Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 126. Kapitel: Der römische Hauptmann von Bethlehem kommt zu Jesus.

   01] Als aber nun diese Sache geordnet war, da kam auch der Hauptmann aus Bethlehem, den wir in der Herberge verlassen hatten, mit noch etlichen Gefährten uns zu Pferde nach; denn er wollte Mich noch einmal sehen und hören und hatte auch mit den Römern noch manches zu besprechen.
   02] Als er draußen die Pferde den Knechten übergeben hatte, da kam er sogleich zu uns ins große Zimmer und sagte zu Mir (der Hauptmann): »O Du großer Herr und Meister! Als ihr die Herberge verlassen hattet, bin ich erst wie aus einem Traume erwacht und wollte mich erst so ganz Dir anempfehlen, aber da waret ihr schon über Berg und Tal. Mich aber ergriff darauf eine übermächtige Sehnsucht. Dich noch einmal zu sehen, zu sprechen und zu hören. Ich ließ mir denn auch alsobald die besten Reitpferde von Bethlehem bringen und ritt mit diesen meinen Gefährten hierher im schnellen Trabe und vernahm draußen von den Leuten dieses Hauses, daß Du hier eine kleine Rast genommen hast. Da hüpfte mir vor Freude das Herz im Leibe, ich sprang samt meinen Gefährten eiligst vom Pferde und eilte herein und bin nun da, um Dich zu begrüßen und Dir von ganzem Herzen zu danken für die endlos große Gnade, die ich von Dir zum Heile auch meiner Heidenseele empfangen habe. Nimm daher, o Herr und Meister, auch gnädig solchen meinen Dank an!«
   03] Sagte Ich: »Freund, solcher Heiden mehr, wie du einer bist, so wird es bald licht und helle unter den Menschen auf dieser Erde werden! Aber leider gibt es solche Menschen und Heiden nur wenige, und so steht trotz Meiner Darniederkunft dem Menschen im allgemeinen eine lange andauernde geistige Nacht bevor, in der noch viele Kriege pro und contra geführt werden, aber es wird dabei der wahre Sieg der ewigen Wahrheit über die Nacht alles Falschen und Bösen ein unentschiedener verbleiben.«
   04] Sagte der Hauptmann: »Herr und Meister! In der großen Herberge bei Bethlehem hat es Dich nur eines Wortes und Willens gekostet, und zwei von allen Ärzten für unheilbar erklärte Kranke wurden gesund. Weil Dir das möglich war, so wäre es Dir ja auch ebenso leicht möglich zu sagen: »Höret, ihr finsteren Seelen! Ich will, daß es in euch licht werde!«, und siehe, es würde durch ein solches Machtwort, von Dir mit Willen ausgesprochen, sicher auf der ganzen Erde auch nicht mehr einen finsteren und bösen Menschen geben!«
   05] Sagte Ich: »Da hast du einesteils wohl ganz recht; aber Ich, der Ich es wohl am besten kenne, wie der ganze Mensch beschaffen ist und auch also beschaffen sein muß, um ein Mensch und kein Menschtier zu sein, sage dir da, daß der Mensch nur dem Leibe nach eine gar kunstvoll und weise eingerichtete Maschine ist, deren Gesundheit, Erhaltung und Gebrauchsfähigkeit nicht von der Freiheit des menschlichen Willens abhängt, sondern allein von Dem, der sie geschaffen und gebaut hat. Wenn denn der Maschine etwas fehlt, da kann der Meister derselben auch leicht durch Seinen allmächtigen Willen helfen, ohne dadurch der Erkenntnis-, Glaubens- und Willensfreiheit des Menschen nur im geringsten schädlich zu werden; so Ich es aber auch mit jemandes Seele und Geist so täte, so wäre ihre (der Seele) eigene Lebenskraft, die da besteht in ihrer freien Liebe, in dem ebenso freien Denken, Forschen und Erkennen, im Glauben und im freien Wollen, so gut wie gebrochen und zerstört und mit ihr denn auch alle individuelle Selbständigkeit. Was hätte dann eine solche Seele, was am Ende Ich Selbst davon?
   06] Die Seele des Menschen muß daher durch einen guten Unterricht und dann durch ihr eigenes Forschen, Prüfen, Erkennen, Glauben und Wollen ins innere, lebendige Licht ihres aus Gott ihr innewohnenden Geistes gelangen, dann ist ihr für ewig wahrhaft geholfen; jede andere Gewalt, ihr nach deiner Idee zu helfen, würde nur zerstörend und nie heilend auf ihre Lebenselemente einwirken.
   07] Und siehe, darum denn nehme Ich auch Jünger an und lehre Selbst also, wie da lehret ein recht weiser Vater seine Kinder, was sie zu glauben, zu kennen und dann zu tun haben; denn würde Ich sie mit Gewalt auf einen Schlag mit Meinem Geiste erfüllen, so wäre es mit ihrer eigenen Selbständigkeit, mit ihrem eigenen Suchen, Forschen, Prüfen, Erkennen, Glauben und Wollen aus, aber auch aus mit ihrem individuellen Leben und mit dessen Freiheit.
   08] So Ich sie aber nun lehre, die volle Wahrheit zu erkennen und danach selbständig zu handeln, so ist dadurch ihrer Seelen vollste Freiheit nicht im geringsten gehemmt, und was sie sich nach Meiner Lehre ehest werden errungen und erkämpft haben, das wird dann ihr Werk und auch ihr volles Eigentum sein.
   09] Und siehe, das ist denn auch also nach der ewigen Ordnung der Wille Gottes für die wahre und allein wahrhaft nützliche Lebensbildung der Menschen auf dieser Erde, und nur auf diese Art und Weise kann eine Seele zum wahren, ewigen Leben gelangen und am Ende gottähnlich zur Selbstschöpferin ihres Lebens und ihres Himmels werden!
   10] Aus diesem dir nun dargetanen Grunde ist es Mir wohl ein leichtes, eines Menschen kranken Leib, aber nicht auch damit eine kranke und finstere Seele zu heilen. Ich heile aber wohl auch die Seelen, aber nur durch Meine Lehre, wenn sie dieselbe gläubig annehmen und dann danach wollen und handeln. Wer aber das will, der hat eben in solchem festen Willen schon ohnehin Meinen Geist sich angeeignet und in ihm eine hinreichende Lebenshilfskraft in sich, die er dann mit allem Recht sein nennen kann, wenn er auch einsieht, daß das dennoch nur Meine Kraft in ihm ist und handelt und waltet.
   11] Wer daher Gelegenheit hat, zu erteilen den Menschen Meine Lehre und Meinen Willen, der wird als ein treuer Arbeiter in Meinem Menschenlebensweinberge auch seinen Lohn in Meinem Reiche überkommen. - Hast du das nun wohl aufgefaßt und begriffen?«


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