Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 111. Kapitel: Jesu Ankunft in einer Herberge.

   01] Als sie sich etwa ein paar tausend Schritte von dieser Stelle entfernt befanden, da ersahen wir, die wir auch weiter zogen, schon von ferne den Reiter einhersprengen. Es dauerte nicht lange, so war er auch schon bei uns, blieb stehen und fragte uns hastig, ob wir nicht der Kriegerschar begegnet seien, und ob diese nicht Judenkinder in ihrer Mitte mit sich führte.
   02] Agrikola zeigte ihm, wer er sei, belehrte ihn über alles und zeigte ihm auch die geretteten Kinder, worüber der Reiter sehr erfreut wurde. Aber darauf gab er dem Reiter auch die Weisung an den Hauptmann, wie Ich sie ihm zuvor angeraten hatte.
   03] Der Reiter kehrte darauf schnell um und ritt eiligst nach der Stadt, die von da noch bei anderthalb Stunden Weges entfernt lag, und wir zogen mit den Kindern, die sich mit besonderer Liebe um Mich scharten, unseren Weg weiter.
   04] Die fünf Mädchen, von denen das älteste siebzehn und das jüngste zehn Jahre zählte, klagten, daß sie Schmerzen in den Händen hätten, weil sie zuvor so fest gebunden waren; desgleichen klagten auch die beiden Jünglinge.
   05] Ich aber bestrich mit Meiner Hand ihre Hände und fragte sie, ob sie nun noch einen Schmerz verspürten.
   06] Da sagten sie freudig: »O du guter Mann, wir fühlen nun keine Schmerzen mehr! Wie aber hast du das jetzt gemacht, daß wir nun gar keine Schmerzen mehr fühlen? Ah, du mußt ja gar ein wunderbarer Heiland sein! Du hattest doch keine Salbe und kein Öl, und doch haben wir nun gar keine Schmerzen mehr! Zu Hause haben wir eine Großmutter, die ist schon lange sehr krank, und kein Heiland kann ihr helfen: vielleicht könntest du ihr auch helfen auf die Art, wie du nun uns geholfen hast?«
   07] Sagte Ich: »Ja, ja, ihr Meine lieben Kinder, so wir dahin kommen werden, da wird es sich schon zeigen, was sich alles mit eurer Großmutter wird machen lassen! Habt ihr aber nicht noch einen kranken Menschen im Hause?«
   08] Sagten die Kinder: »O du wundersamer Heiland, wie fragst du uns darum, als wüßtest du schon ohnehin, daß auch einer unserer besten Knechte schon über ein halbes Jahr von einem bösen Fieber gequält wird? Bist du denn schon einmal in unserer Herberge gewesen und hast daselbst übernachtet?«
   09] Sagte Ich: »Meine lieben Kinder, seht, Ich bin persönlich wohl noch niemals in eurer Herberge gewesen, aber mit Meinem Geiste bin Ich überall! Und so weiß Ich denn auch um alles, was irgend ist und geschieht, und kann den Bedrängten und Elenden auch helfen, so sie wahrhaft auf Gott vertrauen und nach den Geboten Gottes handeln und leben!«
   10] Sagten die Kinder: »Wie machst du es aber, daß du mit deinem Geiste dich überallhin versetzen kannst, und dann alles sehen und hören kannst, wie irgend etwas ist und geschieht? Das ist ja nur Gott allein möglich! Hast du denn etwa den Propheten gleich den Geist Gottes von Zeit zu Zeit in dir? Denn die Propheten, so sie weissagten, wurden, wie wir es gelernt haben, mit dem Geiste Gottes erfüllt. Bist etwa auch du ein Prophet?«
   11] Sagte Ich: »Ja, ihr Meine lieben Kinder! Was Ich so ganz eigentlich bin, das würdet ihr jetzt noch nicht begreifen, so Ich es euch auch sagen würde. Aber mit dem Geiste Gottes in Mir hat es seine Richtigkeit; denn ohne den kann kein Mensch etwas wahrhaft Gutes und Ersprießliches tun. Daheim bei euren Eltern aber werden wir uns schon noch näher kennen lernen.
