etwas glauben?!" Ja, Freunde, wenn ihr dem Jünger, der mich gar gut kennt, nicht glaubet, wie werdet ihr dann mir glauben? Würdet ihr da in euch nicht auch sagen: "Ah, da hört alles auf! Der junge Magier versteht sich wohl schon sehr darauf, durch allerlei Zauberei unseren Verstand breitzuschlagen!" Was werde ich euch darauf dann weiter tun können, um euch im Glauben zu stärken?«
   24] Sagte einer der Jünger: »Darum, junger Simson, kümmere dich nicht; denn so viel Urteilsgabe besitzen wir schon, um die Wahrheit von etwas Falschem sondern zu können, ansonst wir nie Jünger eines Johannes geworden wären!«
   25] Sagte Raphael: »Nun wohl denn, so sehet und höret auch ihr!«


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