Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 114. Kapitel: Klagen über König Herodes.

   01] Auf das erst begab sich der Hauptmann voller Demut zu Agrikola, grüßte ihn und bat ihn, daß er kundtäte seinen hohen und mächtigen Willen.
   02] Agrikola sah ihn sehr ernst an und sagte: »Ihr von uns mit aller rechtlichen Macht begabten Hauptleute machet davon, wie Ich leider nun bei meiner Bereisung Palästinas mehrere Erfahrungen davon gemacht habe, einen sehr bedeutenden und ärgerlichen Mißbrauch! Heute habe ich einen solchen von dir in eine mir höchst mißliebige Erfahrung gebracht. Wie wirst du dich nun rechtfertigen vor mir? Denn du bist angeklagt von den Soldaten und faktisch von diesem ehrlichen und braven Bürger. Ich weiß um deine ganze Schuld so gut wie du selbst und brauche sie dir nicht vorzutragen; daher rede du nun und rechtfertige dich!«.
   03] Sagte der Hauptmann: »Mächtiger Gewaltträger des Kaisers und der weisen Gesetze Roms oberster Ausfolger und Bestimmer! Rechtfertigen kann ich mich vor dir nicht, obschon ich streng genommen dem Inhalte der in Rom mir erteilten Vollmacht gerade nicht dawidergehandelt habe; aber aus Menschlichkeitsrücksichten hätte ich freilich auch anders handeln können, weil mir es freisteht, auch milde zu sein, so ich es für gut finde. Hier war zwar kein Grund vorhanden, die Soldaten mit etwas zu vielen Freiheiten in eine andere Provinz ziehen zu lassen, aber ich wollte eine kleine Ersparung machen und habe ihnen die Zehrpfennige vorenthalten, dafür aber ihnen erlaubt, sich für den notwendigen Mundbedarf mäßig auf dem Wege bei den großen Herbergen schadlos zu halten. Und darin besteht für hier meine Hauptschuld, die ich völlig, und das zehnfach, gutmachen will.
   04] Das aber, daß die Soldaten samt den wohlinstruierten Führern schon von hier von der ihnen nur mäßigst erteilten Freiheit einen groben Mißbrauch zu machen sich getrauten, habe ich nicht erwarten und voraus sehen können, indem sie sich nun schon drei volle Jahre hindurch in Bethlehem stets so betragen haben, daß noch keine Klage über sie von jemandem geführt wurde. Zudem waren sie an geschäftslosen Tagen abwechselnd schon oft hier, haben gezehrt und gezahlt, was der Wirt wohl wissen wird. Daß sie aber nun bei ihrem Abzuge sich auf eine solche Weise schon hier benommen haben, als wären sie in einem Feindeslande, dafür kann ich wahrlich nicht; denn dazu habe ich ihnen keine Instruktion gegeben.
   05] Da ich aber dennoch die Schuld trage, daß von den Soldaten hier solch eine Ungebührlichkeit begangen wurde, so will ich auch, wie schon gesagt, jeden Schaden zehnfach gutmachen. Ich habe geredet.«
   06] Sagte darauf Agrikola: »Das ist nun nicht mehr als recht und billig; aber sollte in der Folge noch einmal so etwas vorkommen, und ich erfahre das in Rom, dann wird mein Richterspruch ganz anders lauten! Denn so weit erstrecken sich die euch von uns im Namen des Kaisers erteilten Vollmachten nicht, daß ihr ganz nach eurer Willkür den Soldaten das ihnen Gebührende vorenthalten und es für euch behalten dürftet. Nur in dringenden Fällen, wo sich etwa in einem Lande Unruhen und Aufstände zeigen, wäre allenfalls solch ein Mittel in Anwendung zu bringen, damit die Krieger den Aufständischen fürchterlicher und rücksichtsloser begegnen mögen. Doch ist selbst da so lange eine weise Mäßigung der zu großen Strenge stets vorzuziehen, als es nur immer möglich ist; denn ein zu geplagtes Volk wird zu einer Regierung nie eine Liebe und Anhänglichkeit an den Tag legen. Das geheime Zornfeuer wird in ihm fortglühen; sowie es einmal von irgendwoher Luft bekommen wird, wird es in alles verheerende Flammen ausbrechen, denen dann schwer ein Schutzdamm wird gesetzt werden können. Das hast du nun als allzeit gültige Instruktion für deine fernere Amtswaltung strenge zu beachten.