   12] Seht, dort in der Ferne aber kommen eben eure Eltern uns schon entgegen; denn sie haben es schon von dem Reiter in Erfahrung gebracht, daß ihr euch ganz wohl bei uns befindet! So ihr nun wollet, da könnet ihr ihnen entgegeneilen und ihnen sagen, daß wir alle bei ihnen einkehren werden.«
   13] Als die Kinder das von Mir vernommen hatten und ihre Eltern in der Ferne erkannten, da fingen sie an, ihnen entgegenzulaufen, und waren auch bald zu der Eltern größter Freude bei ihnen. Wir aber ließen uns mehr Zeit; denn die Gegend, weil höher gelegen, war hier schön, und die Römer hatten genug zu schauen und zu bewundern und Lazarus und die beiden mit uns ziehenden Wirte ihnen genug zu erklären.
   14] Als die Eltern von ihren Kindern erfuhren, wie wir sie aus den Händen der rauhen Krieger befreit haben, und daß wir in ihrer Herberge einkehren werden, da kehrten sie um, eilten mit den Kindern nach ihrem Hause, um daselbst zu unserem Empfange und zu unserer Bewirtung Anstalten zu treffen und alles aufs möglich beste zu ordnen. Es blieb ihnen wohl freilich nicht viel Zeit übrig, da von unserem Standpunkte aus nur mehr eine halbe Stunde Weges Entfernung bis zur Herberge war; aber wir ließen uns, wie schon früher erwähnt, beim Gehen Zeit, da die Römer diese Gegend in der Nähe Bethlehems sehr denkwürdig fanden und sich bald nach diesem und jenem erkundigten.
   15] Wir verbrachten daher noch eine gute Stunde auf dem Wege bis zur Herberge, und so hatten die Besitzer derselben Zeit, bis zu unserer Ankunft das Nötigste anzuordnen und vorzubereiten. Es ward ein fettes Kalb geschlachtet und für uns wohl zubereitet, und noch manches andere.
   16] Als wir aber der Herberge schon sehr nahe kamen, da eilten uns die beiden Eltern samt ihren sieben Kindern entgegen, grüßten uns auf das höflichste, bewillkommten uns und dankten uns mit Tränen in den Augen für die Wohltat, die wir ihnen durch die Rettung ihrer Kinder erwiesen hatten.
   17] Desgleichen dankten uns auch die Kinder nochmals aufs herzlichste und sagten zu den Eltern, auf Mich hinweisend: »Dies ist der wundersame Heiland, der unsere wunden Hände bloß durchs Bestreichen geheilt hat und uns auch versprach, die arme Großmutter und auch unseren Knecht ganz vollkommen gesund zu machen. Er muß ein großer und von Gottes Geist erfüllter Weiser sein, - denn er wisse um gar alles, was in der ganzen Welt irgend ist und geschieht!«
   18] Die Eltern traten darauf zu Mir hin und sagten: »Nochmals dir, du sichtlich großer Menschenfreund, besonders unseren innigsten Dank für die große Wohltat, die du unseren Kindern erwiesen hast, und wir bitten dich denn auch, daß du auch unserer alten Mutter, und womöglich auch unserem braven Knechte helfen möchtest; denn wir glauben fest und ungezweifelt unseren Kindern, was sie uns von dir ausgesagt haben, und uns bestärkt im Glauben auch die Gegenwart des uns wohlbekannten Lazarus aus Bethanien und der beiden uns ebenfalls bekannten Wirte. Denn diese Männer wären sicher nicht so leicht zu uns gekommen, so du sie nicht hierhergezogen hättest. Die andern Herren aber kennen wir noch nicht näher; nur sehen wir unter ihnen der Tracht nach Römer und Griechen. Diese sind sicher auch nur dir zulieb zu Fuß hierher gekommen; denn so vornehme Römer machen nicht leichtlich einen Weg von etlichen Stunden zu Fuß. Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, du bist auf jeden Fall mehr, als du zu sein scheinst! Ihr kommet sicher aus der Gegend Bethaniens und werdet müde sein; wollet ihr euch denn nicht ins Haus begeben und darin ausruhen, bis das Mittagsmahl vollends bereitet sein wird?«
   19] Sagte Ich: »Seht, hier unter dem Schatten eurer Obstbäume und im Freien läßt sich's angenehmer ruhen, und es gibt ja hier auch eine Menge Tische und Bänke, die wir benutzen können! Zugleich weiß Ich aber, daß der Hauptmann um etwas früher als wir von Bethlehem zu Pferde hierher gekommen ist, mit dem diese Staatsmänner aus Rom etwas zu verhandeln haben. Er stärkt sich nun mit seinen zwei Gefährten mit Brot und Wein, und wir wollen ihn dabei nicht stören; wenn er sich wird gestärkt haben, dann wolle er heraus kommen und sich mit diesen Römern besprechen.«


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