   07] Nun aber kommt es auf den Wirt an, daß er treu und wahr ansage, wieviel die Soldaten bei ihm verzehrt haben, und wieviel er für die Mißhandlung seiner selbst, seines Weibes und besonders seiner Kinder beansprucht. Und am Ende hast du dem Lazarus, einem getreuen Wirte von Bethanien, der hier zu meiner Rechten sich befindet, heute noch die Zehrpfennige für die Soldaten zu bezahlen. - Nun rede du Wirt dieser Herberge!«
   08] Sagte der Wirt: »Höre, du hoher Gebieter! Mir ist durch diesen weisesten und wundermächtigsten Heiland eine unschätzbar große Wohltat zuteil geworden, und ich stehe mit meinem Vermögen, Gott dem Herrn alles Lob, noch so als ein Bürger da, daß ich den mir von den Soldaten zugefügten Schaden ganz leicht ertragen kann, und mache darum auf gar keine Entschädigung irgendeinen Anspruch. Will aber der sonst mir stets freundliche Hauptmann und Gebieter über Bethlehem und diese ganze Gegend den Armen eine Wohltat erweiset, so stehe das bei ihm und seinem freien Willen! Was aber deine und des Lazarus Sachen sind, da habe ich nichts zu reden.«
   09] Sagte Agrikola, ganz gerührt von dem Edelmut des Wirtes: »Wahrlich, solch ein Edelmut ist mir wohl nur äußerst selten vorgekommen, und der Hauptmann wird ihn auch zu würdigen verstehen!«
   10] Sagte der Hauptmann: »Ja, bei allen Mächten der Himmel, das werde ich auch! Nicht nur zehnfach, sondern tausendfach werde ich solch einen Edelmut mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu belohnen nimmerdar unterlassen. Was aber das betrifft, was ich an den Lazarus zu bezahlen habe, so wird das Geld binnen einer Stunde hergeschafft werden; meinen Geheimschreiber und Säckelmeister will ich sogleich darum entsenden. Aber dann erlaubet mir, daß ich als ein nun bekehrter Sünder in eurer Gesellschaft verweilen darf; denn auch ich möchte den wundersamen Heiland näher kennen lernen und ihm auch den Dank dafür abstatten, daß er schon zum voraus diesem edlen Wirt das vergütet hat, was ich ihm zu vergüten gehabt hätte!«
   11] Sagte Agrikola: »Du magst schon bleiben als nun unser Freund, und die nähere Bekanntschaft mit unserem größten Heilsmanne wird dir von größtem Nutzen sein, und du wirst Ihm bald noch mehr zu verdanken bekommen, als was du Ihm nun zu verdanken hast. Siehe aber nun, mit Lazarus in Ordnung zu kommen; denn ich habe auf dem Wege den Führern der Soldaten die Weisung mit seiner Einwilligung gegeben, sich dort mäßig auf deine Kosten verpflegen und sich auch die von dir ihnen vorenthaltenen Zehrpfennige ausbezahlen zu lassen!«
   12] Sagte nun Lazarus: »Nun lasset auch mich ein Wort reden! Da dieser Hauptmann nun gar so edelsinnig geworden ist und mir vor zehn Jahren auch eine entschieden große Freundschaft erwiesen hat bei meinen Besitzungen, die sich in dieser Umgebung befinden, so mache auch ich es unserem edlen Wirte nach, und der freundliche Hauptmann ist denn auch mir nichts mehr schuldig! Er möge dafür den Armen und Bedrängten stets ihr Recht beschützen und sie schirmen vor des Herodes Übergriffen und großen Willkürlichkeiten; denn in dieser Gegend macht er sich noch breiter denn in Jerusalem.«
   13] Sagte hier abermals der Wirt: »Ja, Herodes ist unsere größte Plage! Wir würden mit einer noch größeren Liebe an dem Kaiser hängen, als das nun der Fall ist, wenn er uns, was sicher ganz leicht ginge, nur von dieser Plage befreien möchte. Wir wissen wohl, daß Herodes als ein Lehensfürst nach Rom einen großen Tribut bezahlt; aber dafür entschädigt er sich zehnfach durch überstarke Steuererpressungen und schont niemanden. Wenn seine Steuererpresser kommen, da heißt es gutwillig zahlen, was und wieviel sie verlangen. Da wird keine Frist gegeben, sondern da heißt es: Zahlen! Wer das Geld nicht hat, dem wird alles genommen, Vieh und Getreide, und reicht das nicht aus, auch Weib und Kinder. Wenn der so um alles beraubte Mann dann die verlangten Steuern bis zu einem gesetzten Termin nicht bezahlen kann, so werden sein Vieh, Getreide, und Weib und Kinder auf offenen Märkten verkauft. Ja, das ist denn doch etwas Entsetzliches! Da kann man sich bei den römischen Gerichten beschweren, wie man will, so findet man keinen Schutz, und das ist denn doch ein himmelschreiendes Unrecht!
   14] So wir dem Kaiser den jährlichen Zinsgroschen zahlen, so tun wir das gerne - denn erstens ist das nicht viel, und zweitens wissen wir, warum wir den kleinen Zins bezahlen; denn der Kaiser gibt uns dafür weise Gesetze und sorgt durch seine Gerichte und durch seine Soldaten für die Aufrechterhaltung der guten Ordnung im Lande; Herodes aber fordert das Zehnfache, ja oft sogar das Hundertfache als purer von Rom aus begünstigter Lehensfürst und tut und gibt uns nichts dafür. Wir haben freilich vom Kaiser aus das Recht, uns von Herodes loszukaufen; aber es ist das mit vielen Umständen und Kosten verbunden. Wir Reichen dieser Gegend und auch anderorts haben das auch getan und befinden uns nun ganz wohl dabei; aber die ärmeren Besitzer, die das nicht können und sich vor den Drohungen der Priester, die es mit dem Herodes halten, fürchten, sind desto elender daran, weil dieser wahre Tyrann, obschon er das Lösegeld bekommt, dann bei den andern die Steuern derart erhöht, daß sie auch für die Losgekauften das bezahlen müssen, was wir ehedem bezahlt haben.
   15] So habe zum Beispiel ich an den Herodes jährlich hundert Groschen mindestens zu zahlen gehabt. Als ich mich aber schon vor zehn Jahren um tausend Silbergroschen losgekauft habe, so war Herodes ja ohnehin ganz entschädigt, da er die tausend Groschen zu zehn von hundert in die Wechselbude legte. Aber das genügte dem großen Schwelger nicht; er legte die von mir nicht mehr zu bekommenden hundert Groschen auf zwanzig andere ihm pflichtige Untertanen, so daß ein jeder nun um fünf Groschen mehr zahlen muß denn zuvor. Und beschweren sich diese bei den Römern, so finden sie nur selten einen Schutz, sondern man rät ihnen auch den Loskauf. Ja, das wäre schon alles recht, wenn die am meisten Bedrängten nur die Mittel dazu hätten! Und dann ist es bei dem Sichloskaufen in Hinsicht auf das willkürliche und unbeschränkte Gebaren des Herodes auch wahrlich eine wahre Gewissenssache und ein Verstoß gegen die Nächstenliebe; denn ich habe mir mein Los wohl verbessert, aber dafür das von zehn und zwanzig andern verschlimmert.
   16] Ihr hohen und weisen Gewaltträger des Kaisers, ich habe euch nun die Sache so dargestellt, wie sie ist; seid darum bedacht, daß endlich einmal diesem großen Übel Einhalt getan werde! Jeder würde darum dem Kaiser gerne den zehnfachen Zins bezahlen, so er nur von der Herodesplage befreit wäre, und der Kaiser würde dabei sicher mehr denn um die Hälfte mehr erhalten, als was der Herodes an ihn bezahlt; denn wir wissen es ja, wieviel Herodes zu zahlen hat, und das macht nicht den hundertsten Teil von dem aus, was die Untertanen an den Herodes zahlen müssen.«
   17] Sagte Agrikola: »Ja, ich sehe es nur zu gut und klar ein, was Herodes treibt, und es sind ihm auch schon manche Schranken gesetzt worden und werden auf diese deine Beschwerde ehest noch größere gesetzt werden! Doch für den Augenblick läßt sich das nun nicht ändern; denn er hat sich neuerdings mit dem Lande auf zehn Jahre belehnen lassen und hat dafür den vom Kaiser gesiegelten Vertrag in seinen Händen. Aber dessen ungeachtet werden wir beim Kaiser das schon erwirken, daß dem losen Treiben des großen Schwelgers die rechten und wirksamen Schranken gesetzt werden. Doch bevor ich nun schon hier im Namen des Kaisers etwas anordne, werde ich auch hier diesen allerweisesten Herrn und Meister um einen rechten Rat bitten, und Er wird es mir sagen, was da vor allem not tut.«


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